Wäre der berühmte Feldherr Hannibal nicht anno dunnemals geboren, sondern in der Neuzeit, hätte er wesentlich bequemer und schneller die Alpen überqueren können als dereinst im geschichtsträchtigen Herbst 218 v. Chr. während des Zweiten Punischen Krieges. Statt auf einem seiner Elefanten nähme der auf Krawall gebürstete Karthager heute in einem bequemen Ledersessel an Bord einer Embraer 195 der Air Dolomiti Platz. Könnte dabei in luftiger Höhe statt eisiger Kälte die Annehmlichkeiten italienischer Gaumenfreuden genießen und wäre für seinen Geschmack vermutlich viel zu schnell, aber sicher deutlich entspannter und somit auch friedfertiger am Ziel seiner Träume: Italien.

Doch bevor sich nun Historiker die Haare raufen: Der Vergleich hinkt, zugegeben. Zumindest ein wenig. Hannibal zog es seinerzeit von der Iberischen Halbinsel über die Wipfel, während die kleine, aber feine italienische Lufthansa-Tochter bevorzugt deutsche Ziele mit Bella Italia verbindet. Doch sind wir mal ehrlich: Der kurze Umweg nach München hätte sich angesichts der eingesparten Strapazen doch zweifellos gelohnt.
 Obwohl die Air Dolomiti trotz der 2003 durch die Lufthansa erfolgten vollständigen Übernahme ihre italienische Identität bewahrt hat und weiterhin in Verona ansässig ist, nutzt sie in erster Linie das bayrische Drehkreuz wie einen Bienenstock, von dem aus sie den deutsch-italienischen Markt befruchtet.

Prognose: Zuversichtlich

Die Embraer 195 kommen und gehen – bevorzugt aus beziehungsweise in den nektarreichen, pardon, wirtschaftlich potenten Norden des Stiefellandes. Und das in enger Abstimmung mit dem Kranich, denn der Feederverkehr ist quasi das Brot- und Buttergeschäft des 1989 vom Eisen- und Stahlkonzern Gruppo Leali in Triest aus der Taufe gehobenen Unternehmens.
 Deshalb ist die Fluggesellschaft, die für ihr Produkt und ihren Service regelmäßig Auszeichnungen einheimst, stark in das klassische Lufthansa-Konzept integriert und Teil des Premium-Produktes. 
90 Prozent aller Flüge beginnen oder enden in einem Lufthansa-Drehkreuz. Im noch bis Ende März geltenden Winterflugplan stehen ab München zehn und ab Frankfurt vier Ziele im eigenen beziehungsweise Lufthansa-Flugplan.

Außerdem sind die weiß-türkis lackierten Embraer 195, von denen Air Dolomiti momentan 13 Exemplare betreibt, im Wetlease-Auftrag zusätzlich auch auf vielen weiteren europäischen Flughäfen anzutreffen. 
Die bayrische Landeshauptstadt ist und bleibt jedoch Dreh- und Angelpunkt. Aktuell gilt Air Dolomiti, berechnet nach der Anzahl der Starts und Landungen pro Jahr, als die drittgrößte Fluggesellschaft im Erdinger Moos – hinter Lufthansa und Eurowings. 12 000 Flugbewegungen unter eigener Flugnummer (EN) muss diesem Carrier erst einmal jemand nachmachen. Damit allein kommt Air Dolomiti bereits auf einen Marktanteil von drei Prozent.
Doch dem noch nicht genug: Dazu kamen 2018 mehr als 9000 Flüge im Auftrag des Mutterkonzerns.

Die italienische Lufthansa-Tochter 
ist am Flughafen München nach 
Anzahl der Flugbewegungen 
die drittgrößte Fluggesellschaft (Foto: Dietmar Plath)

Macht summa summarum einen Marktanteil von 5,3 Prozent in München, wo die Airline im Terminal 2 sogar einen eigenen, identitätsstiftenden Boardingbereich hat: das Spazio Italia. Eine riesige italienische Bar mit Abflugschaltern. Rauchen ist allerdings auch dort nicht gestattet.
 Erfolgreich ist Air Dolomiti mit diesem Konzept allemal. Insbesondere das abgelaufene Geschäftsjahr 2018 war laut CEO Jörg Eberhart „ein sehr positives. Die Nachfrage funktioniert weiterhin, ist insbesondere im italienischen Markt intakt“. Air Dolomiti habe ihre Kapazitäten 2018 ein wenig aufgestockt – „von ursprünglich zehn auf zwölf Flugzeuge. Und diese Kapazitätserweiterung konnten wir auch absetzen“, so der Airlinechef mit Stolz.

