Wenn die Scooter schlafen gehen - Auf Spritztour mit einem «Hunter» Von Larissa Schwedes, dpa

Wenn der Saft ausgeht, hat der E-Scooter Feierabend. Er braucht dann jemanden, der ihn zurück an die Steckdose bringt. Abend für Abend machen sich deshalb im ganzen Land Menschen auf den Weg - auf eine Spritztour, für die es manchmal starke Nerven braucht.

Köln (dpa) - Der Sound der Nacht ist laut und schrill. «Piep, piep, piep», tönt es im Minutentakt aus dem Laderaum des Transporters, mit dem der «Hunter» auf der Jagd nach E-Scootern durch die Straßen fährt. Was sich dort hinten mit penetrantem Signalton beschwert, sind die Scooter der Verleihfirma Tier. Weil sie beim Einsammeln - anders als beim Rollern - nicht entsperrt werden, protestieren sie gewissermaßen, dass sie vom Fleck bewegt werden.

«Es ist wichtig, dass man gute Musik dabei hat», sagt Oliver Jaworek, der zu Electro-Klängen vermisste Gefährte sucht, während die Sonne untergeht und sich die Straßen von Köln langsam leeren. Sein wichtigstes Arbeitsgerät ist eine Karten-App, die ihn zu seinen Zielen lotst. Grün heißt niedriger Akku, erklärt der 31-jährige Kölner. Rot heißt: «Wir haben dich seit mehr als einem Tag nicht gesehen. Wäre schön, wenn du mal wieder zuhause vorbei kommst.»

Zuhause, das ist für die mintgrünen Tretroller aktuell eine Lagerhalle im Kölner Stadteil Dellbrück. Etwas verloren stehen die kleinen Gefährte in dem meterhohen Raum - fein säuberlich aufgereiht und an überdimensionale Steckdosenleisten angeschlossen. 50 Stück in einer Reihe, dazwischen Akkus und Kabelsalat. An einer Wand stapeln sich nach den ersten Wochen auch bereits ein paar Dutzend defekte Exemplare. Nach Angaben von Tier sollen sie - soweit möglich - vor Ort repariert werden.

Von hier aus beginnen die «Hunter» und «Ranger» ihren Dienst. Die «Ranger» sammeln mit großen Transportern bis zu 40 Scooter pro Nacht ein, während sich die «Hunter» um weniger, dafür aber kompliziertere Fälle kümmern. So fischte Jaworek, der bei Tier für Köln und Bonn die Flotte im Blick behält, auch schon einen Scooter aus dem 5. Stock eines Hochhauses. Ein anderer Nutzer nahm einen Roller nach einer langen Nacht mit ins heimische Wohnzimmer.

In solchen Fällen lassen die Sammler die Geräte per Fernsteuerung blinken und noch lauter Lärm machen, als sie es bei der Fahrt im Transporter tun. «Irgendwann stellt man den Scooter dann raus», sagt Jaworek. Ein paar Roller sind auch schon im Rhein versunken. «Da dachte jemand auf dem Heimweg wohl: Mal gucken, ob das Tier auch schwimmen kann - kann es leider nicht.»

An diesem Abend im August hat Jaworek ein leichtes Spiel. Vom Messegelände in Deutz geht es zum Kölner Tanzbrunnen, von da aus wieder auf die andere Rheinseite. Die gesuchten Scooter stehen gut sichtbar bereit und blinken, wenn man sie anfunkt. Pro Stück 21 Kilo, die in den Transporter gewuppt werden müssen.

Spricht Jaworek von seinen Kollegen, geht es um «die Jungs». Das E-Scooter-Sammeln ist bislang weitgehend eine Männerdomäne. Im Kölner Team von Tier sei zwar von Tag Eins an eine Frau dabei, die im internen Sammel-High Score auch ganz oben mitspiele - aber es ist von mehreren Dutzend Kollegen eben auch nur eine. «Das ist schon ein gewisser Kraftakt, der eher für den starken Männerarm gemacht ist», meint Lars Zemke vom Verband für Elektrokleinstfahrzeuge. Wieviele Tier-E-Scooter derzeit in Bonn und Köln stehen, wollte das Unternehmen nicht sagen.

Während Tier und andere Firmen das Personal - darunter viele Studenten und 450-Euro-Jobber - über einen Dienstleister organisieren lässt, heuert etwa der Rivale Lime sogenannte «Juicer» an, die mit Privatautos herumfahren und die Scooter zuhause laden. «Wenn man das nebenbei macht und sich die Nacht um die Ohren schlägt - Respekt», sagt Scooter-Experte Zemke. Es sei allerdings bisher noch eher keine Perspektive, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Auch bei den Emissionen, die das Einsammeln verursacht, sieht Zemke Nachholbedarf. Die E-Scooter seien als grüne Lösung für Mobilität eingeführt worden. «Wenn man die dann mit einem alten Diesel-Transporter einsammelt, knickt die Sache.» «Hunter» Jaworek spricht bereits darüber, dass zukünftig nicht mehr nur Autos zum Scooter-Transport genutzt werden sollen. Was die Alternative sein soll, will er jedoch noch nicht verraten.

Als der «Hunter» seine Fahrt beendet und seine Beute ausgeladen hat, steht noch ein Gesundheits-Check für die Roller an: Alles noch dran? Fährt er noch, bremst er noch? Ist alles okay, dürfen sich die Scooter zu ihren Artgenossen einreihen. Für ein paar Stunden herrscht dann Ruhe - bis man sie im Morgengrauen wieder einsammelt und über die Stadt verteilt, voll geladen für neue Abenteuer.

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