Gebaut und nicht gewollt: Die Dassault Mercure
Die Dassault Mercure war mit nur zwölf gebauten Flugzeugen ein kommerzieller Flop. Einzig Air Inter bestellte sie für ihre französischen Inlandsrouten. Dennoch war die Mercure ein technisch hervorragendes Flugzeug mit einer makellosen Sicherheitsbilanz: Null Tote und Null Unfälle während ihrer 21-jährigen Einsatzzeit.
Mitte der 1960er-Jahre stellten Firmeninhaber Marcel Dassault und die französische Zivilluftfahrtbehörde DGAC (Direction générale de l’aviation civile) fest, dass zahlreiche Flugverbindungen weltweit nur kurze Entfernungen umfassten. Für diesen Markt gab es jedoch kein Flugzeug, das speziell auf diese Anforderungen zugeschnitten war.
Die DGAC schlug Dassault deshalb vor, einen Konkurrenten zur Boeing 737 zu entwickeln, allerdings im oberen Bereich dieses Marktsegments. Vorgesehen war zunächst ein Flugzeug mit etwa 140 Sitzplätzen.
1968 arbeitete das Entwicklungsteam zunächst an einer Variante für 110 bis 120 Passagiere. Sie sollte von zwei im Heck angeordneten Rolls-Royce-Spey-Triebwerken angetrieben werden. Anschließend wurden die Anforderungen geändert: Das Flugzeug sollte nun 150 Passagiere befördern können und eine Reichweite von etwa 1.000 Kilometern (540 nautischen Meilen) besitzen.
Bei der Entwicklung der Tragflächen kamen für die damalige Zeit sehr moderne Berechnungsverfahren zum Einsatz. Obwohl die Mercure größer als die Boeing 737 war, sollte sie eine höhere Geschwindigkeit erreichen. Angetrieben wurde das Flugzeug schließlich von zwei unter den Tragflächen montierten Pratt-&-Whitney-JT8D-15-Zweikreis-Turbofantriebwerken.
Marcel Dassault gab dem neuen Flugzeug den Namen Mercure (Merkur). Er erklärte die Namenswahl damit, dass er einen Namen aus der Mythologie gesucht habe und ihm nur Merkur eingefallen sei – der Gott mit Flügeln am Helm und an den Füßen.
Entwicklung und Erstflug
Das Mercure-Programm wurde im April 1969 offiziell gestartet. Bemerkenswert war von Anfang an die internationale Zusammenarbeit. Unter der Gesamtverantwortung von Dassault wurden wesentliche Teile des Flugzeugs von Unternehmen in mehreren europäischen Ländern sowie in Kanada gefertigt. Beteiligt waren unter anderem Fiat in Italien, CASA in Spanien, ADAP in Belgien, die Eidgenössische Flugzeugfabrik in Emmen in der Schweiz und Canadair in Kanada. Die Endmontage des Prototyps erfolgte in Mérignac, die Serienflugzeuge wurden später in Istres montiert. Dassault bezeichnet dieses Projekt als das erste große europäische Kooperationsprogramm im zivilen Flugzeugbau. Es gilt damit auch als wichtiger Vorläufer späterer europäischer Gemeinschaftsprogramme wie Airbus.
Der erste Prototyp, die Mercure 01, absolvierte am 28. Mai 1971 in Mérignac seinen Erstflug. An Bord waren der Chefpilot Jean Coureau, der Pilot Jérôme Résal und der Testingenieur Gérard Joyeuse. Bereits am 2. Juni 1971 wurde das Flugzeug auf dem Pariser Aerosalon in Le Bourget präsentiert – zu diesem Zeitpunkt hatte es erst neun Flugstunden absolviert.
Einsatz bei Air Inter
Der wichtigste und letztlich einzige Betreiber der Mercure wurde die französische Fluggesellschaft Air Inter. Am 30. Januar 1972 bestellte sie zunächst zehn Flugzeuge. Das erste Serienflugzeug flog am 19. Juli 1973 erstmals. Die zivile Zulassung durch die DGAC erfolgte am 12. Februar 1974.
