Im exklusiven Interview mit Kurt Hofmann gewährt Air India CEO Campbell Wilson Einblick in die laufende Transformation der Airline sowie den Stand der Aufarbeitung des Absturzes von Air-India-Flug 171.

AERO INTERNATIONAL: Air India ist auf Expansionskurs. Wie steht es mit den Auslieferungen neuer Flugzeuge in diesem Jahr?

CAMPBELL WILSON: Wir rechnen 2026 mit etwa 20 oder 21 neuen Flugzeugen. Das ist deutlich weniger als erwartet. Noch im Dezember 2025 waren die Auslieferungen von 28 Flugzeugen im Verzug, und dies wirkt sich auf die Folgejahre aus. 2026 wird dennoch das Jahr sein, in dem sich unser internationales Angebot merklich verändert. Die Umrüstung unserer Inlandsflotte ist abgeschlossen, das Retrofit-Programm für die Großraumflugzeuge läuft auf Hochtouren.

Es gab eine Verzögerung von 18 Monaten bis zu zwei Jahren insbesondere wegen der First- und Business-Class-Sitze. Die ersten umgerüsteten Boeing 787 sind in diesem Monat zurückgekehrt, nun folgen monatlich zwei bis drei weitere. Das 777-Retrofit-Programm startet ebenfalls. Innerhalb von etwa 18 Monaten wird unsere gesamte Widebody-Flotte auf Weltklasse-Niveau sein – passend zur bereits umgerüsteten Narrowbody-Flotte. An Service, Unternehmenskultur und weiteren Punkten arbeiten wir ebenfalls. Nach fünf Jahren Transformation dürften wir unser Ziel nahezu erreicht haben.

Wie negativ wirkt sich die Schließung des pakistanischen Luftraums für Air India aus?

Sehr stark. Jeder Flug nach Nordamerika ist eine bis dreieinhalb Stunden länger unterwegs als üblich. Die meisten Flüge nach Europa verlängern sich um 40 bis 60 Minuten. Zusätzliche Flugzeit bedeutet höheren Treibstoffverbrauch sowie den Verlust von Anschlüssen, Nutzlast und Wettbewerbsfähigkeit.

Wir helfen uns mit technischen Zwischenstopps oder Nutzlastbeschränkungen. Einige Frequenzen mussten wir reduzieren und mehrere Destinationen vorübergehend aus dem Programm nehmen. Wir hoffen, dass dieses Problem bald gelöst wird.

Wie wichtig ist Air India die Mitgliedschaft in der Star Alliance?

Sehr wichtig. Nach der Privatisierung haben wir uns viel Zeit genommen, die passende Allianz zu finden. Und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass Star Alliance für uns die beste Wahl ist. Wir haben starke Beziehungen zu wichtigen Mitgliedern aufgebaut — darunter Singapore Airlines, die Lufthansa Group, Air Canada und United Airlines. Diese Partnerschaften haben inzwischen ein hohes Reifestadium erreicht.

Einige Ihrer Branchenkollegen, beispielsweise der Emirates-Präsident Tim Clark, kritisieren immer wieder fehlende zusätzliche Verkehrsrechte nach Indien. Wie sehen Sie das?

Dazu sind drei Punkte wichtig. Erstens: Nahezu jeder Passagier, den wir von Indien in die meisten Golfstaaten fliegen, steigt dort aus. Mehr als die Hälfte der Passagiere, die Golf-Airlines ab Indien transportieren, reisen über deren Hubs weiter. Ein Vergleich hinkt also. Sie hätten bereits mehr als genug Sitze für ihre Heimatmärkte, wenn sie den Sechste-Freiheit-Verkehr reduzieren würden (dieser erlaubt es Airlines, Passagiere oder Fracht zwischen zwei anderen Staaten mit Zwischenlandung im eigenen Heimatland zu transportieren, Anmerk. d. Red.).

Zweitens: Nach der Einwohnerzahl würde Dubai nicht einmal zu den 20 größten Städten Indiens zählen. Indien zu öffnen, ist nicht dasselbe wie Dubai zu öffnen. Drittens führten die frühere staatliche Eigentümerschaft von Air India und fehlendes Kapital dazu, dass Indien nur 43 Großraumflugzeuge hatte.

