Deutschland und Katar: Da denken viele zuerst an die hohe Beteiligung des Emirats an VW. Die Kontakte sind aber vielfältiger – und noch ausbaufähig. Beim Besuch in Doha lotet Niedersachsens Regierungschef neue Projekte aus.

Es sind nicht mehr 50 Grad wie im Hochsommer. Für Stephan Weil ist der Besuch in Katar trotzdem eine schweißtreibende Angelegenheit. Das Emirat wirbt um die Gunst Niedersachsens – will aber auch selbst umworben werden. Ein Termin jagt den nächsten, als der Ministerpräsident aus Hannover am Sonntag und Montag Politiker, Unternehmer und Forscher trifft. Händeschütteln, Gespräche, rein ins Auto, raus aus dem Auto. Im Licht der «Spätherbstsonne» und der feuchtwarmen Golf-Brise, wie ein Beamter der Deutschen Botschaft das Klima in Doha Anfang Dezember beschreibt, kein stressfreier Job.

Doch der SPD-Politiker und VW-Aufseher weiß: Die Deutschen sind hier gerne gesehen. Man kennt sich – nicht zuletzt wegen der Rolle, die der katarische Staatsfonds QIA mit 17 Prozent der Stimmrechte beim größten Autobauer der Welt spielt. Weil sieht das Land als «stabilen, konstruktiven» Investor. Schon zur Zeit der Dieselkrise, und auch jetzt mit Blick auf den digitalen und elektrischen Umbruch.

Die Drähte sind da, selbst zum Emir höchstpersönlich. Bei der Audienz im Palast von Staatschef Tamim bin Hamad Al Thani dankt Weil dem Monarchen für die Loyalität im VW-Skandal – Al Thani revanchiert sich mit einem Freundschaftsbekenntnis. Die Herrscherfamilie rechnet es den Deutschen nach wie vor hoch an, dass der damalige Außenminister Sigmar Gabriel dem Land als einer der Ersten nach dem Beginn der Handelsblockade durch die Nachbarländer 2017 einen Besuch abstattete.

Auch Hessa al-Dschabir, einst Ministerin für Informationstechnologie, sieht eine langfristige Beziehung. Die promovierte Computerexpertin – wie Weil Mitglied im VW-Aufsichtsrat – glaubt im Rückblick auf die tiefe Krise des Konzerns: «VW ist heute stärker als vor drei Jahren.» Das Unternehmen war gezwungen, sich zu verändern – der arabische Großanleger blieb bei der Stange. Das mag man befürworten oder nicht. Klar ist: Der mächtige QIA-Fonds beobachtet die Lage in Deutschland, interessiert sich für die Große Koalition wie für die Führungsfrage in der SPD. Und, so ist herauszuhören, macht sich Sorgen um die EU.

Als Al-Dschabir die Geschichte ihres Landes an mehreren Wandbildern erläutert, wird verständlich, warum Geduld ein wichtiger Faktor für die Katarer ist. Langsam öffnet man sich, nach und nach wird aus der Rohstoffökonomie eine breiter aufgestellte Wirtschaft. Heute ist überall sichtbar, dass das Emirat mit einer Pro-Kopf-Kaufkraft von knapp 130 000 US-Dollar das reichste Land der Welt ist.

Wolkenkratzer um Wolkenkratzer wird hochgezogen, eine nagelneue U-Bahn-Linie entstand mit Hilfe deutscher Tunnelbohrmaschinen. Auf einer Milchvieh-Farm außerhalb der Hauptstadt stehen auch deutsche Kühe – sie wurden nach Einrichtung der Grenzblockaden vor zweieinhalb Jahren kurzerhand eingeflogen. Milchproduktion in der Wüste? Weil hofft, dass weitere Firmen der Ernährungsbranche nachziehen.

Aber wie viel echter Wandel steckt hinter den glitzernden Fassaden? Auf die weltweite Kritik an der Ausbeutung von Niedriglohnarbeitern auf Baustellen für die Fußball-WM 2022 ist Doha nun eingegangen: Die Internationale Arbeitsorganisation ILO berät das Land, ein Gesetzespaket zum besseren Schutz ausländischer Beschäftigter steht vor der Umsetzung. Noch sei viel zu tun, ist aus Diplomatenkreisen zu hören. Und ob die neuen Regeln wirklich in der gesellschaftlichen Realität ankommen? Jedoch immerhin auch hier: Anzeichen des Wandels.

Das wirtschaftliche Selbstbewusstsein bleibt ungebrochen. Die Staatslinie Qatar Airways wirft ein Auge auf Lufthansa. Vorstandschef Akbar Al-Baker lässt in Doha wie nebenbei die Bemerkung fallen, er würde sich gern beteiligen oder doch zumindest eine «Partnerschaft» vereinbaren. Und als weltgrößter Exporteur verflüssigten Erdgases (LNG) haben die Katarer die Hafeninfrastruktur im Blick. Möglicher niedersächsischer Schwerpunkt: Wilhelmshaven. Der Energiekonzern Uniper, der schon andere Lieferverträge mit Qatar Petroleum hat, sei «bereit für ein Abkommen», sagt Weil seinen Gastgebern.

Weitere Investitionen in beide Richtungen dürften hilfreich sein, wenn Katar die Folgen des Boykotts durch Saudi-Arabien, Bahrain, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) im Griff behalten will. Zwischen 2016 und 2018 litt der Außenhandel stark, die Importe des drittgrößten Lieferanten Deutschland halbierten sich. Vor allem Maschinen, Chemieprodukte und Fahrzeuge kommen ins Land.

Umso wichtiger sind den Katarern Geschäftspartner im Land selbst. Hier gab es 2018 noch ein krasses Ungleichgewicht: Der Bestand deutscher Direktinvestitionen lag bei 282 Millionen Euro, während Katar in Deutschland auf knapp 7 Milliarden Euro kam. Ein System mehrerer kleiner Freihandelszonen soll jetzt mehr Unternehmen anziehen. Zum Beispiel seien die Schiffbau- und die Chemieindustrie «sehr willkommen», sagt Staatsminister Ahmad Al-Sayed. Es gebe stets Rechtssicherheit: «Wir rühren keine bestehenden Verträge an.»

Scheicha Hind bint Hamad Al Thani, Schwester des Emirs und Chefin der Qatar Foundation, will die gesellschaftliche Öffnung vor allem über Bildung und Wissenschaft vorantreiben. Was 1996 mit einer Gruppe von 30 Schülern startete, ist heute ein Hochschulcampus mit Tausenden Studierenden. Einige Institutionen der «Education City» nehmen gerade Kontakt zu Technischen Unis wie Hamburg-Harburg oder Dresden auf. Über 60 Prozent der Studierenden sind Frauen. Und, ganz anders als in «good old Germany»: bei den Ingenieurwissenschaften sind es mehr als die Hälfte.

dpa jap yyni/xx a3 sax/sl