Flugziele, wo Sie Ihre Nachbarn garantiert nicht treffen
Wohin geht die Urlaubsreise? Wir stellen Ziele vor, die abseits ausgetrampelter Tourismuspfade liegen und dennoch per Flugzeug erreichbar sind.
Mallorca, Hurghada, Rhodos? Insbesondere in der Hauptferienzeit stehen die Chancen günstig, in den beliebten Ferienorten bekannte Gesichter aus der heimischen Umgebung zu treffen. Doch wer möchte sich schon mit Frau Meier aus dem Haus gegenüber am Frühstücksbüffet um die letzte Scheibe Geflügelsalami streiten? Oder den verwöhnten Zwölfjährigen der Müllers an der Poolrutsche ertragen? Die Ferienzeit sollte der Erholung dienen. Und schließlich möchte man nach den wertvollsten Wochen des Jahres auch etwas im Büro zu erzählen haben.
Wir haben deshalb drei besondere Flugziele herausgesucht, die von Deutschland, Österreich und der Schweiz aus zwar nicht nonstop erreichbar sind, wo Sie aber garantiert nicht auf bekannte Gesichter stoßen werden. Für die Trips dorthin ist mindestens ein Langstreckenflug zu einem interkontinentalen Drehkreuz plus das Umsteigen auf einen regionalen Weiterflug einzuplanen. Dafür können locker bis zu anderthalb Tage draufgehen. Doch testen Sie es gerne einmal aus! Hier und da ist sogar ein wenig Nervenkitzel im (Ticket-)Preis inbegriffen.
St. Helena: Nicht ohne meine Versicherung
Am liebsten hätten sie ihn zum Mond geschossen. Doch auf die dafür nötige Technik konnten die Briten 1815 noch nicht zurückgreifen als die Frage aufkam: Wohin mit Napoleon Bonaparte, den sie doch gerade erst bei der Schlacht im belgischen Waterloo besiegt hatten? Die Antwort lag jedoch schnell auf der Hand: nach St. Helena. Denn diese Insel im Südatlantik schien von London aus nicht weniger weit entfernt zu sein als der allabendlich aufgehende Erdtrabant.
Während seine Majestät also seinerzeit per Schiff ins vermeintliche Niemandsland – etwa auf halber Strecke zwischen Afrika und Südamerika gelegen – reisen musste, wo er schließlich 1821 in Einsamkeit bei größter Langeweile starb, ist die Insel heute auch per Linienflug erreichbar. Und das dank des 2016 eröffneten Flughafens (IATA-Code HLE) und der südafrikanischen Fluggesellschaft Airlink.
Der Carrier nimmt seit 2017 regelmäßig ab Johannesburg Kurs auf den Airport, der mit seiner 1950 Meter langen und 45 Meter breiten Piste – die von steilen Abhängen begrenzt ist und an der zu allem Überfluss auch noch tückische Scher- oder heftige Rückenwinde ihr Unwesen treiben – besondere Anforderungen an Pilot und Flugzeug stellt.
Vor der Eröffnung des Linienflugverkehrs, pendelte im dreiwöchigen Rhythmus ein Postschiff zwischen Kapstadt und dem Hauptort Jamestown, das die für die Wegstrecke fünf Tage brauchte. Heute benötigt die zum Einsatz kommende Embraer 190 der Airlink nur rund sechs Stunden – ein mindestens 30-minütiger technischer Stopp in Namibia inklusive. Dort, in Walvis Bay, werden sämtliche Tanks randvoll mit Kerosin gefüllt und der letzte Check des Flugzeugs durch die an Bord mitreisenden Ingenieure durchgeführt.
Grünes Licht für den 2000 Kilometer langen Weiterflug ausschließlich über Wasser bekommt Airlink in Namibia allerdings nur, wenn sichergestellt ist, dass die Embraer ihren PNR (Point of no return) erst dann erreicht, wenn ein eventuell gerade auf St. Helena gestartetes Flugzeug seinen PNR bereits passiert hat. Warum? Nun, müsste Flugzeug B beispielsweise aufgrund von Triebwerksproblemen umkehren, und der Flughafen St. Helena wäre gezwungen, nach einer möglicherweise missglückten Notlandung die einzige Piste zu sperren, hätte Flugzeug A, das selbst wiederum auch nicht mehr umkehren könnte, wegen der isolierten Lage der Insel ein großes Sicherheitsproblem.
Die zweite Etappe der Reise in die südatlantische Einsamkeit hat es also in sich. Auch für die Piloten, die aufgrund der rund um die Insel herrschenden Wind- und Wetterverhältnisse für den Anflug auf St. Helena geschult werden müssen. Selbst von den Passagieren wird einiges verlangt. Denn ohne gültige Krankenrücktransportversicherung geht wirklich gar nichts. Gleich beim Einchecken in Südafrika muss jeder Reisende eine entsprechende Kopie vorlegen und beim Grenzbeamten am Flughafen von St. Helena dann ein zweites Mal, noch vor dem Reisepass. Denn wenn etwas teuer werden kann, dann ein medizinisch indizierter Medevac-Flug von Großbritanniens einsamstem Außenposten, dessen Klinik selbst nur Grundversorgung leisten kann.
