AERO INTERNATIONAL: Die Zahl der Passagiere wächst, schon heute sind viele Airports überlastet. Welche Lösungen haben Sie, um das Aufkommen zu bewältigen?

Michael Urbaner:
Der Anstieg ist für die Luftfahrtbranche ein bekanntes Problem. Der Bau von zusätzlichen oder größeren Flughäfen ist nur ein Teil der Lösung und sicher nicht die wirkungsvollste Antwort. Aus diesem Grund befassen sich Flughäfen und Fluggesellschaften zunehmend mit neuen Technologien und suchen auf diesem Weg nach neuen und effizienteren Lösungen für die Abfertigung und die Steigerung der Kundenzufriedenheit. Technologien, die Flughäfen darin unterstützen, den Anstieg der Fluggastzahlen besser zu managen, sind für SITA ein Schwerpunktbereich. Wir arbeiten daran, Prozesse am Flughafen zu automatisieren oder im Idealfall sogar zu eliminieren, und Flugreisen damit in jeder Phase einfacher zu gestalten.

Können Sie ein Beispiel nennen?


In den USA wird biometrische Technologie von SITA bereits für traditionelle Bordkarten-, Identitäts- und Grenzkontrollen eingesetzt. Das bedeutet: Es finden Kontrollen seitens der Fluggesellschaften, der Flughäfen und staatlicher Behörden in einem Schritt statt. Wir haben diese Technologie gemeinsam mit British Airways und der US-Zoll- und Grenzschutzbehörde (Customs and Border Protection – CBP) im Flughafen Orlando erprobt. Dabei boten wir im ersten Schritt den Fluggästen von British Airways die Option des biometrischen Boardings am Flugsteig für Flüge von Orlando nach London-Gatwick an.

Mit welchem Ergebnis? 


Nahezu 100 Prozent der Fluggäste haben das Angebot genutzt. Gleichzeitig konnte British Airways den Einstieg von 240 Passagieren in rund zehn Minuten abwickeln. Das ist fast doppelt so viel wie ohne biometrisches Boarding. Aufgrund dieses Erfolgs hat der Flughafen Orlando jetzt beschlossen, die SITA-Lösung an allen 30 internationalen Gates einzurichten. Dort wird sie dann natürlich auch von anderen Fluglinien genutzt.

In Deutschland ist eine Vergrößerung der Flughäfen nur sehr begrenzt möglich. Da würde es sich anbieten, wie in Orlando die Kapazität zu steigern.


Natürlich. Die Digitalisierung eröffnet eine breite Palette an Möglichkeiten. Neue Technologien können Abläufe am Flughafen effizienter gestalten und führen somit zu höherer Kapazität. Je stärker die Fluggastabfertigung automatisiert wird, desto besser und schneller ist das Reiseerlebnis. Das gilt natürlich auch für Deutschland. Eine interessante Beobachtung, die wir gemacht haben: Die Zufriedenheit der Passagiere steigt, wenn sie biometrische und automatisierte Kontrollen nutzen können, anstatt manuell von einer Aufsichtsperson überprüft zu werden. Fluggäste ziehen somit biometrische Lösungen vor, wenn es ihren Weg durch den Flughafen beschleunigt.

Wie der Flughafen Incheon bieten viele Airports Automaten für den Check-in
 des Gepäcks (Foto: Frank Littek)

Das Verfahren, das in Orlando erprobt wurde, heißt Smart Path. Wie ist da der neueste Stand?


SITA Smart Path ist ein Produkt, das wir entwickelt haben. Die Technologie ist für Flughäfen und Fluggesellschaften weltweit konzipiert, um gemeinsam nutzbare biometrische Self-Service-Lösungen für Fluggäste anzubieten. Jeder Flughafen und jede Airline, die eine gemeinsam nutzbare Passagierplattform verwenden, kann SITA Smart Path einsetzen. Darüberhinaus kann die biometrische Lösung im gesamten Flughafen auch auf andere Prozesse und Checkpoints ausgedehnt werden, an denen Dokumentenkontrollen erforderlich sind. Biometrie wird in Zukunft führend sein, wenn es darum geht, den Weg des Passagiers durch den Flughafen möglichst schnell und komfortabel zu gestalten. Weltweit nutzen immer mehr Flughäfen die Vorteile dieser Technologie.

Welche zum Beispiel?


Smart Path wird inzwischen in vielen internationalen Flughäfen eingesetzt: Brisbane in Australien, Doha in Katar, Maskat im Oman und Orlando, Boston und Miami in den USA, unter anderen von JetBlue aber auch von British Airways und seit kurzem von Lufthansa. Das Interesse wächst weltweit. Mehrere weitere US- und europäische Flughäfen werden die Lösung in diesem Jahr einführen.