Am 4. Juni 1974 begann der reguläre Einsatz im Passagierverkehr. Zu den ersten Verbindungen gehörten die Strecken Paris-Orly–Toulouse und Paris-Orly–Lyon.
Die Mercure war damit besonders für den französischen Kurz- und Mittelstreckenverkehr geeignet. Ihre Konstruktion war auf eine hohe Sitzplatzkapazität bei relativ kurzen Flugstrecken ausgerichtet. Dassault beschreibt das Flugzeug als Muster für etwa 130 bis 150 Passagiere.
Warum die Mercure kein kommerzieller Erfolg wurde
Technisch war die Mercure ein anspruchsvoll entwickeltes Flugzeug, kommerziell konnte sie sich jedoch nicht gegen die etablierten Hersteller durchsetzen. Dassault versuchte, sowohl große internationale Fluggesellschaften als auch kleinere und regionale Betreiber für das Flugzeug zu gewinnen. Besonders schwierig war der Zugang zum US-Markt, der zu dieser Zeit stark von Boeing und Douglas geprägt war. Trotz des Interesses verschiedener Fluggesellschaften gingen keine weiteren Bestellungen ein.
Hinzu kamen mehrere ungünstige wirtschaftliche Entwicklungen. Die erste Ölkrise verschlechterte die wirtschaftliche Situation der Fluggesellschaften, während die Abwertung des US-Dollars und die höhere Inflation in Europa die Wettbewerbsposition europäischer Hersteller zusätzlich erschwerten. Außerdem bevorzugten viele Airlines ein Flugzeug, das sowohl auf kurzen als auch auf mittleren Strecken flexibel eingesetzt werden konnte.
Ein weiterer Nachteil waren die JT8D-Triebwerke. Sie waren zwar bewährt, galten aber inzwischen als vergleichsweise alt, laut und treibstoffintensiv. Dassault entwickelte deshalb eine modernisierte Variante, die Mercure 200, mit zwei CFM56-Triebwerken von Snecma/General Electric. Diese Weiterentwicklung kam jedoch nicht mehr zur Serienproduktion.
Insgesamt wurden lediglich zehn Mercure 100 gebaut. Die Serienproduktion wurde am 19. Dezember 1975 eingestellt. Später kam noch der Prototyp Mercure 02 hinzu, der 1983 für den Einsatz bei Air Inter angepasst wurde. Damit verfügte Air Inter schließlich über insgesamt elf Mercure.
Eine bemerkenswerte Einsatzbilanz
Trotz der geringen Stückzahl erwies sich die Mercure im täglichen Betrieb als sehr zuverlässig. Die Flugzeuge von Air Inter blieben bis 1995 im Einsatz. Nach Angaben von Dassault absolvierten die Mercure insgesamt rund 360.000 Flugstunden, beförderten 44 Millionen Passagiere auf etwa 440.000 Flügen und erreichten dabei eine Betriebszuverlässigkeit von 98 Prozent. Laut Dassault kam es während des gesamten kommerziellen Einsatzes zu keinem Unfall.
Die Geschichte der Mercure ist daher ein interessantes Beispiel dafür, dass ein technisch fortschrittliches Verkehrsflugzeug nicht zwangsläufig auch ein kommerzieller Erfolg sein muss. Das Flugzeug war speziell auf einen klar definierten Kurzstreckenmarkt zugeschnitten und zeigte im Betrieb eine bemerkenswerte Zuverlässigkeit. Gleichzeitig erwiesen sich Reichweite, Triebwerkstechnologie, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und die starke Konkurrenz durch etablierte amerikanische Hersteller als entscheidende Nachteile.
Besonders bemerkenswert ist zudem die internationale Produktionsstruktur. Die Zusammenarbeit von Unternehmen aus Frankreich, Italien, Spanien, Belgien, der Schweiz und Kanada machte die Mercure zu einem frühen Beispiel für die grenzüberschreitende industrielle Zusammenarbeit, die später bei europäischen Großprojekten wie Airbus eine zentrale Rolle spielen sollte.
Autor: Redaktion
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