Seit 2002 stand Dr. Michael Kerkloh an der Spitze der Flughafen München GmbH (FMG). Nach 17 Jahren verabschiedete sich der Vorsitzende der Geschäftsführung  zum Jahreswechsel in den Ruhestand. Anlass genug für Aerointernational.de/Aeroscope.de, mit dem scheidenden Flughafen-Chef über persönliche Erfolge und Niederlagen, Perspektiven der Luftfahrt, private Visionen und sein schlechtes Handicap zu sprechen.

Aeroscope.de: Herr Dr. Kerkloh, seit 32 Jahren waren Sie in der Luftfahrt tätig. Wie fühlt es sich an, dass Sie mit dem Jahreswechsel Ihren Vertrag als CEO des Münchner Flughafens beenden konnten und jetzt „frei“ sind?

Dr. Kerkloh: Von der Luftfahrt ist man niemals frei. Zum einen, weil ich nicht plane, mein Reisen einzustellen – trotz Greta. Und zum anderen, weil für mich die Luftfahrt die Welt erschlossen hat. Ich war immer neugierig auf die Welt und habe das Glück gehabt, an verschiedenen Stationen in meinem Berufsleben Dinge tun zu dürfen, die andere nicht tun konnten. Es gibt nicht viele Menschen, die Flughafen-Chef werden können. Das nimmt man sich nicht vor.

Aeroscope.de: Wenn Sie Ihre Stationen betrachten, die Flughäfen Frankfurt, Hamburg und München. Können Sie jedem Standort ein Schlagwort zuteilen?

Dr. Kerkloh: Frankfurt war meine Ausbildung – eine sehr gute Ausgangssituation, um Branchenkenntnis zu erwerben. Dort habe ich in einem großen System sehr bodenständig gearbeitet. Ich war am Ende Operativer Chef des Ground Handling und hatte dort mit dem luftfahrtbezogenen Tagesgeschäft zu tun. Wenn man sich dauernd auf dem Vorfeld bewegt, saugt man Kerosin ein. Und es hat natürlich auch immer den Duft der großen weiten Welt gehabt – tanzende Maori auf dem Vorfeld inklusive. Diese Abfertigungsmaschinerie, die das Herz eines Flughafens ist, hat mich stark geprägt. Und natürlich auch die unmittelbare Nähe zu den Beschäftigten. Als Studierter musste ich mir meine Lorbeeren als Rampenchef erst verdienen. Dort als Dr. einzusteigen, wo im Grunde eine einfache Sprache gepflegt wurde, das war eine interessante Beziehungserfahrung. Aber da ich aus einer Zechenstadt komme, kannte ich diese Sprache und habe dann relativ schnell Akzeptanz gefunden.

Aeroscope.de: Wie sieht es mit Hamburg aus?

Dr. Kerkloh: Hamburg war ganz anders. Dort hatte ich kaufmännische Aufgaben, war Personalchef und habe später das Groundhandling übernommen. Das war in der Zeit, in der wir  aufgrund der Ausgliederungsthemen häufig mit den Gewerkschaften zu tun hatten. Aber natürlich in einer völlig anderen Stadt, die entsprechend anders tickt. Der Flughafen war wesentlich kleiner, den Zugang zu den Mitarbeitern habe ich auch hier gehabt. Ich war immer ein Manager, den man ansprechen kann und mir waren die Anliegen aller gleichermaßen wichtig.

Aeroscope.de: Und dann kam München…

Dr. Kerkloh: Dann kam mit München wiederum eine ganz andere Welt. Als Nordwestdeutscher hat man ja, wenn man Bayern nicht kennt, großen Respekt vor dem Anderssein Bayerns. Was ich sofort toll fand, war die sprichwörtliche bayerische Gastfreundschaft. Beginnend mit dem Weißwurst-Frühstück, mit dem mich meine engsten Mitarbeiter empfangen haben. Hier hatte ich wiederum andere Aufgaben, mit vielfältigsten Verpflichtungen nach außen. Am ersten Tag habe ich gleich alle Umland-Bürgermeister kennengelernt auf dem Freisinger Herbstfest. Die gesamte Fest-Kultur ist in Bayern extrem ausgeprägt und führt die Menschen zusammen. Da gibt es einen sehr starken Wunsch, sich zu vernetzen. Das hat mir den Anfang in München leicht gemacht.

Aeroscope.de: Was sind die Besonderheiten des Münchner Flughafens?

