Von Aida über Hapag-Lloyd bis Nicko Cruises: Zuletzt wurden besonders viele neue Kreuzfahrtschiffe später fertig als geplant. Woran liegt das? Und was bedeutet das für Urlauber?

Die Passagiere waren schon an Bord und freuten sich auf eine schöne Reise – dann kam der Urlaubsschock: Aida Cruises sagte die erste Kreuzfahrt der «Aida Mira» direkt vor dem Auslaufen aus dem Hafen von Palma de Mallorca ab. Zu viele Bereiche des Schiffs seien noch nicht fertig geworden, erklärte die Reederei.

Dass eine Auftaktfahrt quasi in letzter Minute ins Wasser fällt, ist sehr selten. Dass Kreuzfahrtschiffe zu spät fertig werden, passierte im Jahr 2019 allerdings häufiger. Seereisen-Fans stellt sich die Frage: Läuft bei Reedereien und Werften grundsätzlich etwas schief? Und was bedeutet das für Urlauber, die gerne Kreuzfahrten machen?

Die «Aida Mira» war kein neues Schiff, sie fuhr vor ihrem Umbau für die Schwesterreederei Costa. Aida zufolge erschwerten Unwetter die Umbauarbeiten an den Außenbereichen, daher die Verzögerung. Offenbar gab es keinen Zeitpuffer, um das Schiff rechtzeitig fertigzustellen.

Zuvor hatten sich bereits jede Menge Neubauten anderer Reedereien verzögert. Die Folge: abgesagte Reisen, Umbuchungen, geplatzte Urlaubsträume, frustrierte Kunden.

Übersicht der verspäteten Schiffe

– «Costa Smeralda»: Das zweite Kreuzfahrtschiff mit Flüssiggasantrieb (LNG) nach der «Aida Nova» sollte ursprünglich im Oktober 2019 die ersten Gäste begrüßen. Wegen Verzögerungen in der Meyer Werft in Turku in Finnland gingen die ersten Urlauber dann aber erst am 21. Dezember an Bord. Der Grund laut Reederei: Das Schiff habe eine besondere Herausforderung in seiner Konstruktion dargestellt.

– «Hanseatic nature»: Das Expeditionskreuzfahrtschiff von Hapag-Lloyd Cruises sollte am 13. April 2019 zur Jungfernfahrt von Hamburg nach Lissabon aufbrechen. Doch die Bauarbeiten in der Vard-Werft in Norwegen zogen sich hin. Zwei Reisen fielen aus, bevor der Neubau Anfang Mai in See stechen konnte. Die «Hanseatic nature» war das erste Schiff einer komplett neuen Klasse. Der Bau eines Prototyps sei mit nicht detailliert planbaren Faktoren verbunden, die sich im Verlauf des Prozesses als Herausforderung zeigen könnten, erklärt Hapag-Lloyd Cruises zu den Gründen für die verspätete Auslieferung.

– «World Exlorer»: Das erste Hochseekreuzfahrtschiff von Nicko Cruises – ein Projekt mit der Partnerreederei Mystic Cruises – verspätete sich um rund drei Monate. Das Schiff ging statt Anfang Mai erst Anfang August auf Tour, mehrere Reisen wurden abgesagt. Gebaut wurde die «World Explorer» in der Westsea-Werft in Portugal. Die Indienststellung habe sich insbesondere durch kurzfristige Umbaumaßnahmen verzögert, die wegen neuer Auflagen der Schiffs-Zertifizierungsgesellschaften notwendig wurden, teilt Nicko Cruises mit. Dabei ging es um den Kühlkreislauf des Schiffes.

– «Roald Amundsen»: Das erste Hybrid-Expeditionsschiff von Hurtigruten empfing im Juli 2019 die ersten Urlauber – mit mehreren Monaten Verspätung. Ursprünglich sollte das Schiff bereits im Jahr 2018 fertig werden. Auch hier verzögerten sich die Bauarbeiten, diesmal in der norwegischen Kleven-Werft. Zahlreiche Reisen wurden abgesagt. Die Werft begründete die Verschiebung ins Folgejahr mit der Komplexität des Neubaus. Denn technisch betrat Hurtigruten mit dem Hybridschiff einer neuen Baureihe ebenfalls Neuland.

