Nach Streik: Flughafenarbeiter in Istanbul vor Gericht

Massiver Zeitdruck und tödliche Unfälle: Arbeiter streikten gegen die Bedingungen auf der Baustelle des neuen Istanbuler Flughafens. Nun stehen sie vor Gericht und erheben neue Vorwürfe.

Istanbul (dpa) - Wegen Protesten gegen tödliche Arbeitsunfälle und schlechte Bedingungen auf der Baustelle des neuen Mega-Flughafens in Istanbul stehen in der Türkei 61 Arbeiter und Gewerkschaftler vor Gericht. Während eines emotionalen ersten Prozesstages am Mittwoch im Stadtteil Gaziosmanpasa wiesen die Arbeiter den Vorwurf, gewalttätig an einem Protest teilgenommen zu haben, zurück, wie Beobachter berichteten. Einige Arbeiter kritisierten erneut unmenschliche Bedingungen auf der Flughafen-Baustelle: «Wir haben protestiert, um menschenwürdig zu leben», sagte ein Arbeiter aus.

Unterstützer und Angehörige hielten vor dem Gericht Schilder hoch mit der Aufschrift: «Freiheit für die Arbeiter des 3. Flughafens» und skandierten Slogans wie: «Arbeiter sind keine Sklaven.» Am Ende der Verhandlung, die sich bis in den Abend hineinzog, ordnete das Gericht die Entlassung von 30 der 31 in Untersuchungshaft sitzenden Arbeiter an, wie aus Gerichtsunterlagen hervorging. Der Prozess geht jedoch weiter. Neuer Verhandlungstag ist der 20. März.

Der neue Flughafen - ein Prestigeprojekt des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan - war Ende Oktober eröffnet worden, soll aber erst Ende Dezember vollständig in Betrieb gehen. Am Dienstag waren neue offizielle Zahlen bekannt geworden, wonach mindestens 52 Arbeiter bei Unfällen auf der Baustelle ums Leben gekommen sind.

Die Arbeiter hatten im September gegen die Bedingungen auf dem Baugelände gestreikt. Die Polizei ging hart gegen die Demonstranten vor und nahm in nächtlichen Razzien zahlreiche Arbeiter fest. 31 der nun Angeklagten sitzen in Untersuchungshaft. Ihnen werden Widerstand gegen die Staatsgewalt, Verstoß gegen das Recht auf Arbeit, Teilnahme an einer Versammlung mit Waffen oder unerlaubten Gegenständen und Sachbeschädigung vorgeworfen.

Die Arbeiter kritisierten, sie würden wie «Sklaven» gehalten. Sie bemängelten unmenschliche Unterkünfte und späte Lohnzahlungen. Wegen massivem Zeitdruck und mangelnder Sicherheitsvorkehrungen sei es zu den zahlreichen tödlichen Unfällen gekommen, so der Vorwurf der Arbeiter. Die Betreibergesellschaft IGA hatte Sicherheitsmängel stets zurückgewiesen.

«Hätte man Vorsichtsmaßnahmen getroffen, hätten unsere Kollegen nicht sterben müssen», sagte der ebenfalls inhaftierte Vorsitzende der Baugewerkschaft Dev-Yapi-Is, Özgür Karabulut, laut Beobachtern in seiner Aussage vor Gericht. Auf die Frage des Richters, ob er eine Waffe benutzt habe, sagte ein Arbeiter: «Wenn ein Meißel auf einem Baugelände als Waffe angesehen wird, was soll ich da noch sagen?» Auch andere Angeklagte bestritten, bewaffnet gewesen zu sein.

Einer sagte aus, es habe viele schwere Unfälle aufgrund des Zeitdrucks gegeben. Ein anderer sagte, er habe sich über Bettwanzen in den Arbeiterunterkünften beklagt, sei jedoch nicht ernst genommen worden. «Wir haben keine Straftat gegen den Staat begangen, aber wir haben uns gegen unseren Chef aufgelehnt. Wir hatten Recht», sagte er.

Zum Prozessbeginn am Mittwoch reisten zahlreiche Angehörige der Angeklagten an. Der Bruder eines 35-jährigen inhaftierten Arbeiters sagte der Deutschen Presse-Agentur, er sei mit dem Auto vom mehr als Tausend Kilometer entfernten Agri im Südosten der Türkei gekommen, nur um seinen Bruder zu unterstützen. Man habe ihn jedoch nicht ins Gericht gelassen. Wegen des Andrangs verlegten die Behörden die Anhörung vom Verhandlungs- in den Speisesaal des Gerichtsgebäudes. Dennoch wurden nur ein Angehöriger pro Arbeiter und wenige Journalisten zur Verhandlung zugelassen. Polizisten blockierten den Gerichtseingang.

Der Flughafen Istanbul war am 29. Oktober eröffnet worden, aber nur sehr eingeschränkt in Betrieb gegangen. Die Bauarbeiten gehen weiter. Ende des Jahres will die halbstaatliche Fluggesellschaft Turkish Airlines ihren Betrieb vollständig an den neuen Airport im Norden der Stadt verlegen. Auch deutsche Unternehmen wie etwa Heinemann für den Duty free Bereich und DHL sind am neuen Flughafen aktiv.

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