Das Fischerdorf Bayahibe in der Dominikanischen Republik wird oft links liegen gelassen, hat aber viel zu bieten: weiße Strände, blühende Korallengärten und Wracks – und hervorragende Pizza.

Hand für Hand ziehen sich die Taucher am Seil entlang in die Tiefe. Bald schält sich ein Bug aus dem Blau, man sieht den turmhaften Kamin, die korallenverkrustete Reling, einen geknickten Mast. Auf dem Deck wachsen lilafarbene Schwämme wie Orgelpfeifen, darüber pflügt ein fetter Thunfisch mitten durch einen Schwarm von Gestreiften Sergeants.

Einer nach dem anderen schwimmen die Taucher durch die Ruine der Schiffsbrücke, dann drehen sie Runden um den Kamin und über das Deck. Der Rest des 80 Meter langen Wracks liegt für normale Sporttaucher zu tief – wegen eines Fehlers beim Versenken im Jahr 1999.

Die «St. George», die als Frachter viele Jahre Mehl von Amerika nach Europa schipperte, sollte damals vor dem ersten großen Hotel von Bayahibe in 15 Metern Tiefe auf den Meeresgrund gesetzt werden. Doch sie sank zu früh, erst in rund 40 Metern Tiefe kam sie zum Liegen. Und jedes Jahr rutscht sie ein Stück weiter den Sandhang hinab.

Der Plan ging dennoch auf: Die «St. George» ist heute die berühmteste Attraktion für Taucher rings um Bayahibe.

Mailänder Salami im Supermarkt

Bei deutschen Urlaubern ist das Fischerdorf im Südosten der Insel nicht ansatzweise so bekannt wie Punta Cana. Bayahibe ist der Badeort der Italiener. Viele Rentner haben hier eine Zweitwohnung, die Händler in den pastellbunt gestrichenen Souvenirbuden quatschen einen zuerst auf Italienisch an, in jedem Restaurant gibt es gute Pizza und Langustenpasta. Und in den Vitrinen der kleinen Supermärkte liegen Mailänder Salami und Käse aus Sardinien.

Die meisten Urlauber quartieren sich allerdings nicht direkt in Bayahibe ein, sondern an der wenige Kilometer südlich gelegenen Playa Dominicus. Schon 1987 wurde an dem Strand das erste Hotel eröffnet, das «Viva Wyndham». Damals hatte es eine Handvoll Bungalows, heute ist es ein Komplex mit 3000 Zimmern. Aus dieser Keimzelle ist eine Trabantensiedlung aus Hotels, Restaurants und Läden gewachsen.

Wer die weit geschwungene Bucht entlang spaziert, passiert ein Clubhotel nach dem anderen. Es gibt Stege fürs feine Dinner, ein Hotel leistet sich die Extravaganz einer Leuchtturmbar. Bässe dröhnen, Animateure hüpfen am Strand, Urlauber tanzen ihre Figuren im seichten Meer nach. Vor der Bojenreihe segeln Katamarane auf und ab, ein Motorboot zieht einen Urlauber am runden Schirm durch die Luft.

Tauchen rund um die Trauminsel

Playa Dominicus ist eine gut geölte, fein justierte Urlaubsmaschine. Entsprechend durchgetaktet ist der Tauchbetrieb in den Clubhotels.

Im Wochenprogramm von Pro Dive stehen elf Tauchspots mit fixen Startzeiten. Dazu kommt der «Taucher-Freitag»: Finden sich genügend erfahrene Taucher, bringt sie ein Boot zu anspruchsvolleren Spots.

Was immer läuft, ist Saona, die Paradiesinsel schlechthin. Fast jeder Urlauber in der Dominikanischen Republik wird hierher geschippert, ob er all-inclusive in Punta Cana gebucht hat oder mit seinem Kreuzfahrtschiff im Hafen von La Romana anlegt. Doch relativ wenige Gäste sehen, was in zwölf Metern Tiefe kreucht und fleucht.

