Lufthansa legt CityLine still: Scharfe Kritik von Gewerkschaften
Lufthansa zieht 27 CityLine-Flugzeuge aus dem Verkehr – und schwächt damit ihren Feederverkehr massiv. Der Schritt kam früher als geplant. Wie reagieren Gewerkschaften und Experten?
Dieser Paukenschlag schaffte es am Donnerstag, 16. April, zu besten Sendezeit in die Nachrichten diverser Fernseh- und Radiosender: Lufthansa meldet nur einen Tag nach dem von Streiks begleiteten Festakt zum 100. Geburtstag des Kranichs die Stilllegung von 27 Flugzeugen der Lufthansa CityLine, darunter sämtliche CRJ900. Somit entzieht der Kranich seinem traditionsreichen Tochterunternehmen die Arbeitsgrundlage.
Die Reaktionen darauf sind in der Branche unterschiedlich. AERO INTERNATIONAL sammelt an dieser Stelle Stimmen, die diesen Schritt befürworten oder ablehnen. Denn eines steht fest: Kalt lässt das Aus des einst in Ostfriesland gegründeten Carriers niemanden.
Schlimmer Tag für Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO
Für die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (UFO) war der gestrige Donnerstag „ein schlimmer Tag“. Auf der Homepage heißt es, dass die Mitglieder über Jahrzehnte hinweg den Erfolg der Lufthansa mitgeprägt hätten, sie seien durch unzählige Krisen mit- und für sie gegangen. Hätten abgegeben, wenn es erforderlich war und das Tarifniveau für ein Wachstumsversprechen abgesenkt, woran sich jedoch offenbar niemand mehr erinnern könne.
Mehr noch: Die Flugbegleiter seien zwei Jahre lang existenziell in der Schwebe gehalten worden. „Und in dem Augenblick, in dem die Existenzangst so sehr nicht mehr im Zaum zu halten ist, dass ihr beginnt, euch dagegen aufzulehnen, lässt man euch augenblicklich fallen“, richtet sich die Gewerkschaft direkt an die betroffenen Beschäftigten.
Dass am Tag nach dem von Streiks begleiteten Festakt die Stilllegung verkündet worden sei, nennt die UFO „perfide“. Und: „Dass die Pläne dafür schon lange fertig in der Schublade liegen, sieht man schon daran, dass das gesamte Geschäft noch am gleichen Tag auf eine der günstigeren Töchter umgeklappt wird.“
Aus von Lufthansa CityLine: Was sagt die Vereinigung Cockpit?
Die Vereinigung Cockpit (VC) kritisiert die kurzfristige Einstellung des Flugbetriebs der Lufthansa CityLine ebenfalls scharf: Der Lufthansa-Konzern habe den Weg der Rationalität verlassen, nehme keine Rücksicht auf die Mitarbeitenden und werde seiner Verantwortung nicht gerecht, heißt es in einem Statement.
„Die angeführten geopolitischen Gründe erscheinen aus unserer Sicht nicht überzeugend, da kein Wettbewerber derzeit Kapazitäten in diesem Umfang aus dem Markt nimmt“, zürnt VC-Präsident Andreas Pinheiro. „Vielmehr deutet vieles darauf hin, dass es sich um eine Maßnahme im Zusammenhang mit den aktuellen tarifpolitischen Konflikten innerhalb des Konzerns mit VC und UFO handelt.“
Seine Gewerkschaft habe wiederholt versucht zu deeskalieren, zuletzt auch mit dem Angebot zur Schlichtung, dies blieb jedoch ohne Erfolg. „Stattdessen scheint das Management bereit zu sein, erhebliche operative und wirtschaftliche Schäden in Kauf zu nehmen, um seine Tarifpolitik durchzusetzen.“
Was sagen Profi-Sanierer?
Für den Restrukturierungsexperten Lars Richter, Partner bei Rödl, zeigt „die aktuelle Entscheidung der Lufthansa, ihre Regionalfluggesellschaft CityLine einzustellen, exemplarisch, vor welchen strategischen Herausforderungen Unternehmen derzeit stehen. Steigende Inputkosten, volatile Nachfrageentwicklungen und zunehmende arbeitsrechtliche sowie regulatorische Restriktionen erhöhen den Druck, vorhandenes Kapital möglichst effizient einzusetzen“.
Wie lassen sich Angebot und Nachfrage nachhaltig in Einklang bringen? Welche Kostenstrukturen sind langfristig tragfähig? Welche vertraglichen oder arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen beeinflussen die strategischen Handlungsoptionen? Diese zentralen unternehmerischen Fragen gelte es zu beantworten. „Wir beobachten aktuell in vielen Branchen eine Zunahme solcher grundlegenden Portfolio-Entscheidungen. Unternehmen überprüfen verstärkt, welche Geschäftsbereiche unter veränderten Marktbedingungen weiterhin wettbewerbsfähig betrieben werden können und wo strukturelle Anpassungen erforderlich sind, gerade langfristige Vertragsstrukturen, tarifliche Bindungen und regulatorische Anforderungen spielen dabei häufig eine ebenso große Rolle wie operative Effizienzpotenziale“, so Richter weiter.
Allerdings: „Die aktuelle Entwicklung unterstreicht, dass frühzeitige Transparenz über wirtschaftliche Handlungsoptionen entscheidend ist, um strategische Entscheidungen faktenbasiert treffen zu können und die notwendige Umsetzungsgeschwindigkeit sicherzustellen.“
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