Mit Hinduja Cargo Services versuchte Lufthansa Cargo in den 1990er Jahren, den schnell wachsenden indischen Luftfrachtmarkt mit einer eigenen regionalen Frachtfluggesellschaft zu erschließen. Das Joint Venture mit der Hinduja Group bestand nur wenige Jahre und war ein Opfer seines eigenen Erfolgs.

Die Luftfracht gilt zwar noch immer zu Unrecht als das „Schmuddelkind“ der Verkehrsfliegerei, doch sind gerade hier spannende Erfolgsgeschichten zu finden. So beispielsweise das vor dreißig Jahren in Indien genehmigte Joint-Venture Lufthansa Cargo India.

Die am 30. November 1994 gegründete Lufthansa Cargo AG war nicht einmal ein Jahr alt, als deren erster Vorstandsvorsitzender Wilhelm Althen nach Wegen zur Expansion auf dem boomenden indischen Luftfrachtmarkt suchte. Der Subkontinent befand sich damals wie heute in einer Phase wirtschaftlicher Öffnung und zunehmender internationaler Verflechtung. Mit dem wachsenden Außenhandel stieg auch die Bedeutung der Luftfracht. Lufthansa Cargo war dort bereits präsent, doch das bestehende System hatte seine Grenzen.

Lufthansa gründet die Frachtairline Lufthansa Cargo AG

Sowohl bei der ersten Lufthansa des Jahres 1926, als auch bei der 1953 gegründeten heutigen Lufthansa hat die Luftfracht einen hohen Stellenwert. Als die Lufthansa Cargo AG als eigenständiges Unternehmen ausgegründet wurde, flogen zunächst Boeing 747-200F auf den Langstrecken der Airline, die zuvor für die integrierte Frachtabteilung der Lufthansa im Einsatz standen. Dazu kamen weitere Boeing 747-200F, McDonnell Douglas DC-8-73F und Boeing 737-Frachter, die zuvor für die German Cargo Services flogen. Diese Fracht-Chartertochter der Lufthansa existierte zwischen 1977 und 1993. Mit dem Zwischenschritt der Lufthansa Cargo Airlines GmbH gingen auch deren Aktivitäten in der  Lufthansa Cargo AG auf.

Hinduja Cargo Services
Frachtumschlag der Lufthansa Cargo in Schardscha am Persischen Golf. Bild: Lufthansa Cargo AG

Lufthansa Cargo bediente bereits mehrere indische Städte mit Langstreckenjets direkt ab Deutschland, als ihr Management unmittelbar nach Aufnahme des operativen Betriebs zum 1. Januar 1995 den Entschluss fasste, ein regionales Fracht-Drehkreuz im Golfemirat Schardscha aufzubauen. Dort wurden Frachtströme gebündelt und an die Langstreckenverbindungen des Unternehmens angeschlossen.

Der stark regionalisierte indische Luftfrachtmarkt eignete sich bestens für dieses Hub-And-Spoke-System, das Luftfrachtlogistiker wie FedEx und UPS zu jenem Zeitpunkt bereits erfolgreich mit regionalen Drehkreuzen global praktizierten. Lufthansa Cargo entschied sich deshalb gemeinsam mit einem lokalen Partner eine eigene Frachtfluggesellschaft zu gründen.

Das Joint Venture: Lufthansa Cargo India

Die Beteiligungsverhältnisse waren klar geregelt: 60 Prozent lagen bei der indischen Hinduja Group und 40 Prozent bei der Lufthansa Cargo AG. Die Hinduja Group brachte ihre lokale Expertise in das Projekt ein, während Lufthansa Cargo das gebündelte Aufkommen ihres internationalen Luftfrachtnetzes beisteuerte.

Im April 1996 waren die Formalitäten abgeschlossen. Lufthansa Cargo und die Hinduja Group hatten das Joint Venture gegründet. Die rechtliche Gesellschaft firmierte als Lufthansa Cargo India PVT. Limited, während der Flugbetrieb unter dem Namen Hinduja Cargo Services erfolgen sollte.