Gebänderte Scherengarnelen staksen durchs Seegras, Spinnenkrabben sitzen auf gelben Vasenschwämmen, die Hunderte Jahre alt sein müssen. Eine Gefleckte Muräne schwimmt frei zwischen den Korallenstöcken, ein stachliger Skorpionfisch lauert im Sand, eine Flamingozunge – eine Seeschnecke mit einer leopardenähnlichen Zeichnung – verbrigt sich in einer kleinen Höhle. Über den lilafarbenen Fächerkorallen ziehen gemächlich bunt gemusterte Schmetterlingsfische, Lippfische und Doktorfische dahin. Und eine einsame Meeresschildkröte.

Überaus schön – und invasiv

Der einzige, der nicht in das karibische Unterwassergemälde passt, ist das vielleicht prächtigste Tier von allen. Der rot-weiß gestreifte Feuerfisch mit seinen federartigen Flossen sei ein aggressiver Eindringling, erklärt Peter Montgomery, 32, Tauchlehrer aus Dublin. Die invasiven Räuber würden gejagt, jedes halbe Jahr gebe es sogar ein «Lionfish Derby» mit verschiedenen Wettbewerben: Wer den größten, kleinsten oder ältesten Feuerfisch fängt, gewinnt.

Richtig zubereitet, sagt Montgomery, seien die giftigen Fische eine Delikatesse. Entsprechend eifrig wird offenbar gejagt. «Ich sehe weniger Feuerfische als vor ein paar Jahren», sagt ein Franzose, der zum zehnten Mal in Bayahibe ist. «Und sie sind kleiner.»

Partystimmung im seichten Pool

Zur Mittagspause tuckert der Katamaran der Tauchschule zu einem Sandstrand, wo bereits eine Flotille von Ausflugsbooten ankert. Über einen Sandweg spazieren die Gäste, überwiegend Schnorchler, durch den Palmenwald zum nächsten, kilometerlangen Strand.

Große Pavillons reihen sich hier aneinander, gedeckt mit Palmwedeln. Am Buffet lädt sich das Heer der Ausflügler Hühnchen oder Fisch vom Grill auf den Teller, dazu Nudeln, Salat und Ananas. Zum Verdauen streckt man sich auf Liegen aus, die in langen Reihen stehen.

Eindösen wäre allerdings eine schlechte Idee. Viel zu bald schon ruft die Crew zum Aufbruch. Es geht weiter zum Naturpool, einer Untiefe, bauchtief und mit feinstem Sandgrund. Bald liegen ein Dutzend Boote nebeneinander in dem ultratürkisen Planschbecken. Die Reggaeton-Musik dröhnt, Urlauber schütteln ihre Hüften und strecken die tätowierten Arme in die Luft, eine Bardame serviert Bier und Rum-Cola.

Die halbherzigen Schnorchelversuche versanden bald, außer Touristenbeinen und Sand gibt es hier nichts zu sehen. Mit Taucherbrille auf der Stirn tanzen mittelalte Paare, jüngere geben sich dem Selfie-Rausch hin. Beschwingt und bester Laune schippern schließlich alle entlang der Palmenküste zurück – eine große, selige Nachmittagsparty, bei der Crew und Tauchlehrer die Vortänzer geben.

Zugegeben, wer schon im Roten Meer oder in Indonesien getaucht ist, wird in Bayahibe kaum überwältigt sein. Aber auch nicht gelangweilt. Jeder Tauchgang ist zumindest hübsch und unterhaltsam.

Am Spot namens El Deseo etwa liegen inflationär viele Rundstechrochen im Sand vergraben. Amerikanische Stechrochen schweben wie fliegende Teppiche über den Meeresgrund, zwei Baby-Kugelfische mit schwarzen Masken auf den braun-weiß gepunkteten Köpfen flitzen wie Autoscooter zwischen Korallen hin und her. Und ein Adlerrochen stürzt sich mit ausgebreiteten Schwingen auf seine Beute im Sand. So viel Action hätte man an den überwiegend seichten Spots nicht erwartet.

Stumme Schausteller unter Wasser

Am meisten erstaunt allerdings das Hausriff, das kaum beworben wird. Denn das Coco Reef ist nichts weniger als eine Unterwasser-Galerie: In Beton gegossen tanzt ein Mädchen mit wallendem Kleid über den weißen Sand, daneben kauert ein Schuhputzer mit Bürste in der Hand. Lilafarbene Schwämme haben sich in ihr Gesicht gefressen, wachsen vom Nacken über den Hinterkopf und lassen beide wie Zombies aussehen.