Es wäre für Napoleon also so einfach gewesen, der Verbannung auf St. Helena zu entgehen. Er hätte nur auf einen nicht existenten Versicherungsschutz hinweisen müssen.
Saba: Wo nicht nur Königinnen landen
Die Königin von Saba, eine biblische Gestalt am Hofe König Salomons, dürfte selbst Menschen ein Begriff sein, die wenig mit der Luftfahrt am Hut haben. Doch die Piste von Saba – einer winzigen, nur 13 Quadratkilometer großen Insel der Niederländischen Antillen in der Karibik – ist es wert, einmal einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt zu werden.
Aufgrund der nur 400 Meter langen Start- und Landebahn – eine kürzere findet man im kommerziellen Luftverkehr nicht – auf einem 18 Meter hohen, von einem Berghang flankierten Plateau über dem Ozean wird der kleine Flughafen des Eilandes (IATA-Code SAB) gerne mit einem Flugzeugträger verglichen. Fangnetze sucht man allerdings vergebens.
Landen dürfen nur Piloten, die über eine spezielle Sondergenehmigung der zuständigen Luftfahrtbehörde verfügen. Worauf der Erste, dem das Aufsetzen auf dem „Flat Point“ genannten Areal unfallfrei geglückt ist, noch pfeifen konnte. 1959 hatte der Flugpionier und ehemalige Bürgermeister der Nachbarinsel St. Barthélemy, Rémy de Haenen, sein Glück versucht – mit Erfolg.
Dank des Beweises, dass Landungen auf Saba grundsätzlich möglich sind, startete 1962 der Bau des im September 1963 eröffneten Airports. Die niederländische Regierung hatte dafür 600.000 Gulden zur Verfügung gestellt. Heute nimmt insbesondere die karibische Winair die Herausforderung bis zu viermal täglich ab St. Maarten an. Die 20-minütigen Hüpfer werden aktuell mit Twin Otter aufgrund deren STOL-Eigenschaften (Short Takeoff and Landung) durchgeführt.
1998 wurde das Terminal übrigens durch den Hurrikan Georges zerstört. Die niederländische Regierung finanzierte den Bau eines neuen Gebäudes, das am 6. Dezember 2002 Rémy de Haenen gewidmet wurde. Der Propeller, den dieser bei der ersten Landung auf der Insel genutzt hatte, ist in dem Gebäude ausgestellt.
K’gari: Bitte erst die Schuhe abputzen
Kofferrollen leben auf K’gari, einer kleinen Insel oberhalb des nördlichen Zipfels von Queensland in Nordost-Australien, gefährlich. Denn wer auf dem Klecks im Südpazifik, der zwischen 1836 und 2023 als Fraser Island bekannt geworden ist, landet und der zum Einsatz gekommenen Propellermaschine entsteigt, spürt nach zwei, drei Treppenstufen keinen Asphalt unter den Füßen, sondern feinsten weißen Sand, der knirschend die kleinen Rädchen blockiert. Gelandet wird nämlich direkt auf dem Strand, Ebbe vorausgesetzt.
Es gibt keine befestigte Piste weit und breit! Mehr noch: Der Strand, auf dem die Flugzeuge aufsetzen und von dem sie später wieder starten, ist gleichzeitig die einzige Hauptstraße der Insel. Auf dem sogenannten „75 Mile Beach“ fahren Busse wie Mietwagen – Hauptsache, sie haben Allradantrieb. Dazwischen angeln Angler und spazieren Spaziergänger. Dingos, Kängurus oder einige Schlangenarten komplettieren das Bild an Land; im Wasser ziehen Rochen, Schildkröten, Wale, Delphine und, ja, auch der eine oder andere Hai seine Runden.
Kurs auf Fraser nimmt Air Fraser Island ab dem Sunshine Coast Airport und Hervey Bay. Jets wären hier fehl am Platz. Die Airline bietet mit zwei GippsAero GA8 Airvan und einer Cessna 172 Versorgungsflüge, aber auch touristische Sightseeing-Flüge über der Insel an. Und das bereits seit Mitte der 70er-Jahre. Damals wurde ein Pilot namens Harry Geltch aus New South Wales mit seiner Cessna 172 für einen Angeltrip nach Fraser Island gebucht. Er war so begeistert von der Gegend, dass er seine „Harry’s Air Charter“ an die Fraser Coast verlegte.
Der Flugbetrieb ist nach wie vor eine besondere Herausforderung: Die Runway, von der man startet, ist möglicherweise nicht mehr vorhanden, wenn man vom Festland zurückkommt. Der Strandstreifen ändert sich ständig mit den Gezeiten. Die Autos, mit denen man sich den Strand teilt, sind teilweise bis zu 80 km/h schnell, die umherlaufenden Tiere sind kaum berechenbare Hindernisse. Die Piloten müssen jederzeit bereit sein zum Durchstarten.
Mehr noch: Der kofferrädertötende feine Quarzsand ist zusätzlich so hell, dass selbst eine Sonnenbrille nicht ausreicht, um sich vor den Reflektionen der Sonne zu schützen. Und beim Boarding sind die Flugzeugführer mit einem Handfeger bewaffnet, um den Salzwasser-Sand von den Schuhen der Passagiere zu bürsten. So soll Korrosion im Flugzeug vermieden werden.
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