Diese Flugzeugausstattung bleibt Passagieren zum Glück fast immer verborgen: Rettungsinseln. Für die „unsichtbare“ Rettungsausrüstung gelten strikte Wartungsintervalle. Die Experten vom Aero-Dienst sorgen für sichere Funktion.

Kein Flug startet ohne die vorgeschriebenen Sicherheitshinweise der Kabinen-Crew. Schließlich ist es die Hauptaufgabe der Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter, für Sicherheit an Bord zu sorgen, erst dann kommt der Service. In Verkehrsflugzeugen gibt es für alle Insassen Rettungswesten. Bei einer Notwasserung dienen die aufblasbaren Notrutschen nach der Evakuierung als Rettungsflöße. Das ist der Fachbegriff für die landläufig als Rettungsinseln bezeichneten Schwimmkörper.

In Businessjets und Privatflugzeugen gehören hingegen Rettungsflöße zur Sicherheitsausstattung, wie man sie auch aus der Schifffahrt kennt. Die Lebensretter blasen sich selbsttätig auf und bieten je nach Modell bis zu 24 Personen Platz. In der kommerziellen Luftfahrt sind luftfahrtzertifizierte Rettungsflöße bei längeren Flügen über Wasser verpflichtend vorgeschrieben. Je nach Staat, in dem das Luftfahrzeug zugelassen ist, kommt eine umfangreiche Mindestausstattung hinzu. Sie umfasst in EASA-Staaten unter anderem Notfallverpflegung samt Entsalzungsfilter für Meerwasser, Signalmittel sowie mindestens zwei ELT-Notsender pro Flugzeug.

Bombardier Challenger 3500
Pflicht bei längeren Wasserpassagen: Rettungsflöße gehören an Bord der Bombardier Challenger 3500 zur Standard-Ausrüstung. Bild: Air Corporate

Sicherheit an Bord beginnt vor dem Start

Die Rettungsausrüstung muss regelmäßig nach Herstellervorgaben kontrolliert und gewartet werden. Vakuumverpackte Rettungsflöße kommen alle drei Jahre zum Check; alle anderen Flöße werden jährlich kontrolliert. Laufen einzelne Komponenten früher ab, beispielsweise Notsender-Batterien, verkürzt sich das Wartungsintervall entsprechend. Die Wartung darf nur durch zertifiziertes Fachpersonal erfolgen.

Diesen Service bietet in Deutschland das Unternehmen Aero-Dienst mit ihrem Component-Shop in Landsberg am Lech an. Der Wartungsbetrieb kontrolliert vornehmlich Rettungsausrüstung des US-Herstellers Winslow, einem der weltweit führenden Anbieter von Rettungsflößen und Ausrüster für Muster wie Bombardier Challenger, Embraer EMB 135 oder Dassault Falcon sowie Gulfstream.

Rettungsinsel vom Flugzeug
Stark komprimiert: Aufgepumpt hat das Floß einen Durchmesser von 2,60 Meter. Das Packmaß beträgt nur 92 x 32 x 23 Zentimeter. Bild: Dirk M. Oberländer

Anforderungen an eine Rettungsinsel im Flugzeug

Eine bei Businessjet-Herstellern gängige Größe ist das Modell mit Platz für bis zu 15 Personen. Auf dem Datenschild finden sich die Angabe „Capacity rated 10, overload 15“. Stefan Dreßler, Deputy Manager Maintenance vom Aero-Dienst, erklärt den Aufdruck: „Die Zahlen geben an, für wie viele Personen das Rettungsfloß ausgelegt ist und wie hoch die maximale Kapazität ist. Sollte sich im Unglücksfall ein einzelnes Rettungsfloß nicht entfalten, können die Passagiere so auf die anderen ausweichen.“

Trotz der kompakten Abmessungen benötigt das Handling der Ausrüstung Kraft. Denn rund 24 Kilo bringt das rund 23 000 Euro teure Paket auf die Waage. Genau so ein Rettungsfloß wird heute gewartet und dazu erstmal auf ein Werkstattpodest geschoben.

Auspacken und aufblasen

Vakuumverpackung des Rettungsfloßes
Erster Schritt: Volkmar Linkus und Ricco Wetzk öffnen die Vakuumverpackung des Rettungsfloßes. Bild: Dirk M. Oberländer
Treibmittelflasche und ELT-Notsender
Vorsicht beim Auslegen: Die Treibmittelflasche und der ELT-Notsender werden bei der Wartung gesichert. Bild: Dirk M. Oberländer
Test der Überdruckventile
Gehörschutz ist sinnvoll: Beim Test der Überdruckventile wird es laut. Bild: Dirk M. Oberländer
Ortung der Rettungsinsel vom Flugzeug
Immer ortbar: Im Dach macht eine unsichtbare Folie das Floß fürs Schiffsradar sichtbar. Bild: Dirk M. Oberländer
Luftpumpe
Gut ausgerüstet: In der Hand die Luftpumpe, an Bord der gelbe ELT-Notsender. Bild: Dirk M. Oberländer
Handbuch
Hilfreiches Handbuch: Der Survival Guide zeigt essbare Meerestiere. Bild: Dirk M. Oberländer

Ricco Wetzk und Volkmar Linkus beginnen mit dem Öffnen der Vakuumverpackung und der Sicherung der Druckluftflasche. Anschließend wird der ELT-Notsender gegen unbeabsichtigtes Auslösen geschützt. Jetzt kommt der optisch beeindruckendste Schritt: Das Rettungsfloß wird mit externer Druckluft auf seine volle Größe aufgeblasen. Die beiliegende Druckluftflasche mit einem Kohlendioxid Stickstoff Gemisch wird dafür nicht genutzt, auch, weil der dabei entstehende ruckartige Öffnungsstoß das Material unnötig belastet.

