Cody, 23. Juli 2019

Im Yellowstone-Nationalpark können Besucher gewaltige Geysire, Grizzlybären und Bisonherden sehen. Aber auch Tausende andere Urlauber. Wer hier für sich sein möchte, muss früh aufstehen.

Nichts geht mehr auf dem Highway durch das Hayden Valley. Eine Herde Bisons überquert, vom Yellowstone River kommend, die Straße und stört sich nicht an den Autos der Touristen.

Schritttempo und Stillstand wechseln einander ab, bei den Hunderte Kilogramm schweren Tieren ebenso wie bei den Fahrzeugen. Bald staut sich der Verkehr in alle Richtungen. Es dauert gut 20 Minuten, bis die etwa 80 Bisons die Fahrbahn ganz gemächlich überquert haben.

Kalt ist es an diesem sonnigen Julimorgen, vor den Mäulern der Tiere sind die Atemfahnen gut sichtbar. Einige Urlauber steigen aus ihren Vans und Wohnmobilen aus, um das Spektakel besser fotografieren und filmen zu können. Denn wann sieht man sowas schon?

Vor 100 Jahren waren die Amerikanischen Bisons fast ausgerottet, hier aber leben sie frei. Nicht alle Fotografen halten zu den massigen, wilden Rindern die knapp 25 Meter Sicherheitsabstand ein, die Nationalpark-Ranger den Besuchern immer wieder ans Herz legen. Etwas Risiko ist also dabei, sich bereits um 7.20 Uhr auf der Speicherkarte der Kamera den ersten Höhepunkt des Tages zu sichern.

Wie an jedem Tag im Sommer sind so viele Frühaufsteher unterwegs, dass sich die Fahrt durch das Hayden Valley fast so anfühlt wie städtischer Berufsverkehr. Das hat drei Gründe.

Erstens sind früh am Morgen, ebenso wie am späten Nachmittag, die Chancen besonders groß, Elche, Grizzlybären und Bisons zu sichten. Zweitens sind die Wege weit zwischen den größten Attraktionen im ältesten Nationalpark der Welt. Je eher man losfährt, desto mehr passt ins Tagesprogramm. Drittens ist der Frühstart im Hotel oder auf dem Campingplatz aber auch der Versuch, vor den vielen anderen Reisenden an den heißen Quellen und Geysiren anzukommen, für die Yellowstone so berühmt ist. Wer zu spät kommt, schafft es nicht mehr auf die vollen Parkplätze.

Seit einigen Jahren schießen die Besucherzahlen vieler Nationalparks in den USA steil in die Höhe, auch in Yellowstone war das zuletzt so. In jedem Jahr seit 2015 wurden hier mehr als vier Millionen Gäste gezählt. Eine Marke, die Yellowstone niemals zuvor erreicht hatte. Binnen zehn Jahren stieg die Besucherzahl um rund 40 Prozent an.

Im vergangenen Jahr war Yellowstone der fünftmeistbesuchte US-Nationalpark, obwohl die Sommersaison kurz ist und die Anreise in diesen abgelegenen Teil der Rocky Mountains lange dauert.

Der größer gewordene Touristenansturm auf Tiere und Geysire hat zwar bisher nicht dazu geführt, dass der National Park Service (NPS) den Zugang zum Park erschwert. Sollten die Besucherzahlen weiter steigen, schließt die Behörde aber nicht aus, über ein Verkehrsmanagement mit Shuttlebussen nachzudenken sowie über eine Pflicht für Touristen, an einigen Attraktionen ein Zeitfenster für sich zu reservieren.

Einstweilen versucht der Park, die Touristenströme mit Empfehlungen ein wenig zu steuern. «An Orten mit Kultcharakter wie Old Faithful und am Grand Canyon of the Yellowstone wird immer viel los sein», sagt Parksprecherin Linda Veress. «Wir raten Besuchern, früh am Morgen oder später am Nachmittag dorthin zu fahren und den größten Andrang mittags zu vermeiden.»

Ein guter Tipp sei auch, nicht nur im Auto von einem Geysir zum anderen zu fahren, sondern zum Beispiel auf gekennzeichneten Wegen auch mal Wanderungen zu unternehmen. «Selbst wenn man sich nur wenig von den Straßen entfernt, ist das gleich eine ganz andere Erfahrung.»