Hinter ihnen schweben feingliedrige Installationen im lichten Blau, ein Wald von fragilen Bäumchen. Es sind Nylonseile, an die Korallenstücke gebunden sind, verankert in Betonblöcken, aufrecht gehalten von leeren Plastikflaschen. An manchen Seilen sind die Geweihkorallen schon zu einem Dornendickicht gewuchert, an den Seilen ebenso wie auf den gewölbten Stahlkäfigen am Meeresgrund. Diese haben sich längst zu Höhlen geschlossen, zu Mini-Hangaren, unter denen eine Flotte von gelb-silbern gestreiften Französischen Grunzern parkt.

Experimentieren gegen den Klimawandel

«An Nylonseilen wachsen Korallen besonders schnell», erklärt Rita Girona. «Weil sie in der nährstoffreichen Strömung hängen und nicht miteinander konkurrieren.» Die 37-jährige Spanierin lebt fast ihr halbes Leben auf der Insel und arbeitet heute für die Organisation Fundemar. Die Meeresschützer, die im Zentrum von Bayahibe ihre Basis haben, starteten 2011 ihr erstes Aufzuchtprojekt. Mittlerweile betreiben sie acht Korallen-Baumschulen und experimentieren, welche Individuen besonders widerstandsfähig gegen den Klimawandel sind.

«Das erfordert viel Pflege», sagt Girona. «Wir haben jeden Tag ein Team im Wasser.» Algen müssen abgeschrubbt, korallenfressende Würmer mit Plastikflaschen eingesaugt werden. Irgendwann können die Korallen sogar am Riff ausgewildert werden – mit Hilfe von Tauchtouristen.

Jeden Februar kleben und binden Dutzende Taucher bei der Coral Mania rund 1200 Korallen an Nägel im Riff. Zudem wurden Tausende Betonteile voller Babykorallen ausgelegt. Die Tauchcenter unterstützen die Aktion mit Booten und Ausrüstung. Und auch im restlichen Jahr helfen sie den Marinebiologen bei ihrer Arbeit.

«Die Partnerschaft funktioniert gut», sagt Girona. «Fast alle Hotels hier spenden für uns.» Kein Wunder, schließlich liegen gesunde Korallenriffe vor der Haustür im ureigenen Interesse der Touristiker. Riffe wie jenes vor der Insel Catalina, das Aquarium genannt wird. Ein Archipel aus Korallenstöcken breitet sich hier auf einem Meer aus weißem Sand aus.

Entspannt gleitet man über lilafarbene Kerzen, rote Kronleuchter, gelbe Kakteen und lässt sich von bunt schillernden Fischen hierhin und dorthin verführen. Fliederfarbene Vasenschwämme leuchten in der Sonne, Bogen-Strauchgorgonien wiegen sich in der sanften Dünung.

Nur riffbildende Hartkorallen sind selten. Aber wenn Rita Girona und ihre Kollegen Erfolg haben, dürfte sich das bald ändern.

Info-Kasten: Dominikanische Republik

Anreise: Von Deutschland fliegen normalerweise verschiedene Airlines nach Santo Domingo und Punta Cana. Von dort fahren Busse nach Bayahibe. Minibusse pendeln regelmäßig nach Playa Dominicus.

Reisezeit: In der Trockenzeit von Dezember bis Mai ist das Meer meist am ruhigsten. Die Hurrikansaison dauert von August bis Oktober.

Übernachtung: In Bayahibe und Playa Dominicus gibt es eine breite Palette an Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen.

Tauchen: Die meisten Tauchplätze sind weniger als 18 Meter tief und auch für Anfänger problemlos machbar. Für das tiefer gelegene Wrack der «St. George» muss man einen Fortgeschrittenenkurs absolviert haben, zudem blasen dort manchmal heftige Strömungen. Zahlreiche Tauschulen bieten Kurse und Ausflüge zu den Riffen an. Die nächste Dekompressionskammer befindet sich in Santo Domingo.

Corona-Lage (2.11.): Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in die Dominikanische Republik. Die Grenzen für Ausländer sind aber geöffnet. Der internationale Flugverkehr läuft erst langsam wieder an. Hotels im Land sind geöffnet.

dpa