Das Germanwings- Unglück macht die Diskussion um den Lufthansa-Kurs schwieriger, auch wenn die Absturzursache noch nicht restlos geklärt ist. Management und Belegschaft stehen harte Kämpfe bevor. Frankfurt/Main (dpa) – «Jetzt stehen andere Dinge auf der Tagesordnung.» Der Flugkapitän und Pilotengewerkschafter Jörg Handwerg mag im Moment nicht über die nächste, dann 13. Runde im Pilotenstreik bei […]

Das Germanwings- Unglück macht die Diskussion um den Lufthansa-Kurs schwieriger, auch wenn die Absturzursache noch nicht restlos geklärt ist. Management und Belegschaft stehen harte Kämpfe bevor.

Frankfurt/Main (dpa) – «Jetzt stehen andere Dinge auf der Tagesordnung.» Der Flugkapitän und Pilotengewerkschafter Jörg Handwerg mag im Moment nicht über die nächste, dann 13. Runde im Pilotenstreik bei der Lufthansa nachdenken. Tatsächlich stehen im Konzern nach dem schwersten Flugzeugunglück in der Unternehmensgeschichte drängende Sicherheitsthemen an, die aber auch den tieferen Grund des Arbeitskampfes berühren.

«Our way forward» heißt das Programm des seit knapp einem Jahr agierenden Lufthansa-Chefs Carsten Spohr. Grob sieht es neben einer möglicherweise schrumpfenden Premium-Lufthansa den Ausbau konsequenter Billigangebote unter der neuen Dachmarke «Eurowings» vor. Die Unglücks-Airline Germanwings soll wesentlicher Teil dieses Angebots werden, dessen Ausbau die Pilotengewerkschaft VC mit nahezu allen Mitteln bekämpft.

Zur Eurowings-Strategie gehören billigeres Personal an Bord sowie die Auslagerung von Dienstleistungen am Boden, vom Check-In bis hin zur Flugzeugwartung. Auf ihrem Weg in die Zukunft hat Lufthansa bereits ihre Rechenzentren wie auch die Stationen an den kleineren deutschen Flughäfen wie Ballast abgeworfen. Am Flughafen Hamburg hat Germanwings die Wartung aus Kostengründen an den Dienstleister Bostonair vergeben. Es besteht zumindest die Sorge, dass bei aller Ausgründerei irgendwann die Sicherheit Schaden nehmen könnte.

Nach den bislang vorliegenden Informationen zum Absturz des Unglücksflugs 4U 9525 hält der Luftverkehrsexperte Gerald Wissel eine technische Ursache für am wahrscheinlichsten. Laut Germanwings wurde der letzte Schnellcheck an der über 24 Jahre alten Maschine in Düsseldorf von Lufthansa-Kräften durchgeführt. Doch für Wissel ist bislang noch unklar, ob das auch für den weit gründlicheren C-Check im Jahr 2013 gilt.

Am Steuer saß ein erfahrener, nach Lufthansa-Standards ausgebildeter und gut bezahlter Pilot mit mehr als 6000 Stunden Flugerfahrung. Das hohe Alter der Unglücks-Maschine taugt ebenfalls kaum als Argument gegen den Spohr-Plan. Er hat die Sparbemühungen stets damit begründet, dass ausreichend Kapital für neue Flugzeuge und Kabinenausstattungen da sein muss. Der Konzern hat bis zum Jahr 2025 nicht weniger als 272 neue Flugzeuge mit einem Listenpreis von 38 Milliarden Euro bestellt, darunter 160 Flieger aus der Airbus-Familie A320, aus der auch der Unglückflieger D-AIPX stammte.

Sicherheit und niedrige Reisepreise müssen sich auch nicht automatisch widersprechen. Der irische Billigflieger Ryanair hat in fast 30 Jahren seiner Firmengeschichte noch keine größeren Zwischenfälle erlebt. Keiner der inzwischen 750 Millionen Passagiere wurde ernsthaft verletzt, reklamiert Vorstandschef Michael O‘ Leary für sein hochprofitables Unternehmen, das über eine im Schnitt noch nicht einmal halb so alte Flotte verfügt wie die Lufthansa. