In den letzten Kriegsjahren entstand in Schweden die Idee, ein eigenes modernes Verkehrsflugzeug zu entwickeln. Die Saab 90 Scandia sollte AB Aerotransport und später SAS in das Nachkriegszeitalter führen. Doch das ambitionierte Programm blieb ein kommerzieller Außenseiter – und endete nach nur 18 gebauten Exemplaren.

Bei einem Weihnachtsessen im Jahr 1943 diskutierten Carl Florman, Direktor der schwedischen Fluglinie AB Aerotransport (ABA), und Ragnar Wahrgren, Direktor der Saab-Flugzeugwerke, erstmals die Möglichkeit, ein Verkehrsflugzeug in Schweden zu bauen.

Florman war auf der Suche nach einem modernen Flugzeugmuster, mit dem seine ABA in den erwarteten Friedenszeiten an den Start gehen sollte. Saab hatte bis dahin noch nie ein so großes Verkehrsflugzeug gebaut und verfügte im zivilen Luftfahrtgeschäft über keinerlei Erfahrung. Die bereits seit 1926 aktive ABA erschien deshalb als idealer Entwicklungspartner.

Saab 90 Scandia, SAS, Oslo, Oslo-Fornebu
Eine Saab 90 Scandia parkt auf dem Vorfeld des ehemaligen Flughafens Oslo-Formebu. Bild: SAS Museet

Am 23. Februar 1944 präsentierte Saab erste Konzeptideen. Sie entsprachen den grundlegenden Erwartungen der ABA an das Layout des neuen Verkehrsflugzeugs. Der Tiefdecker mit Einziehfahrwerk sollte von zwei Pratt & Whitney R-1830 „Twin Wasp“-Motoren angetrieben werden. ABA erhoffte sich dadurch Synergien bei der Motorüberholung mit der bereits vorhandenen Douglas-DC-3-Flotte.

Carl Florman wünschte sich zudem ein Ganzmetallflugzeug mit einer Kapazität für 25 bis 30 Passagiere und Fracht. Vorgesehen waren eine Reichweite von 1.000 Kilometern, eine Reisegeschwindigkeit von 300 km/h und ein maximales Startgewicht von 11,6 Tonnen.

Saab 90 Scandia, SAS
Die Saab 90 bewährte sich im Einsatz bei SAS, war aber zu speziell für sie konzipiert worden. Bild: Luftfahrtarchiv Wolfgang Borgmann

Saab setzt das Projekt fort

Nur fünf Tage später genehmigte der Saab-Aufsichtsrat die Produktion des zunächst namenlosen Projekts. Obwohl ABA das intern als Civilt Trafikflygplan – ziviles Verkehrsflugzeug – bezeichnete Muster mit Ingenieurleistungen massiv unterstützte, zierte sich die Fluggesellschaft zunächst, Bestellungen abzugeben.

Saab hielt dies jedoch nicht davon ab, das Projekt wie geplant fortzuführen.

Ein halbjähriger Streik in der schwedischen Metallindustrie sowie die komplexen Entwicklungsarbeiten verzögerten den ursprünglich für 1945 vorgesehenen Erstflug. So startete der Prototyp, der inzwischen offiziell als Saab 90 „Scandia“ bezeichnet wurde, erst am 16. November 1946 in Linköping zu seinem ereignislosen Erstflug.

Die Flugerprobung führte zu einer wichtigen Änderung: Die Serienflugzeuge erhielten leistungsstärkere Pratt & Whitney R-2180-Motoren.

Saab 90 Scandia, SAS
Die Scandia kam bei SAS überwiegend auf skandinavischen Inlandsrouten zum Einsatz. Bild: SAS

Eine Verkaufstour ohne Erfolg

Im März 1947 hob eine Vorführmaschine zu einer Verkaufstour durch Europa ab. Für das Saab-Management endete die Reise jedoch mit einer großen Enttäuschung: Keine einzige Bestellung konnte gewonnen werden.

Der erste Durchbruch ließ deshalb auf sich warten. Erst am 20. April 1948 unterzeichnete AB Aerotransport als erster Kunde einen Auftrag über zehn Exemplare der Serienversion Saab 90A-2.

Zwei Jahre später folgten die brasilianischen Fluggesellschaften VASP und Aerovias do Brasil mit einer Bestellung von zunächst sechs Saab 90. Nach der Übernahme von Aerovias durch VASP am 21. Dezember 1950 gingen auch die Scandia-Lieferpositionen an VASP über.

Diesen Aufträgen war eine Verkaufstournee des Saab-90-Prototyps durch die USA und Südamerika vorausgegangen. Interesse weckte das Flugzeug allerdings nur bei den beiden brasilianischen Airlines.

Saab 90 Scandia, Saab, Stockholm, Stockholm-Bromma
Diese Aufnahme zeigt eine Saab 90 Scandia in Werkslackierung (vorne), die anlässlich der Eröffnung eines Hangars am Flughafen Stockholm-Bromma eingeflogen wurde. Bild: SAS Museet

Der Weg nach Brasilien

Nach einem Überführungsflug von Schweden über Genf, Lissabon, Dakar und Recife nach Rio de Janeiro traf das erste ausgelieferte Kundenflugzeug im Juni 1950 bei VASP ein.