Dr. Kerkloh: Wir sind sicherlich ein Flughafen, der eine große emotionale Komponente hat. Nicht nur für die Menschen, die hier arbeiten, sondern auch für unsere Gäste. Ich stelle immer wieder fest, dass wir sehr beliebt sind, obwohl Großflughäfen normalerweise eher gehasst werden.

Aeroscope.de: Was gefällt Ihnen besonders?

Dr. Kerkloh: Ganz besonders gefällt mir am Münchner Flughafen, dass er einfach schön ist. Aber wir haben natürlich auch – zumindest in der Zeit, in der ich jetzt hier war – darauf geachtet, dass er trotz seines Riesenwachstums schön bleibt. Das ist erstaunlich, denn der Flughafen ist jetzt, im Vergleich zu der Zeit als ich kam, mehr als doppelt so groß. Aber wir pflegen das Erscheinungsbild, zum Beispiel durch einen besonderen Umgang mit Werbung. Trotz mancher kommerzieller Notwendigkeiten beschränken wir uns hier auf das Mindestmaß.

Aeroscope.de: Was war denn Ihr größter Erfolg in München?

Dr. Kerkloh: Den Flughafen in die Spitzengruppe der europäischen Flughäfen geführt zu haben. Wir haben  weltweit eine hervorragende Reputation. Wir sind eine Marke, wir sind ein Brand, bei uns kann man etwas Besonderes erwarten. Wir sind besonders kundenfreundlich. Was nicht zuletzt auf die strategische Partnerschaft mit der Lufthansa, die wir durch unser „Joint Venture“ haben, zurückzuführen ist. Diese entstand aus einem situativen Engpass in Frankfurt und hat inzwischen eine starke Eigendynamik entwickelt.

Aeroscope.de: Und was war Ihre größte Niederlage?

Dr. Kerkloh: Ich habe zwei große Niederlagen – den Transrapid und natürlich die dritte Startbahn. Die ist zwar schubladenfertig, denn wir haben alle Genehmigungs- und Gerichtsverfahren durchlaufen, aber der politische Wille ist derzeit nicht da, sie zu realisieren. Und dies, obwohl die Kapazitätsengpässe ja evident sind und in Zukunft auch das Wachstum negativ beeinflussen werden.

Aeroscope.de: Woran liegt es, dass die dritte Startbahn bislang nicht realisiert wurde?

Dr. Kerkloh: Wir sind durch den Bürgerentscheid stark zurückgeworfen worden. Das schien damals – wie man hier so schön sagt, für uns eine „gmahte Wiesn“, also eine sichere Sache. Wir gingen davon aus, dass sich die Münchner – weil nicht direkt betroffen – für das Projekt aussprechen. Weder die Politik, noch die Industrie, noch die Gewerkschaften haben sich damals hinter unser Projekt gestellt. Inzwischen ist die Situation durch die Klimadebatte noch schwieriger geworden.

Aeroscope.de: Was bedeutet das für die Zukunft des Airports?

Dr. Kerkloh: Jetzt kommt eine andere Phase. Denn man muss mit den Knappheiten umgehen und die Effizienz steigern. Wenn wir im Luftverkehr nicht mehr so gut verdienen, werden andere Geschäftsbereiche wichtiger – wie zum Beispiel LabCampus. Unser Innovationszentrum bringt Wissenschaft, große Firmen und Start-ups zusammen, um an Zukunftslösungen beispielsweise für die Automatisierung am Flughafen und die Entwicklung von neuen kommerziellen Geschäftsmodellen zu arbeiten. Im Grunde genommen geht es darum, eine stabile Finanzierungsbasis beizubehalten.

Aeroscope.de: Gibt’s denn zumindest für die S-Bahn-Anbindung des Flughafens binnen der nächsten fünf bis zehn Jahre eine Verbesserung?

Dr. Kerkloh: Große Fortschritte werden wir bis dahin nicht gemacht haben. Wir reden hier über Zeithorizonte von 20 bis 30 Jahren. Ich finde es überhaupt nicht akzeptabel. Dahinter stehen endlose Beteiligungs- und Genehmigungs-Prozesse sowie die Umweltgesetzgebung, die ein schnelles Realisieren unmöglich machen. Deswegen sind alle politischen Äußerungen, die ein zeitnahes Umsteuern des deutschen Luftverkehrs auf die Schiene betreffen, Makulatur. Wenn nicht die gesamte Genehmigungslage signifikant verändert und beschleunigt wird.

