Viele Airline-Piloten üben neben ihrer fliegerischen Tätigkeit Nebenjobs aus. Austrian-Airlines-Pilot Johann-Philipp Spiegelfeld hat einen ganz besonderen: Er moderiert eine eigene Fernsehsendung beim ORF.

Flugkapitän Johann-Philipp Spiegelfeld, 12 000 Flugstunden Erfahrung, steht in der Tür zum Cockpit und begrüßt seine Passagiere persönlich. Und es dauert nicht lange, bis die ersten Passagiere ihren heutigen Kapitän erkennen: „Sie sind doch der von Herrschaftszeiten!“ Herrschaftszeiten: Wer schon immer mal etwas über österreichische Adelshäuser wissen wollte, sollte beim ORF-TV-Format einschalten. Jeweils 45 Minuten lang plaudert Spiegelfeld, selbst studierter Historiker und aus adeligem Hause, mit blaublütigen Familien auf deren Stammsitzen.

Heute steht jedoch ein Umlauf nach Athen auf dem Programm. Zur Begrüßung am Eingang zu stehen, mache er nicht, um Komplimente einzufangen, sagt Spiegelfeld. Vielmehr gehe es darum, „einen Eindruck von den Passagieren zu bekommen“. Etwas später sind alle 162 Fluggäste an Bord und die Türen geschlossen. „Wir fangen an“, sagt der Kapitän. Das Triebwerk-Startprozedere beginnt. Die Cockpitcrew lenkt ihre A320 mit der Kennung OE-LZD von der Vorfeldposition zur Piste, und schon bald beschleunigt Spiegelfeld auf der Startbahn 29 auf 255 km/h.

Wie kam Johann-Philipp Spiegelfeld zum Fernsehen?

Wir heben ab. Zufälle pflastern seinen Weg. Das Routing von Wien nach Athen verläuft klassisch über Belgrad, nördlich vorbei an Pristina, und als Ausweich-Airport haben Spiegelfeld und seine Copilotin Chania auf Kreta ausgewählt. In 37 000 Fuß Höhe bleibt Zeit für ein Gespräch. Spiegelfeld erinnert sich gern an den Zufall, als Flugkapitän zu einer eigenen Fernsehsendung gekommen zu sein:

„Das Schicksal hat mich vor die Kamera gespült. Im Grunde war es so, dass in der Corona-Zeit Austrian Airlines meist nicht geflogen ist, so wie alle anderen Fluglinien auch.“ Ein ehemaliger Studienkollege Spiegelfelds, der beim ORF arbeitet, habe ihn angesprochen, ob er sich vorstellen könne, an einem TV-Format teilzunehmen. „Dann hat es ein kleines Casting gegeben“, so der Kapitän. Der Rest sei Fernsehgeschichte.

Spiegelfeld mit Kollegin im Cockpit
Derzeit ist Spiegelfeld (l.) Kapitän auf der A320/A321. Bild: Kurt Hofmann

Was macht ein Austrian-Airlines-Pilot im Fernsehen?

Für die Sendung „Herrschaftszeiten“ reist Spiegelfeld durch ganz Österreich, besichtigt Burgen und Schlösser, führt interessante Gespräche mit deren Bewohnern. „Ich war schon öfter bei Familienangehörigen und Freunden zu besonderen Orten eingeladen, ohne mir bewusst zu sein, wo ich mich gerade befinde. In dieser Sendung besuche ich nun genau solche Herrschaften und möchte mit einem gewissen Augenzwinkern den Bildungsauftrag des ORF erfüllen, indem ich die Gebäude sowie die Menschen, die darin leben, dem geschätzten Publikum näherbringe.“ Spiegelfeld kennt etliche Schlossherren, manche sind auch Teil der Familie. „Wir sind alle freundschaftlich verbunden, und das macht das Ganze leichter“.

Bis jetzt wurden 26 Sendungen gedreht. Für eine Folge sind drei Produktionstage angesetzt. Doch das ausgearbeitete Drehbuch wird durch die spontane Art von Spiegelfeld gerne schnell über den Haufen geworfen. Er bezeichnet sich selbst als „professionell- unprofessioneller Moderator“. Das Produktionsteam umfasst acht Leute, inklusive ihm. „Die Drehtage sind sehr lang und anstrengend. Aber seit der ersten Sendung sind wir immer dasselbe Team. Alle wissen genau, was ich nicht so gut kann oder was mir mehr liegt, und sie unterstützen mich auch sehr“.

Warum Spiegelfeld dem Cockpit treu bleibt

Vom Fliegen lassen will er dennoch nicht: „Ich liebe meinen Beruf. Ich würde ihn niemals aufgeben. Daher bleibt fürs Fernsehen jetzt nicht mehr so viel Zeit. Zwischen drei und vier Sendungen im Jahr sind geplant.“ Spiegelfeld hat eine 80-prozentige Teilzeitverpflichtung, und so werde er bei Austrian Airlines eingeteilt. Darüber hinaus ist er stolz, bei Austrian in einer Abteilung zu arbeiten, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigt.