ABA, mittlerweile Teil der Scandinavian Airlines (SAS), erhielt ihre erste Scandia im Oktober 1950. Zuvor hatte die Gesellschaft ihre ursprüngliche Bestellung um vier Flugzeuge auf insgesamt sechs Saab 90 reduziert.

Damit waren die wichtigsten Betreiber des schwedischen Verkehrsflugzeugs gefunden. Doch die Zukunft des Programms wurde bereits von ganz anderen Prioritäten bestimmt.

Saab 90 Scandia, SAAB, Aschenbechermodell
Dieses Aschenbechermodell der Saab 90 Scandia wurde von SAAB an potentielle Kunden verteilt. Bild: Luftfahrtarchiv Wolfgang Borgmann

Die schwedische Luftwaffe verdrängt die Scandia

1951 stellte die schwedische Luftwaffe Saab vor die Wahl: Entweder musste die Produktion der Scandia vollständig eingestellt oder an einen anderen Standort verlegt werden.

Grund war der geplante Aufbau von zehn zusätzlichen Geschwadern der schwedischen Luftwaffe. Sie sollten mit insgesamt 661 bestellten Saab J29 Tunnan-Kampfflugzeugen ausgerüstet werden. Die Produktion der Scandia beanspruchte jedoch Kapazitäten im Saab-Werk Linköping, die nun für das militärische Programm benötigt wurden.

Eine Lösung schien sich in den Niederlanden anzubieten. Nachdem Verhandlungen mit dem italienischen Fiat-Konzern erfolglos geblieben waren, vereinbarten Fokker und Saab am 2. Mai 1952 die Lieferung von Bauteilen aus Schweden und die Endmontage der Saab 90 in Amsterdam.

Doch auch bei Fokker blieb die Scandia ein Fremdkörper. Das niederländische Unternehmen bereitete gleichzeitig den Aufbau der Produktionsanlagen für die eigene F-27 Friendship vor.

Erstflug, Saab 90 Scandia, Postflug
Dieser Brief wurde mit dem ersten Postflug einer Saab Scandia der SAS, vom Süden Schwedens in den äußersten Norden des Landes, am 20. Juni 1954, versandt. Bild: Luftfahrtarchiv Wolfgang Borgmann

Das Ende nach nur 18 Flugzeugen

Eine Rückverlagerung der Fertigung nach Schweden erschien wirtschaftlich nicht vertretbar. Saab stellte deshalb notgedrungen sämtliche Verkaufsbemühungen für die Scandia ein.

Im September 1954 lieferte Fokker schließlich die achtzehnte und letzte in Schweden und den Niederlanden produzierte Saab 90 aus. Die SE-BSL war für SAS bestimmt und markierte das Ende der Produktion dieses Flugzeugtyps.

SAS musterte ihre letzte Scandia in der zweiten Jahreshälfte 1957 aus und verkaufte ihre gesamte Flotte an VASP. In Brasilien blieb die Saab 90 dagegen noch deutlich länger im aktiven Airline-Einsatz.

Erst am 22. Juli 1969 endete die Karriere der Scandia im kommerziellen Flugverkehr endgültig.

Ein Verkehrsflugzeug zur falschen Zeit

Die Saab 90 Scandia war für die schwedische Luftfahrt ein ambitioniertes Projekt. Erstmals hatte sich Saab an die Entwicklung eines größeren modernen Verkehrsflugzeugs gewagt und dabei eng mit einem zivilen Betreiber zusammengearbeitet.

Doch das Programm litt unter einer begrenzten Nachfrage, fehlenden Exporterfolgen und schließlich unter den Prioritäten des schwedischen Militärflugzeugbaus. So blieb die Scandia trotz ihrer modernen Konzeption ein seltenes Flugzeug.

Von der ersten Idee während eines Weihnachtsessens im Jahr 1943 bis zur Einstellung des kommerziellen Einsatzes in Brasilien im Jahr 1969 erstreckte sich ihre Geschichte über mehr als ein Vierteljahrhundert. Gebaut wurden jedoch lediglich 18 Exemplare.

Die Saab 90 Scandia blieb damit vor allem eines: der große schwedische Hoffnungsträger, der den internationalen Durchbruch nie erreichte.

Die wichtigsten Daten der Saab 90 Scandia

Hersteller: Svenska Aeroplan AB (Saab), Linköping, Schweden
Erstflug: 16. November 1946
Gebaute Exemplare: 18
Spannweite: 28,0 Meter
Länge: 21,3 Meter
Höhe: 7,1 Meter
Motoren: 2 × Pratt & Whitney Twin Wasp R-2180E-1
Reisegeschwindigkeit: ca. 390 km/h
Reichweite: 2.400 Kilometer
Besatzung: zwei im Flightdeck, ein Kabinenbesatzungsmitglied

Angaben für die SAS-Version