Afrika: Ein Kontinent auf Höhenflug?
Die aktuellen Zahlen beweisen es: Der Luftverkehr Afrikas wächst wie kaum eine andere Region weltweit. Doch was sind die Gründe dafür? Die OAG hat Antworten.
Fragt man die International Air Transport Association (IATA), dann ist die Region Afrika der kleinste Luftverkehrsmarkt weltweit. Der Marktanteil im globalen Passagierverkehr betrug im Juni gerade einmal 2,2 Prozent. Doch in Sachen Wachstum hat der Kontinent momentan zweifellos die Nase vorn.
Der Airline-Verband erwartet in diesem Jahr ein Plus von zehn Prozent. Zum Vergleich: Der asiatisch-pazifische Raum dürfte laut IATA um 5,1 Prozent zulegen, Europa um 2,8 Prozent, und der Nahe Osten wird, so die IATA-Prognose, sogar um 11,4 Prozent verlieren – aufgrund gleich mehrerer Krisenherde in der Region.
Afrikas Inlandsverkehr legt zu
Grund genug also, sich Afrika einmal genauer anzusehen. Hier wird allein das Sitzplatzangebot laut des britischen Datenanbieters OAG in diesem Sommer gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 8,7 Prozent zulegen – getrieben vom boomenden Inlandsverkehr.
Insbesondere das bevölkerungsreichste Land Afrikas, Nigeria, steche mit einem Plus von 36 Prozent hervor, was „auf Währungsreformen, zusätzliche geleaste Flugzeuge und das wachsende Vertrauen der Fluggesellschaften in den Markt zurückzuführen ist“, so die Londoner.
Afrika: Wer kann sich Fliegen leisten?
Bislang waren die Herausforderungen für Carrier zwischen Kairo und Kapstadt, Dakar und Djibouti enorm: Hohe Steuern, überbordende Bürokratie und mehr als 50 verschiedene Zollgrenzen würden die Betriebskosten einer Fluggesellschaft im Vergleich zu Europa oder Nordamerika um rund 30 Prozent verteuern, hat zumindest die OAG errechnet.
Dazu kommt eine durchschnittlich immer noch relativ arme Bevölkerung. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf liege in Afrika laut OAG bei 2949 US-Dollar. Die Schwelle für den Zugang zu Flugverkehr geben die Briten mit 2000 US-Dollar an; doch diese Hürde nehmen gegenwärtig nur wenige afrikanische Länder – Ägypten beispielsweise, aber auch Algerien, Marokko, Ghana oder Südafrika.
Welche Bedeutung hat Ethiopian in Afrika?
Aktuell dominiere Ethiopian Airlines den afrikanischen Luftverkehr, sagen die Datenanbieter. Das Drehkreuz des Star-Alliance-Partners in Addis Abeba sei verkehrsreichster als die drei nächstplatzierten Hubs zusammen. Allerdings werden 70 Prozent der interkontinentalen Kapazität von und nach Afrika immer noch von nicht-afrikanischen Fluggesellschaften bedient, merkt die OAG an. Und die Kapazitäten an ihrem Heimatflughafen, dem Bole International Airport, schränke bereits jetzt das Wachstumspotenzial von Ethiopian spürbar ein.
Billigfluggesellschaften seien darüber hinaus ein fehlendes Puzzleteil. Während im Nahen Osten die Kapazität von Billigfluggesellschaften innerhalb eines Jahrzehnts von zehn auf 25 Prozent gestiegen sei, kämen in Afrika die Low-Coster nicht richtig voran, so die OAG. Zudem nennen die Briten als weitere Hemmnisse die mangelnde Infrastruktur, Finanzierungsschwierigkeiten sowie die hohen staatlichen Abgaben. „Allein die Steuern für einen zweistündigen Flug von Accra in Ghana nach Freetown in Sierra Leone übersteigen 400 US-Dollar, bevor auch nur ein einziger US-Dollar bei der Fluggesellschaft ankommt“, heißt es aus London.
Wo kommt frisches Kapital her?
Die südafrikanische Airlink entwickele sich aktuell „zu einer der interessantesten Fluggesellschaften des Kontinents“, heißt es weiter. Dank finanzkräftiger Investoren. Seit der Abspaltung von der South African Airways (SAA) während der Covid-Pandemie ist der Carrier nun zu 25 Prozent im Besitz der Qatar Airways, habe zehn Embraer-E2 bestellt und das Streckennetz bis nach Sansibar, Mauritius und Lagos ausgebaut.
„Auch nigerianische Fluggesellschaften sollte man im Auge behalten, da sich die Marktbedingungen vor Ort weiter verbessern“, sagen die OAG-Experten. Außerdem werde Äthiopiens Nationalcarrier Ethiopian Airlines vom neuen Mega-Airport in Bishoftu profitieren. Und zwar räumlich dank es nun nahezu unbegrenzten Platzangebotes und der enormen geplanten Kapazitäten sowie eines nun greifenden operationellen Vorteils: Bishoftu liegt 610 Meter tiefer als Bole, künftig seien Nonstop-Flüge mit A350-1000 nach Nordamerika möglich, betont die OAG und erwartet, dass Ethiopian mit dem neuen Airport ihr Streckennetz ähnlich revolutionieren kann wie einst Emirates.
Viele andere staatliche Fluggesellschaften würden dagegen weiterhin Großraumflugzeuge als Prestigeprojekte sehen, zumal sich 90 Prozent ihrer Bevölkerung keinen Flug leisten können. „Hier steht Nationalstolz über der wirtschaftlichen Realität“, vermutet die OAG.
Lesen Sie auch Air Peace: fabrikneue Embraer E175 für Afrikas Konnektivität

