Heute vor 75 Jahren ist das Passagierflugzeug „Star Dust“ in den Anden verschollen. Erst 51 Jahre später wurde das Wrack gefunden – doch offen Fragen gibt es noch heute.

Ein 1947, für 51 Jahre spurlos in den argentinischen Anden verschwundenes Verkehrsflugzeug und ein geheimnisvoller Morsecode sind die Zutaten für ein Mysterium der Luftfahrtgeschichte, das noch heute die Menschen bewegt. AERO INTERNATIONAL hat sich einmal genauer mit dem Absturz der „Star Dust“ beschäftigt.

Flug C.S. 59 der British South American Airways (BSAA) war ein regulärer Passagierdienst von London nach Santiago de Chile mit Zwischenstopps auf den britischen Bermuda Inseln und in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Bis dorthin kam eine Avro 685 York zum Einsatz, während für die Andenüberquerung auf die für große Flughöhen besser geeignete Avro 691 Lancastrian zurückgegriffen wurde. Kapitän R.J. Cook und Erster Offizier N.H. Cook saßen seit London in den Cockpits sowohl der York, als auch der Lancastrian, als sie am 2. August 1947 in Buenos Aires zur letzten Etappe über die Anden hinweg an den Start rollten.

Captain und Copilot fliegen mit der „Star Dust“ die direkteste Route

Laut offiziellem Unfallbericht gaben Captain und Copilot Cook sowie der Zweite Offizier D. Checklin einen Flugplan für die direkteste von drei zur Auswahl stehenden Routen auf, die über das argentinische Mendoza hinweg führte. Dies stand im Widerspruch zu den in London und Buenos Aires erhaltenen Anweisungen, dass bei zu erwartendem schlechten Wetter auf keinen Fall die kurze Route zu nehmen sei, die tatsächlich an jenem Tag mit einem Schneesturm und dichten Wolken widrige Flugbedingungen bot.

Die Kabine eines Schwesterflugzeugs des „Star Dusts“. Foto: Sammlung Wolfgang Borgmann

Doch dies ignorierte die Crew, zu der auch Funkoffizier Dennis B. Harmer, sowie die Stewardess, bei BSAA „Star Girl“ genannt, Iris M. Evans gehörten. Um dennoch auf der sicheren Seite zu sein hatte die Besatzung Treibstoff für 6 Stunden und 30 Minuten tanken lassen, obgleich die tatsächliche Flugzeit mit lediglich 3 Stunden und 45 Minuten in einer Flughöhe von bis zu 8000 Metern kalkuliert war.

Positionsmeldungen der „Star Dust“ werden per Morsezeichen durchgegeben

Alles lief zunächst wie geplant, und Funkoffizier Harmer setzte nach dem Start um 13.46 GMT in Buenos Aires die nächsten, auf einen reibungslosen Flugverlauf hindeutenden Positionsmeldungen um 15.07, 16.00, 17.00 und 17.33 GMT ab. Diese erfolgten per Morsezeichen, da damals noch kein heute üblicher Flugfunkverkehr global verbreitet war. Doch dann, um 17.41 GMT, nur vier Minuten vor der geplanten Landung in Santiago, funkte Harmer die letzte, bis heute mysteriöse Nachricht: „E.T.A. Santiago 1745hrs. STENDEC“ ­– übersetzt: „Geschätzte Ankunftszeit 17.45 Uhr STENDEC.“

In dieser Anzeige ist die Flugroute der „Star Dust“ von London nach Santiago de Chile verzeichnet (oben rechts). Foto: Aviationancestry.co.uk

Der chilenische Funker der Flugsicherung des Los Cerrillos Airport von Santiago de Chile wunderte sich über den Begriff STENDEC, der keinem international üblichen Morsecode entspricht, und fragte bei Harmer nach, der daraufhin STENDEC STENDEC in schneller Abfolge zweimal wiederholte. Dies war das letzte Lebenszeichen der „Star Dust“, die niemals ihren Zielflughafen, obgleich vermeintlich so nah, erreichen sollte.

Wilde Verschwörungstheorien zum Absturz der „Star Dust“

Für Air Commodore Vernon Brown, Leiter der Untersuchungskommission der britischen Zivilluftfahrtbehörde, stand R.J. Cook in dem am 22. Dezember veröffentlichten Unfallbericht als Verantwortlicher für den vermuteten Absturz fest: „Da dies die erste Andenüberquerung des Piloten als Kommandant war, und unter Berücksichtigung des Wetters, hätte er nicht die direkte Route zur Überquerung wählen dürfen.“

Doch ein entscheidendes Detail fehlte Brown zur abschließenden Unfallanalyse: das Wrack der Lancastrian! Trotz einer groß angelegten Suchaktion konnte nicht der geringste Hinweis auf dessen Verbleib gefunden werden. Die „Star Dust“ schien am 2. August 1947, um 17.41 GMT wie vom Erdboden verschluckt, was nicht zuletzt zu zahlreichen wilden Verschwörungstheorien führte – bis hin zur Entführung des Flugzeugs durch Außerirdische.