Um lange Autofahrten kommen Yellowstone-Besucher trotzdem kaum herum. Es gibt enorm viel zu sehen, und die Distanzen sind groß. Von den heißen Quellen in Mammoth Hot Springs im Norden des Nationalparks zum Geysir Old Faithful beträgt die Fahrtzeit zum Beispiel eine Stunde und 25 Minuten – allerdings ohne Bison-Staus und Zwischenstopps an anderen interessanten Orten wie der Thermalquelle Grand Prismatic Spring, die in allen Farben des Regenbogens leuchtet und pro Minute etwa 2200 Liter gut 70 Grad heißen Wassers an die Oberfläche holt.

Ein Yellowstone-Aufenthalt will auch wegen dieser weiten Fahrten gut geplant sein. Ideal ist es, im Wohnmobil oder Caravan anzureisen und einen der zwölf Campingplätze im Park zu nutzen. Viele der mehr als 2000 Stellplätze dort sind jedoch vor allem im Juli/August lange vorab reserviert, so dass Spontanreisende schlechte Karten haben.

Außerhalb des Parks gibt es zum Beispiel in Cody in Wyoming sowie in West Yellowstone und Gardiner in Montana zwar ebenfalls viele Übernachtungsmöglichkeiten. Doch kommt dann täglich eine längere Anfahrt in den Park hinein dazu. Bei allen, die nicht erst mittags bei den Geysiren sein wollen, klingelt so noch früher der Wecker.

Viele Hauptattraktionen in Yellowstone liegen nahe der Grand Loop Road, die auf der Landkarte ungefähr die Form der Ziffer Acht annimmt. Viele Besucher konzentrieren sich einen Tag lang auf den südlichen Ring dieser Acht und am Tag darauf auf den nördlichen Teil. In welche Richtung man fährt, ist dabei fast egal – ohnehin scheinen alle Wege zum Old-Faithful-Geysir zu führen.

Nahe des Nordufers des Yellowstone Lake stehen Schilder, die als Distanz zum Old Faithful 39 Meilen nach Süden und 58 Meilen nach Norden angeben – was widersinnig erscheint, durch die Acht-Form der Straßenführung aber erklärbar ist.

Der Bison-Stau im Hayden Valley hat sich inzwischen aufgelöst. Wenig später ist der Grand Canyon of the Yellowstone erreicht, eine gut 300 Meter tiefe und 32 Kilometer lange Schlucht, die mit den 93 Meter hohen Lower Falls einen echten Hingucker-Wasserfall zu bieten hat.

Der Parkplatz ist schon gut gefüllt, als Ranger Steve Cook um 9.00 Uhr mit dem Canyon Rim Walk beginnt – einer jener hochinteressanten Touren, die der NPS täglich kostenlos anbietet, die Wissenswertes über Tiere, Pflanzen und Naturphänomene vermitteln und die auch dazu beigetragen haben, immer mehr Gäste in den Park zu locken.

Von Haus aus Geologe, versucht Cook seinen Begleitern nicht nur das zu erläutern, was sie sehen, sondern auch, was sie nicht sehen, weil es tief in der Erde liegt. Denn Yellowstone ist ein Hochplateau über einem Riesenvulkan, der zuletzt vor 640 000 Jahren ausgebrochen ist.

Unterhalb des Nationalparks zirkuliert Wasser in einem gigantischem System aus Rissen und Schächten. «Schnee und Regen versickern, werden irgendwann vom vulkanischen Brenner im Untergrund aufgeheizt und kommen wieder nach oben», erklärt Cook. Deshalb gibt es hier so viele Geysire, heiße Quellen und Tümpel wie den Mud Volcano im Hayden Valley. Der Kreislauf des Wassers dauere oft sehr lange: Was heute aus geothermischen Quellen austritt, habe zum Teil schon zu Zeiten von Christoph Kolumbus den Kreislauf im Untergrund begonnen.

Yellowstones bekannteste Geysire sind im Westen und Südwesten des Parks zu finden. Im Norris Geyser Basin liegt zum Beispiel der Steamboat Geyser, dessen Eruptionen gut 90 Meter messen können. So hoch schießt nirgendwo sonst auf der Welt heißes Wasser aus der Erde.