Das Potenzial von Smart Path kann nur voll umgesetzt werden, wenn auch staatliche Stellen mitmachen, zum Beispiel bei der Passkontrolle. Wo stehen Sie hier?


Eine Zusammenarbeit der verschiedenen Beteiligten am Flughafen – Airlines, Behörden und Bodenpersonal – ist entscheidend, um zu gewährleisten, dass die biometrische Identität auf jedem Schritt als Ausweis akzeptiert wird. Das ist ein wichtiger Schritt, an dem wir arbeiten. Dabei sind wir auf einem guten Weg. Im genannten Beispiel der USA haben wir gemeinsam mit der Zoll- und Grenzschutzbehörde CBP, mit Airlines und Flughäfen eine einstufige Ausreisekontrolle aufgebaut. Das System ermöglicht es der CBP, die Personen zu identifizieren, die die USA verlassen, während die Fluggesellschaft überprüfen kann, ob die Passagiere einstiegsberechtigt sind.

Hierzu müssen Fluggäste lediglich vor eine Kamera treten und sich fotografieren lassen. Nach der Überprüfung öffnet sich das Gate und der Reisende kann den Flug antreten. Auch in Europa und Deutschland sehen wir enorme Vorteile darin, Flughäfen bei der Optimierung der Fluggastabwicklung zu unterstützen. Wir diskutieren die Technologie bereits mit mehreren Flughäfen und Regierungen in Europa. Gleichzeitig müssen wir als Unternehmen der Luftfahrtbranche natürlich den Schutz der biometrischen Daten von Fluggästen sicherstellen. Auch daran arbeiten wir.

Ein weiteres Thema ist die Gepäckabfertigung. Der Verband IATA hat einen Beschluss mit der Nummer 753 verabschiedet. Was hat es damit auf sich?


Die IATA-Resolution 753 hat das Potenzial für weitere Verbesserungen beim Gepäckmanagement klar in den Mittelpunkt gerückt.Die Resolution legt ja fest, dass Gepäck an Schlüsselpunkten verfolgt werden muss: beim Check-in, beim Laden ins Flugzeug sowie beim Transfer und bei der Ankunft. Obwohl Technologie und bessere Abläufe seit 2007 zu einer Reduzierung der Abfertigungsfehler um 70 Prozent beigetragen haben, bieten erweiterte Tracking-Lösungen zusätzliches Verbesserungspotenzial.

Eine hundertprozentige Gepäckverfolgung kann Abfertigungsfehler um 25 Prozent reduzieren, und in einigen Fällen konnten Airlines sogar eine Senkung um 35 Prozent erzielen. Wir unterstützen Fluggesellschaften und Flughäfen darin, die Anforderungen zu erfüllen. Unsere Gepäckverfolgungslösung bietet die Wahl zwischen Handgeräten und automatisierten Scannern, die schnell und kostengünstig installiert werden können.

Michael Urbaner hat täglich mit Flughäfen und ihrer Auslastung zu tun. Nach seiner
 Ansicht lässt sich durch Technologieeinsatz die Kapazität der Airports deutlich steigern (Foto: SITA)

Erfolgreich? 


Allein im ersten Halbjahr 2018 haben sich über 20 Fluggesellschaften für diese Lösung entschieden, darunter auch der Flughafen Istanbul, einer der größten und neuesten Airports der Welt.

Was bedeutet der Einsatz eines solches Systems konkret für Fluggäste?


Zunächst einmal bietet die Gepäckverfolgung Fluggästen größere Sicherheit, dass ihr Gepäck mit ihnen am Ziel ankommt. Wenn Flughafenbetreiber und Bodenpersonal wissen, an welchen der Punkte sich Gepäckstücke befinden, können sie das Gepäck identifizieren, bevor Fehler passieren oder das Gepäck auf den falschen Flug geladen wird. Außerdem können die Trackingdaten mit den Fluggästen geteilt werden – beispielsweise über eine App des Flughafens.

Das Schlagwort Internet of Things (IoT) ist immer wieder zu hören, also die Vernetzung von Geräten wie Smartphones und mit Sensoren versehenen Gegenständen des Alltags. Kann diese Technologie beim Reisen helfen? 


Unsere Studie Air Transport IT Insights zeigt, dass IoT noch nicht flächendeckend von Flughäfen eingesetzt wird. Wir beobachten aber einen wachsenden Aufbau insbesondere für betriebliche Services. 27 Prozent der Flughäfen haben geografische Informationssysteme eingeführt; jeweils 15 Prozent überwachen die Position oder den Zustand von am Flughafen eingesetzten Geräten. Mit anderen Worten: IoT hilft den Flughäfen im Zusammenspiel mit anderen Technologien, Abläufe vor Ort besser zu verstehen und Ressourcen effizienter zu managen.

Das Interview führte Frank Littek, AERO INTERNATIONAL 4/2019