Passagierflugzeug „Star Dust“ war 51 Jahre lang verschollen

Die durch den amerikanischen Sänger Nat King Cole damals zu Weltruhm gelangte Liebesballade „Star Dust“, zu deutsch „Sternenstaub“ dürfte für die Angehörigen der vier Besatzungsmitglieder und sechs Passagiere der 51 Jahre lang verschollenen Lancastrian mit identischem Taufnamen eine ganz besondere Bedeutung gehabt haben. „Die purpurne Dämmerung des Zwielichts stiehlt sich über die Wiesen meines Herzens. Hoch oben am Himmel klettern die kleinen Sterne. Erinnern mich immer daran, dass wir getrennt sind“, lautet eine der berührenden Strophen.  Wie die im Lied besungene Liebe, war auch die „Star Dust“ getaufte Avro 691 Lancastrian nicht nur in den Herzen der Angehörigen zu Sternenstaub zerstoben.

Eine dramatische Aufnahme einer Lancastrian der Britischen BOAC. Foto: Sammlung Wolfgang Borgmann

Keiner von ihnen sollte noch den Moment erleben, als 51 Jahre nach dem Verschwinden des Flugzeugs und dessen Insassen der 6635 Meter hohe, direkt an der Grenze zu Chile gelegene Andenvulkan Tupungato sein trauriges, für ein halbes Jahrhundert unter Schnee und Eis wohl gehütetes Geheimnis preisgab. Die Lösung des Rätsels, was mit Flug C.S. 59 passiert war, bahnte sich zunächst in Form eines Flugzeugmotors an, den im Januar 1998 eine Bergsteigergruppe per Zufall entdeckte. Als zwei Jahre darauf eine Expedition der argentinischen Armee den Berg erklomm, um nach weiteren Objekten zu suchen, entdeckte sie ein ganzes Trümmerfeld, das nach dem Rückzug des Gletschers an das Tageslicht gelangt war. Darunter Teile des Hauptfahrwerks, dessen äußerlich unversehrte Räder, ein verbogener Propeller, aber auch die sterblichen Überreste von drei Insassen der „Star Dust“.

Hat die Crew die sichere Reiseflughöhe zu früh verlassen?

Aus den vorgefundenen Beschädigungen glauben Sachverständige ableiten zu können, dass eine technisch intakte Maschine im Reiseflug und mit hoher Geschwindigkeit in den Berghang raste. Sollte dies so gewesen sein, was erst mit der Bergung weiterer „Star Dust“-Teile und Instrumente durch künftige Expeditionen womöglich abschließend zu beurteilen wäre, hätte die Crew unter Umständen die sichere Reiseflughöhe zu früh verlassen. Dafür spricht, dass sie zum Zeitpunkt der Katastrophe glaubte, bereits vier Minuten später in Santiago de Chile, und damit westlich der Anden zu landen. Der Tupangato befindet sich jedoch inmitten des Hochgebirges, das den südamerikanischen Kontinent von Nord nach Süd durchzieht.

Die Lancastrian flogen nicht nur nach Südamerika, sondern auch nach Südafrika. Wie diese Maschine auf dem Flughafen von Johannesburg. Foto: Transnet

Was Captain Cook und Copilot Cook damals nicht wissen konnten: Die Lancastrian, so konnte aus historischen Wetterdaten rekonstruiert werden, befand sich wohl inmitten eines Starkwindfelds mit einem Gegenwind von rund 160 Kilometer pro Stunde. Da die Avro 691 mit keinen Instrumenten zur Messung der Geschwindigkeit relativ zum Boden ausgerüstet war, und der Fahrtmesser lediglich die Geschwindigkeit relativ zur Luft anzeigte, könnte die Besatzung ihre tatsächliche Geschwindigkeit überschätzt, und ihre Position zu nahe dem finalen Ziel von Flug C.S. 59 vermutet haben. Wahrscheinlich begann sie daher bereits den Anflug inmitten des von Wolken verhüllten Gebirges, was zum tragischen Ende der „Star Dust“ an den Hängen des Tupangato führte.

Absturz der „Star Dust“: STENDEC-Rätsel bisher ungelöst

Auch wenn noch viele Fragezeichen zur Unfallursache im Raum stehen, ist deren Aufklärung schon viel weiter fortgeschritten als jene des STENDEC-Rätsels. Bis heute gibt es hierzu nur Vermutungen, die von der Information über einen bevorstehenden Absturz, über einen Abschiedsgruß auf Lateinisch, bis hin zu einer simplen Bestätigung des Flughafenkürzels für Santiago reicht. Vermutlich wird die finale Klärung dieser Frage für immer im Sternenstaub der „Star Dust“ aufgegangen sein und ein Cold Case der Luftfahrt bleiben.

Text: Wolfgang Borgmann