Aeroscope.de: Das heißt, man wird aus den Gegebenheiten das Beste machen müssen?

Dr. Kerkloh: Genau. Aber der Flughafen wächst als Airport City weiter. Das ist sicherlich der Schwerpunkt, auf den wir uns stärker konzentrieren werden. Wir werden weitere Abfertigungskapazitäten schaffen. Konkret ist ein Pier schon im Bau. Und wir haben aktuell mit der Deutschen Lufthansa in einem „Letter of Intent“ die Erweiterung des Terminal-2-Satelliten in Form eines T-Stiels vereinbart, um zusätzliche Kapazitäten zu schaffen.

Aeroscope.de: Glauben Sie, mit alternativen Kraftstoffen, wie „Power to Liquid“ geht es jetzt voran oder sind die jährlich 100 Millionen Euro Förderung, die der Bundestag jetzt für 2020/21 zugesagt hat, nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Dr. Kerkloh: Das ist ein wichtiges Signal, aber es reicht natürlich nicht. Für einen nachhaltigen Luftverkehr braucht es nicht nur Forschung und Entwicklung bis zur Serienreife, sondern eine ganze Menge Investitionen. Grünes Fliegen ist aber kein Traum, sondern wird in mittelbarer Zukunft durch den Einsatz nachhaltiger Treibstoffe auf jeden Fall Realität werden – zumindest in Europa. Allerdings bleibt die Frage, wie man damit wettbewerbsfähig bleiben kann in der weltweiten Konkurrenz. Unser Flughafen hat eine “Carbon-Zero-Strategie“. Wir wollen zu 100 Prozent unsere Energie aus nachhaltigen Rohstoffen nutzen und dazu haben wir ein dreistelliges Millionen-Programm auf die Beine gestellt.

Aeroscope.de: Und wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus? Haben Sie konkrete Pläne für den Ruhestand?

Dr. Kerkloh: Ich freue mich erst einmal auf eine unstrukturierte Pause. An Ruhestand denke ich dabei nicht.

Aeroscope.de: Womit wollen Sie diese Pause füllen? Einige fallen ja doch in ein Loch…

Dr. Kerkloh: Ich bin gespannt auf die Erfahrung dieses Lochs. Es gibt massenhaft Dinge, denen ich mich zuwenden kann, die in meinem Arbeitsleben zu kurz gekommen sind. Nach einer sauberen Übergabe hier am Flughafen werde ich sehen, welche meiner Interessen sich Bahn brechen. Ich bin nach wie vor neugierig auf die Welt.

Aeroscope.de: Gibt es Länder, die Sie besonders reizen, weil Sie sie noch nicht kennen?

Dr. Kerkloh: Ich habe viel gesehen, aber die meisten Länder dabei nie intensiv kennengelernt. Ich interessiere mich für die Komplexität der Welt und finde gerade die Unterschiedlichkeit der Länder reizvoll. Vielleicht fahre ich im Sommer auch mal an den Gardasee oder nach Norditalien. Das Gute liegt oft ziemlich nah, und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Europa der beste Kontinent ist. Russland, Südeuropa oder UK bieten jede Menge Gegensätze. Eine Fantasie ist auch, dass ich einen Sommer lang von Rockfestival zu Rockfestival fahre und unter der Woche golfe.

Aeroscope.de: Rock ist Ihre bevorzugte Musik?

Dr. Kerkloh: Ich finde alles interessant. Ich komme aus der Klassik – da kenne ich mich gut aus. Ich spiele Tasten-Instrumente, Schlagzeug, Gitarre und Geige, mag aber auch Jazz und alle Spielarten der zeitgenössischen Populärkultur – außer Techno.

Aeroscope.de: Wie ist eigentlich Ihr Handicap?

Dr. Kerkloh: Schlecht, aber wieso sollte es auch gut sein? Golf ist ein schöner Sport für mich, weil ich gern draußen bin. Aber ein Tunierfreak war ich nie.

Aeroscope.de: Werden Sie es vermissen, dass das Telefon nicht mehr so oft klingelt?

Dr. Kerkloh: Ich glaube, dass es noch häufig genug klingeln wird. Denn ich bleibe der Luftfahrt nicht nur gewogen, sondern hoffentlich auch erhalten. Aber ich war als Airportchef bis jetzt immer fremdbestimmt und freue ich mich nun auf meine Unabhängigkeit.

Das Gespräch führte Catharina Puppel für Aeroscope.de.