Zwar ist es unvorhersehbar, wann genau er ausbricht, denn manchmal kommt er auf weniger als zehn Eruptionen in 25 Jahren. Im Frühling 2018 aber hat Steamboat wieder eine aktivere Phase begonnen, allein im ersten Halbjahr 2019 wurden 25 Ausbrüche gezählt. Norris gilt als das dynamischste Basin im Nationalpark: Ständig verändert sich das Landschaftsbild, heiße Quellen versiegen, anderswo treten neue auf.

Und dann ist da noch Old Faithful, zu dem ja alle Wege führen. Im Schnitt etwa alle 90 Minuten schleudert der Geysir eine 30 bis 55 Meter hohe Fontäne aus bis zu 32 000 Liter kochendem Wasser Richtung Himmel. Riesige Parkplätze, mehrere Lodges, ein Besucherzentrum: Der «Alte Zuverlässige» wird touristisch maximal verwertet. Es gibt Sitzbänke für das Publikum wie im Theater, und wenn der Geysir zu sprudeln beginnt, schwillt ein Raunen der «Ahhhs» und «Ohhhs» an. Kameras klicken im Akkord, Handyvideos halten jeden Moment fest. Nun sitzt hier keiner mehr, und am Ende der Eruption wird geklatscht.

Kaum ist der Ausbruch vorbei, wenden sich viele Besucher wieder zum Parkplatz. Weiterfahren, es gibt ja noch so viel zu sehen! Nur eine Minderheit geht weiter spazieren im Upper Geyser Basin, dem Ort mit der weltweit größten Geysir-Konzentration. Old Faithful ist nur einer davon, auch die Geysire Anemone, Grand, Castle, Giant, Turban und viele andere lassen sich hier betrachten. Nur sprudeln sie nicht so regelmäßig wie Old Faithful. Wer ihre Ausbrüche beobachten will, muss nicht nur früh aufstehen, sondern vielleicht auch lange warten.

Am Tag darauf klingelt der Wecker wieder um 6.00 Uhr. Heute ist West Thumb das erste Ziel, eine Gruppe von Geysiren und heißen Quellen am Westufer des Yellowstone Lake. Und diesmal klappt es, vor den Massen da zu sein: Nur drei andere Fahrzeuge sind schon abgestellt, die Sonne giltzert über dem See, in der Kühle des Morgens steigt Dampf aus den Quellen. Stille liegt über den Holzstegen. Ungestört lässt sich die Natur genießen, zumindest für den Moment. Keine halbe Stunde später biegt der erste Reisebus auf den Parkplatz und öffnet die Tür.

Info-Kasten: Yellowstone Nationalpark

Anreise: Der Yellowstone-Nationalpark liegt überwiegend im Nordwesten des US-Staates Wyoming, kleinere Teile gehören zu den Nachbarstaaten Montana und Idaho. Flughäfen mit Nonstopverbindungen aus Europa sind mindestens eine Tagestour mit dem Auto entfernt. Von Denver/Colorado aus dauert die rund 900 Kilometer lange Anreise zum Beispiel etwa 9 Stunden reine Fahrtzeit. Salt Lake City in Utah (600 Kilometer, 6,5 Stunden) ist näher dran. Mehr als einen Fahrtag brauchen Autoreisende von Seattle/Washington (1250 Kilometer/13 Stunden) aus.

Einreise: Deutsche USA-Urlauber müssen sich rechtzeitig vor Abreise unter https://esta.cbp.dhs.gov eine elektronische Einreiseerlaubnis (Esta) besorgen. Sie kostet 14 US-Dollar und gilt zwei Jahre lang.

Klima und Reisezeit: Yellowstone liegt auf einem Hochplateau und im Durchschnitt mehr als 2400 Meter über dem Meer. Die Tagestemperaturen erreichen im Juli und August zwar oft 25 Grad und mehr, doch auch dann sind die Nächte recht kühl. Das Wetter kann rasch und oft wechseln, warme Kleidung und Regenschutz sind unverzichtbar. Der September ist noch ein angenehmer Reisemonat, nachts gibt es dann aber schon regelmäßig Frost. Die Winter sind lang und schneereich.

Geld: Für einen Euro gibt es etwa 1,13 US-Dollar (Stand: Juli 2019).

Informationen: The Great American West, Bavariaring 38, 80336 München (Tel.: 089/689 06 38 41, https://greatamericanwest.de).

Christian Röwekamp, dpa