Im Jahr zuvor hatte sich bereits das Prestigeprojekt von Aida verzögert:  Das erste LNG-Kreuzfahrtschiff überhaupt, die «Aida Nova», wurde erst kurz vor Weihnachten 2018 fertig. Die Jungfernfahrt und mehrere Reisen im November und Dezember 2018 wurden gestrichen.

Kreuzfahrtschiffe sind komplexe Bauprojekte

Gibt es bei all den Verzögerungen ein Muster? «Das sehe ich nicht», sagt der Sprecher der Meyer Werft in Papenburg, Peter Hackmann. Seine Werft hat 2019 drei Kreuzfahrtschiffe vollendet – stets pünktlich.

Die Verzögerungen zeigten aber, wie anspruchsvoll der Bau solcher Großprojekte sei, erklärt Hackmann. «Es ist im Prinzip absolut vergleichbar mit dem Bau von Flughäfen, Bahnhöfen oder großen Konzerthäusern. Es sind sehr viele Partner dabei beteiligt.» Auch manche Reederei zieht Vergleiche mit dem Berliner Flughafen BER.

Nicko Cruises erklärt: Ein häufiges Problem seien Lieferverzögerungen bei Teilen, die den weiteren Ablauf beeinflussen. Konkret heißt das: Wenn ein spezialisierter Vertragspartner den Zeitplan nicht einhält, also zum Beispiel ein bestimmtes Teil nicht liefert, kann ein anderer Zulieferer in einem anderen Bereich nicht weiterarbeiten.

Viele neue Schiffsklassen

Was außerdem auffällt: Oft verspäteten sich eher kleine, technisch komplexe und innovative Schiffe. Baugleiche Schwesterschiffe von bereits ausgelieferten Kreuzfahrtschiffen dagegen werden in der Regel zum vereinbarten Termin ausgeliefert.

Reedereien und Werften wollen die Schiffe möglichst schnell fertigstellen. Denn jeder Tag in der Werft kostet. Und mit jedem Tag, an dem das Schiff mit zahlenden Gästen auf See fährt, erhöht eine Reederei ihre Umsätze. Warum die Unternehmen für solche Projekte nicht mehr Zeitpuffer einplanen, teilten sie auf Anfrage nicht mit.

Jungfernfahrt mit Risiko

Für Urlauber sind die Verzögerungen ärgerlich. Zwar erstatten die Reedereien den Reisepreis und bieten außerdem Rabatte auf spätere Fahrten oder Reisen auf anderen Schiffen der Flotte. Doch die gebuchte Reise fällt erst einmal ins Wasser. Oft wurde extra Urlaub dafür genommen, und längst nicht jeder kann problemlos ausweichen.

Kann man vor diesem Hintergrund überhaupt noch ohne Risiko eine Jungfernfahrt eines Schiffes buchen? «Ich denke, das hängt einfach sehr von der individuellen Situation und Grundeinstellung ab», sagt der Journalist und Kreuzfahrtexperte Franz Neumeier. Wenn eine Absage keine größeren Umstände macht, könnten Reisende durchaus von Rabatten profitieren, die Reedereien auf alternative Kreuzfahrten bieten.

Schwierig wird es, wenn man nichts riskieren will. «Man sollte sich bei den ersten Reisen eines Kreuzfahrtschiffs des Risikos bewusst sein, dass sie eventuell ausfällt oder am Schiff noch nicht alles rund läuft», sagt Neumeier. «Was ich beispielsweise nicht tun würde, ist ein Hochzeitsreise oder einen anderen, ganz besonderen Anlass auf eine Jungfernreise zu legen.» Auch wer Perfektion an Bord erwartet, sollte solche Reisen eher meiden. «Das war schon immer so.»

Ob die aktuelle Pannenserie in naher Zukunft abreißen wird, muss sich zeigen. Eine Mitteilung der US-Reederei Carnival Cruise Line macht da eher wenig Hoffnung: Die «Mardi Gras» – das erste US-Kreuzfahrtschiff mit LNG-Antrieb – verzögert sich 2020 um zweieinhalb Monate.

dpa/tmn pla a3 yyzz fz crk