Die Flasche muss auf Füllmenge und Beschädigungen kontrolliert werden. Als Sicherheitsreserve ist immer etwa 20 Prozent mehr Treibmittel in der Druckflasche als eigentlich notwendig. Außerdem gibt es an Bord eine Handpumpe, um das Rettungsfloß mit zusätzlicher Luft befüllen zu können, ebenso ein Flickset. Platzen können die Luftkammern nicht, denn Überdruckventile schützen vor Materialüberlastung. Alle Komponenten werden soweit möglich wiederverwendet.

Wie die Flugzeug-Rettungsinsel geprüft wird

Nun folgt eine penible Prüfung aller Ventile und Luftkammern auf Druckfestigkeit. Gibt es Undichtigkeiten, wäre dies nicht zwangsläufig das Aus für das Rettungsfloß. Die meisten Lecks lassen sich abdichten. Beim Auffinden der undichten Stellen helfen Wasser und Seifenlauge, wie beim defekten Fahrradschlauch.

Ein ständiger Begleiter im Maintenance-Prozess ist die Checkliste, auf der sich zahlreiche weitere Prüfpunkte finden. Teils sind logisch erscheinende Prozeduren sehr kleinteilig festgelegt. Die Checkliste betrifft dabei nicht nur Zustand und Funktion der Rettungsinsel.

Erste-Hilfe-Set
Separat verschweißt: Zur Wartung gehört auch die Kontrolle von Ablaufdaten – beispielsweise beim Erste-Hilfe-Set. Bild: Dirk M. Oberländer

Vom Inventar bis zum Prüfprotokoll

Auch die im Floß liegende Ausstattung wird geprüft: Sind alle Gegenstände aus der Ausstattungsliste vorhanden? Wie sieht es mit dem Ablaufdatum von Batterien, Medikamenten, Notfallrationen und Signalmitteln aus? Funktionieren lebenswichtige Geräte wie die manuelle Luftpumpe oder der Osmose-Filter zur Wasserentsalzung? Die vielen kleinen Kontrollpunkte sind arbeitsintensiv.

Dazu kommt die äußerst akribische Dokumentation: So müssen beim Drucktest beispielsweise die Tageszeit und Temperatur des Raums vermerkt werden. Für eine komplette Wartung inklusive neuem Packen benötigten die Mitarbeiter rund zehn Stunden. Die Kosten variieren je nach Größe und Ausstattung. Für die Wartung werden mindestens 1950 Euro fällig.

Ausstattung der Rettungsinsel im Flugzeug

Der entfaltete Lebensretter offenbart ein paar weniger bekannte Details: Das Rettungsfloß ist mit einem Treibanker zur Stabilisierung im Seegang und reflektierenden Folien versehen. Die sorgen dafür, dass Radargeräte größerer Schiffe die Schiffbrüchigen orten können. Zur beiliegenden Ausrüstung gehört auch ein Handbuch mit Verhaltens- und Überlebenstipps, etwa zum Erkennen essbarer Wassertiere.

Doch zurück zur Instandhaltung. Einer der letzten Arbeitsschritte ist gleichzeitig der vielleicht anspruchsvollste: das Verpacken. Dabei wird das Rettungsfloß zusammengefaltet, in eine Vakuumfolie eingeschweißt und mit einer Maschine gepresst. Das Packmaß ist nicht immer exakt rechteckig: Flugzeughersteller haben mitunter sonderbar zerklüftete Compartments zur Unterbringung der Rettungsausrüstung vorgesehen.

Rettungsinsel vom Flugzeug
Verpackung nach Maß: Rettungsflöße gibt es als Soft- und Hardpack. Bild: Dirk M. Oberländer

Komplexe Formen und aufwendiger Versand

Ein extremes Beispiel ist die Gulfstream G200. Hier gleicht das Gepäckfach einem verwinkelten Polygon. Für solche Spezialfälle nutzen die Aero-Dienst-Experten Holzrahmen als Packvorlage. Die etwas starre Vakuumfolie ohne Beschädigungen in solch extreme Formen zu bekommen, ist eine Kunst für sich. Bis zu zwei Stunden werden dafür benötigt. Danach erfolgt der Rückversand als Gefahrgut (unter anderem wegen der Druckflasche). Durch die internationale Kundschaft gilt es, neben der Wartungsdokumentation auch die nicht minder komplexen Zollanmeldungen zu bewerkstelligen.

Der Aero-Dienst in Landsberg am Lech verkauft nicht nur Rettungsflöße, sondern vermietet sie auch, vorrangig an Kunden, deren Rettungsausrüstung gerade zur Kontrolle im Haus ist. Aber auch Crews, die sonst nicht über Meere fliegen, können sich das passende Modell ausborgen, etwa für Überführungsflüge von Flugzeugen aus Übersee.

Embraer EMB-135
Typischer Einsatzort: Auch die Embraer EMB-135 hat häufig Winslow-Rettungsflöße an Bord. Bild: Lutz Krebs

Einsatz der Rettungsinsel im Flugzeug

Genau das tat eine deutsche Crew einer Piper Malibu im vergangenen Jahr. Ein Triebwerksausfall zwang die zweiköpfige Besatzung aus den USA kommend vor Grönland zur Notwasserung. Glück im Unglück: Nach nur 30 Minuten rettete die dänische Marine die beiden Piloten unverletzt aus dem Rettungsfloß. Doch im Normallfall bekommt der Aero-Dienst seine Mietflöße trocken und ungenutzt zurück, spätestens zum nächsten Wartungsintervall und sicher zur Zufriedenheit aller Beteiligten.