Insgesamt hat das Unternehmen 2018 rund 2,33 Millionen Passagiere befördert – 330 000 mehr als noch 2017. 
Und die Prognosen sind ebenfalls positiv: „Wenn der Markt weiterhin hält, manche Experten nehmen ja bereits Anzeichen für eine leichte Abschwächung wahr, dann sollten wir im aktuellen Bilanzjahr 2,5 Millionen Passagiere erreichen können“, blickt Eberhart voraus. Sein Unternehmen sei schließlich im Wachstumsmodus. „Wir werden unsere Flotte in den kommenden zwei Jahren auf 17 Embraer 195 aufstocken.“ Das ist Fakt. „Für neun weitere Embraer 190 und 195 gibt es bereits eine Richtungsentscheidung, allerdings noch kein definitives Okay; diese sollen bis Ende 2023, spätestens Anfang 2024 bei uns eintreffen.“

Premiere: Stipendien für angehende Piloten

Damit hätte sich die heutige Flotte mehr als verdoppelt. Allerdings: Ob die Neuzugänge ebenfalls Embraer sind oder vielleicht doch andere Flugzeugtypen, verantwortet letztlich die Lufthansa, die eine flottenstrategische Entscheidung in absehbarer Zeit treffen werde, so Eberhart. 
Limitiert ist die Wachstumsgeschwindigkeit der Air Dolomiti auf zwei bis drei neue Flugzeuge pro Jahr – unter anderem in Abhängigkeit von der Einrichtung weiterer technischer Standorte und des Fortgangs des Trainings für das zusätzlich benötigte Personal. „Für die erste Tranche von fünf zusätzlichen Embraer brauchen wir zunächst einmal zwölf Piloten pro Flugzeug – also 60 Flugzeugführer.

Dazu kommen etwa 30 bis 35 Techniker, rund 90 Flugbegleiter und zwischen 15 bis 20 Mitarbeiter in administrativen und kommerziellen Bereichen“, zählt Eberhart auf und gesteht, dass es operativ durchaus eine Herausforderung sein dürfte, diese „Vielzahl an neuen Mitarbeitern in relativ kurzer Zeit ins Unternehmen zu integrieren“. Ebenso gelte es, die kommerziellen Systeme für jene Verbindungen, die Air Dolomiti auf eigenes Risiko betreibt, zu integrieren. An Arbeit mangele es also nicht …
 Ein Teil der auf der Flottenexpansion beruhenden zusätzlichen Kapazitäten soll dazu dienen, bestehende Italien-Verbindungen auszubauen und mehr Frequenzen anzubieten.

Florenz ist eines von neun italienischen Zielen, die Air Dolomiti ansteuert (Foto: Dietmar Plath)

„Darüber hinaus gibt es zwischen Deutschland und Italien aber noch einige andere potenziell interessante Verbindungen – Strecken nach Perugia beispielsweise oder zusätzliche Flüge nach Sizilien. Auch in Apulien sehe ich noch Möglichkeiten, ebenso in Kalabrien. Sardinien ist für uns ebenfalls attraktiv“, verrät der Airline-Chef. 
Und nicht nur das: „Außerdem möchten wir ab München zu Zielen wachsen, die geeignet für den Einsatz der Embraer sind und nicht zwingend in Italien liegen. Da gibt es eine Reihe von Strecken, die heute beispielsweise von der Lufthansa CityLine mit 90-Sitzern geflogen werden, die sich aber so gut entwickelt haben, dass wir sie mit unseren 120-Sitzern übernehmen könnten.“

Die Sorge, dass der Name seines Unternehmens aufgrund der extrem engen Verflechtungen mit den Schwesterairlines über kurz oder lang in der Kranich-Marke aufgehen wird, hat Eberhart nicht: „In dem Geschäft, das wir erfolgreich betreiben, haben wir einen guten Namen, stellen eine starke Marke dar. Vor allem in Italien. Etwa 50 Prozent unserer Passagiere sind Italiener, zumeist Geschäftsreisende. Die wollen ein italienisches Produkt und eine italienische Identität der Fluggesellschaft spüren.“ Warum also sollte der Kranich etwas ändern, was Basis des Erfolges ist?

Text: Astrid Röben, AERO INTERNATIONAL 4/2019