„Flugzeuge werden noch lange mit Kerosin fliegen. Trotzdem ist es schon auch die Aufgabe von uns Piloten, dass wir versuchen, jedes mögliche Kilogramm CO2 einzusparen“, so Spiegelfeld. In seiner Funktion übernimmt er zusätzliche Büroaufgaben, die ihn durchschnittlich vier Tage im Monat an den Schreibtisch fesseln.

Filmaufnahmen von „Herrschaftszeiten“
Die Sendung „Herrschaftszeiten“ wird seit 2020 ausgestrahlt. Bild: ORF

Wie reagieren Passagiere auf den Austrian-Airlines-Piloten?

Anflug auf Athen: Es herrscht viel Verkehr am Ziel und etwas Unruhe auch in der Kabine. Ein Gewitter steht über dem Meer. Aber: Eine professionelle Teamarbeit sorgt für reibungslose Abläufe. Am Athener Flughafen selbst sind nur 45 Minuten für den Aufenthalt geplant. Die Kabine wird gereinigt, Spiegelfeld macht den Außencheck des Flugzeugs.

Beim Boarding dann erneut dasselbe Szenario wie in Wien: Der Kapitän steht am Eingang und begrüßt die Gäste. „Es ist eine meiner Lieblingssendungen“, gluckst eine Passagierin. „Ah, dann sind sie also meine Zuschauerin“, kontert Spiegelfeld charmant und erzählt, dass er vor allem auf Ferienflügen oft erkannt werde. „Derzeit ist es noch angenehm. Vor allem, wenn die Leute mir ein positives Feedback geben, das hört man schließlich gern.“

Vom Geschichtsstudium ins Cockpit

Ausgebucht wird die OE-LZD zurück nach Wien fliegen. Leicht verspätet erfolgt der Pushback. Auf dem Weg zur Startbahn fällt der Blick auf zahlreiche israelische Verkehrsflugzeuge, die in die griechische Hauptstadt in Sicherheit gebracht wurden, um den Kriegswirren im Heimatland zu entkommen. Es sind zweifellos ungewisse Zeiten…

Doch was hat Spiegelfeld ins Cockpit verschlagen? Lebt er hier einen Traum? „Es war nicht wirklich mein absoluter Berufswunsch“, erklärt er. Doch auch da kam ihm ein Zufall zur Hilfe: „Ich wollte immer Wirtschaft und Geschichte studieren. Da bin ich bei einem Kurs auf das Thema Assessment-Verfahren gekommen“. Damals habe es noch nicht so viele Berufe gegeben, wo man im Vorfeld durch ein solches musste. Da habe er die Selektion bei Austrian Airlines probiert, so der gebürtige Wiener. Mit Erfolg.

Prominenter Austrian Airlines Pilot
Johann-Philipp Spiegelfeld zählt wohl zu den prominentesten Piloten der Austrian Airlines. Bild: Kurt Hofmann

Die Karriere des Austrian-Airlines-Piloten

Seine Ausbildung begann Spiegelfeld 2001. Seit 2002 sitzt er im Cockpit, zunächst auf der Fokker 70, dann auf der Boeing 737, der A320, schließlich kam der Schwenk zum Großraumjet Boeing 767. Seit 2017 ist Spiegelfeld Kapitän auf A320/321. Darüber hinaus ist er auch noch Fluglehrer bei Austrian und Prüfer für Austro Control.

Und wann geht es auf die Boeing 787, also auf die nächste Stufe der Karriereleiter? „Das ist ein tolles Flugzeug, aber von der Seniorität her wird es noch einige Jahre dauern“, schätzt Spiegelfeld, bevor es in den Anflug auf Wien geht. Trotz des leicht verspäteten Pushbacks in Athen landen wir pünktlich.

Was kommt nach „Herrschaftszeiten“?

Doch nicht nur Spiegelfeld plant seine Zukunft, auch das ORF arbeitet bereits an neuen Formaten mit dem fliegenden Moderator: Die seit 2020 ausgestrahlte Sendung „Herrschaftszeiten“ bekommt ein Pendant. Im kommenden November wird Spiegelfeld die Moderation von„Herrgottszeiten“ übernehmen. „Das finde ich besonders spannend. Klöster gehören zu Österreich. Wie Mönche leben, das ist, glaub ich, nicht so bekannt, und das würde ich gern zeigen“, so Spiegelfeld.

Historien von Stiften und Klöstern nicht aus einem Geschichtsbuch vorzulesen, sondern es kurzweilig zu erzählen, sei schließlich etwas ganz anderes. Und so mancher Passagier dürfte auch in Zukunft seinen Augen kaum trauen, wer ihn da so durch Europa fliegt: Flugkapitän und TV-Moderator Johann-Philipp Spiegelfeld.