IAA zwischen SUV-Boom und Elektro-Zukunft - Zulieferer-Jobs in Gefahr

Die Feierlaune früherer Jahre mag auf der IAA diesmal nicht so recht aufkommen. Klimaproteste gegen die Geldmaschine SUV und die Geburtsschmerzen der E-Mobilität setzen die Aussteller unter Druck. Auch bei einem großen Zulieferer dürfte es bald ernst werden.

Frankfurt/Main (dpa) - Der schwierige Umbruch von klimaschädlichen Verbrennern zu massentauglicher Elektromobilität dominiert die Internationale Automobilausstellung (IAA). Viele Aussteller stellen auf der größten Branchenmesse der Welt neue Antriebskonzepte und Techniken für CO2-ärmeres und vernetztes Fahren vor. Andererseits ringen die Konzerne mit den nötigen Veränderungen und Folgen für die Jobs - beim Zulieferer Continental stehen zahlreiche Stellen auf dem Spiel. Dazu müssen sie sich noch massiven Klimaprotesten stellen.

Branchenführer Volkswagen will mit dem in Frankfurt erstmals gezeigten Mittelklasse-E-Modell ID.3 ein Bekenntnis zum Wandel ablegen - Kritiker nehmen den Wolfsburgern den Strategieschwenk aber nicht ab. Das vollelektrische Auto soll eine ganze Serie begründen. Um die bisher teuren Fahrzeuge «aus der Nische zu holen», wird der ID.3 in der Grundversion unter 30 000 Euro angeboten.

VW-Markengeschäftsführer Ralf Brandstätter sieht den Wagen «in einer Reihe mit dem Käfer und dem Golf». Das Modell soll eine CO2-neutrale Klimabilanz haben. Klimaschutz sei heute «nicht Werbung oder ein Claim, sondern innere Haltung», betonte der Manager am Dienstag. Das sieht die Aktivistin Tina Velo, mit der Vorstandschef Herbert Diess am Montag diskutiert hatte, anders. Die Autoindustrie sei «hochgradig kriminell», VW biete aus Profitgründen zu viele spritschluckende SUVs an. Diess entgegnete, der Konzern meine es ernst mit dem Klimaschutz.

Für die kommenden Tage sind Proteste rund um das Frankfurter Messegelände angekündigt. An den ersten Publikumstagen am Samstag und Sonntag (14./15. September) soll es große Demonstrationen geben. Die Autogegner verlangen von der Industrie nicht nur die Entwicklung von mehr reinen Elektroautos, sondern auch leichtere und kleinere Wagen. Die Gefahr für Fußgänger durch SUVs wurde hitzig debattiert, nachdem in Berlin vier Menschen bei einem Unfall gestorben waren.

Die großen Zulieferer bekommen die nachlassende Nachfrage nach herkömmlicher Verbrenner-Technologie bereits deutlich zu spüren. Continental-Chef Elmar Degenhart erklärte am Rande der IAA, man könne in mittlerer Frist betriebsbedingte Kündigungen «als letztes Mittel nicht ausschließen». Eine genaue «Zielzahl» zu möglicherweise betroffenen Werken oder Mitarbeitern lasse sich aber nicht nennen.

Die konjunkturelle Entwicklung sei kritisch, warnte der Conti-Chef: «Wir schlittern nicht in die Krise hinein, sondern befinden uns mittendrin. Es hilft nicht mehr, die Dinge schönzureden.» Priorität habe nun eine verantwortungsvolle Planung, betonte Degenhart: «Wir werden alle Hebel ziehen, um unsere Belegschaft zu schützen.» Auf der IAA stellte der Konzern aus Hannover auch eine neue Klimastrategie vor. Er will in seinen Werken bis 2040 CO2-neutral produzieren.

Der Auto- und Lkw-Zulieferer ZF Friedrichshafen sieht in den kommenden Jahren kaum Chancen für eine Belebung der Geschäfte in der Pkw-Branche. Handelspolitische Konflikte und der Technologiewandel zu E-Mobilität und Digitalisierung überlagerten sich derzeit, sagte ZF-Chef Wolf-Henning Scheider. Man gehe davon aus, dass es in den nächsten zwei bis drei Jahren «keine Besserung geben wird».

Der neue BMW-Chef Oliver Zipse bleibt bei der abwartenden Haltung zu den bevorzugten Antriebsarten. BMW wolle «konventionelle Motoren, die Maßstäbe bei Effizienz setzen, batterieelektrische Antriebe sowie Plug-in-Hybride und in Zukunft auch die Wasserstoff-Brennstoffzelle». Auf dem wichtigsten Markt China geht BMW 2030 mit einem Anteil rein batteriebetriebener Autos von über 50 Prozent der Zulassungen aus. In Europa und den USA dürfte der Anteil nur halb so hoch liegen.

Rivale Daimler will seine Zulieferer zu klimaneutraler Produktion bewegen. «Das wird zu einem Vergabe-Kriterium», sagte Vorstandschef Ola Källenius in Frankfurt. Daimler selbst will seine Fabriken bis 2022 klimaneutral machen, wobei ein Teil der CO2-Emissionen auch mit Ausgleichszahlungen kompensiert werden soll. Källenius schloss nicht aus, dass die strengen EU-Vorgaben zur Emission der Flotte 2021 verfehlen werden könnten. Man habe die richtigen Elektrofahrzeuge im Angebot - wisse aber nicht, was die Kunden tatsächlich wünschten.

Auch Opel bekannte sich grundsätzlich zu den SUVs in seinem Programm. Das Segment kleinerer Stadtgeländewagen wird nach Einschätzung von Vorstandschef Michael Lohscheller weiter wachsen. «Die Kunden fragen insbesondere diese kleinen SUVs stark nach», sagte er. Die zum französischen PSA-Konzern gehörende Marke werde ihren SUV-Anteil von jetzt 30 Prozent steigern. Die kompakten Autos könnten unter anderem mit elektrischen Antriebe und niedrigem Verbrauch gefahren werden.

Die chinesische Elektroauto-Firma Byton brachte ihr erstes Fahrzeug mit einem Riesen-Display im Cockpit zur Serienreife. In Frankfurt zeigte Byton das Produktionsmodell des SUV M-Byte. Die ersten Exemplare sollen Mitte 2020 in China ausgeliefert werden, sagte Chef Daniel Kirchert. Im ersten Halbjahr 2021 folgen die USA und Europa.

Greenpeace bemängelte, die Autoindustrie unternehme zu wenig für den Wandel zu reinen sowie leichteren und kleineren E-Fahrzeugen. Laut einer Analyse der Umweltschutzorganisation lag die langfristig verursachte CO2-Belastung durch die zwölf größten Autohersteller 2018 über dem laufenden Treibhausgas-Ausstoß der EU. Der entsprechende «Fußabdruck» - er schätzt die Emissionen der Wagen über ihren gesamten Lebenszyklus - betrug demnach bei den im vergangenen Jahr verkauften Pkw rund 4,3 Milliarden Tonnen CO2. Diese Menge übertreffe diejenige des absoluten Ausstoßes aller EU-Staaten (4,1 Mrd t).

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