Air India profitiert vom Kurswechsel der Regierung

Das hat sich geändert – dank einer neuen Regierungspolitik sowie privatwirtschaftlich geführten Flughäfen und Airlines. Heute umfasst das Auftragsbuch für Indien fast 3000 Flugzeuge, darunter viele Großraumflugzeuge. Das verlagert den Fokus des indischen Luftverkehrs zurück nach Indien.

Es ermöglicht hier das Wachstum von Wirtschaft, Tourismus und der gesamten Wertschöpfungskette der Luftfahrt, nicht an ausländischen Standorten. Liberalisierung ist grundsätzlich richtig, sie muss aber in einem Tempo erfolgen, das für alle Beteiligten angemessen ist.

Air India betreibt ein weltweites Streckennetz. Welche Verbindungen sind die längsten?

Aufgrund der geografischen Lage Indiens zählen wir Nordamerika und Australasien zu den Ultra-Langstrecken. Dafür setzen wir A350 und Boeing 787 ein. Wir verfügen zudem über Optionen für zehn Boeing 777X, mit denen wir unser Angebot nach Nordamerika und Australien ausbauen können.

Wir sehen enorme Marktchancen, zumal es dort eine sehr große indische Diaspora gibt. Handel und Konnektivität zwischen den Regionen sind sehr stark ausgeprägt. Gemessen an den angebotenen Sitzkilometern machen Ultra-Langstreckenrouten rund 30 Prozent aus.

Welche zusätzlichen Möglichkeiten wird die Boeing 777X Ihrer Fluggesellschaft bieten können?

In Bezug auf die Reichweite nicht unbedingt zwingend viele, aber in Bezug auf die Kapazität auf jeden Fall einige. Die Boeing 777X ist eines der Flugzeugmuster, mit denen wir unser Langstreckenwachstum vorantreiben werden. Unsere Chance, die Widebody-Kapazität für Lang- und Ultra-Langstrecken auszubauen, ist enorm.

Angesichts der geografischen Verteilung der indischen Diaspora in der Welt, der Größe des Marktes und eines erwarteten BIP-Wachstums von etwa sieben bis acht Prozent sehen wir tatsächlich auf jedem Kontinent großes Potenzial für deutlich mehr Kapazität. Deshalb möchte ich mich nicht auf eine Region festlegen – jede Region wird uns sehr gute Chancen bieten können.

Wilson über die Folgen des Absturzes von Air-India-Flug 171

Abgestürzte Boeing 787
Noch hat Air India den Absturz einer Boeing 787 im Juni 2025 nicht vollständig aufgearbeitet. Derzeit wird der Abschlussbericht abgewartet. Bild: Picture Alliance / ZUMAPRESS.com / Basit Zargar

Am 12. Juni 2025 stürzte Air-India-Flug 171 in Ahmedabad ab, bei dem 241 Menschen an Bord der Boeing 787-8 sowie 19 Personen am Boden ums Leben kamen. Möchten Sie zum dem Absturz Stellung nehmen?

Ja. Es war für alle betroffenen Familien absolut verheerend, und wir haben alles getan, um sie zu unterstützen. Zudem haben wir einen Fonds von bis zu 15 Millionen Euro eingerichtet, um Opfer langfristig zu unterstützen – sei es durch medizinische Versorgung oder finanzielle Hilfe.

Der vorläufige Bericht enthält keine Empfehlungen an Flugzeug- oder Triebwerkshersteller oder an den Betreiber. Wenn der Abschlussbericht vorliegt, werden wir ihn sorgfältig prüfen und bewerten, ob wir etwas lernen oder ändern müssen. Derzeit deutet nichts darauf hin, aber wir warten die Ergebnisse ab.

Was bedeutet diese Tragödie für das Image von Air India?

Es ist ein großer Rückschlag. Ereignisse dieser Art erschüttern das Vertrauen zu jeder Airline und in jedem Land. Vertrauen wiederaufzubauen, benötigt Zeit und konsequentes Handeln. Die Geschichte zeigt, dass Vertrauen zurückkehrt, wenn Airlines und Staaten das Notwendige tun.

Dazu, sicher zu fliegen, sind wir uneingeschränkt verpflichtet – das waren wir, das sind wir und das werden wir bleiben. Wir müssen nach vorne schauen und sicherstellen, dass wir alles verbessern, was notwendig ist – als Branche, als Unternehmen und als Land.