Im September 1996, vor  30 Jahren, erhielt die neue Gesellschaft die formelle Genehmigung der indischen Luftfahrtbehörde für die Aufnahme des Flugbetriebs. Der Unternehmenssitz und die Basis befanden sich in Neu-Delhi.

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Abfertigung einer Boeing 747-200F der Lufthansa Cargo AG an ihrem damaligen Drehkreuz im Golf-Emirat Schardscha. Bild: Lufthansa Cargo AG

Boeing-727-Frachter im Einsatz

Das Konzept sah eine Einheitsflotte von Boeing 727-200F vor. Die dreistrahligen Frachter sollten die bereits bestehenden Lufthansa-Cargo-Verbindungen in der Region übernehmen. Jede Maschine verfügte über eine Nutzlast von rund 25 Tonnen.

Die Hinduja-Frachter verbanden nicht nur Schardscha mit indischen Destinationen, sondern führten auch regionale Transporte innerhalb Indiens und zu benachbarten Ländern durch. Zum Streckennetz gehörten im Laufe der kurzen Unternehmensgeschichte unter anderem Neu-Delhi, Mumbai, Bangalore, Calcutta, Colombo, Kathmandu, Karatschi, Lahore, Schardscha und Thiruvananthapuram.

Nach der vor 30 Jahren erfolgten Genehmigung begann der Flugbetrieb am 9. Mai 1997. Die Gesellschaft trug den IATA-Code LF, den ICAO-Code LCI und verwendete das Callsign „Lufthansa India“.

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Das zu den Vereinigten Arabischen Emiraten zählende Emirat Schardscha war ideal für die Anschlussflüge nach Indien gelegen. Bild: Lufthansa Cargo

Hinduja Cargo erübrigt sich selbst

Die kurze Geschichte der Gesellschaft sollte jedoch 1999 von einem schweren Unfall überschattet werden. Am 7. Juli 1999 startete die Boeing 727-200F VT-LCI vom Flughafen Kathmandu. Der Flug wurde von Hinduja Cargo Services im Auftrag von Lufthansa Cargo durchgeführt und trug die Flugnummer 8533. Das Ziel war Delhi. Nur wenige Minuten nach dem Start verunglückte die Maschine in den Bergen südwestlich von Kathmandu. Alle fünf Besatzungsmitglieder kamen ums Leben.

Im April 2000 gab Lufthansa Cargo bekannt, die Zusammenarbeit mit Hinduja Cargo Services auszusetzen beziehungsweise das bisherige Kooperationsmodell zu beenden. Der Grund war nicht etwa ein Rückgang des Verkehrs oder ein Scheitern des indischen Marktes. Im Gegenteil! Zwischen der formalen Genehmigung des Projekts im Herbst 1995 bis zum Ende der Lufthansa-Zusammenarbeit im Jahr 2000 vergingen somit nicht einmal fünf Jahre. Der eigentliche reguläre Flugbetrieb mit den Boeing 727 dauerte nur rund drei Jahre.

Die Nachfrage nach Luftfrachtverbindungen zwischen Indien und Europa hatte sich besser entwickelt als ursprünglich erwartet. Der Markt war inzwischen so groß geworden, dass Lufthansa Cargo ihn zunehmend direkt mit eigenen Langstreckenfrachtern bedienen wollte. So wurde nicht nur Hinduja Cargo Services, sondern auch das Drehkreuz in Scharscha beendet und das Emirat zu einer regulären Station herabgestuft.

Start einer Boeing-747-200F der Lufthansa Cargo AG vom Flughafen Schardscha. Foto: Lufthansa Bild: Lufthansa Cargo AG

Zeitgewinn durch Direktflüge

An die Stelle der regionalen Zubringerverbindungen über Schardscha führte Lufthansa Cargo Direktflüge ab Frankfurt ein. Gegenüber dem bisherigen Routing über das Golfemirat versprach man sich eine Zeitersparnis von sieben bis acht Stunden.

Was bleibt, sind historische Fotos und Dokumente der Lufthansa und Lufthansa Cargo sowie die persönlichen Erinnerungen des Autors an seinen Besuch des Lufthansa-Cargo-Drehkreuzes in Schardscha im Jahr 1996. Sie sind die Basis dieser Story der deutsch-indischen Luftfrachtgeschichte.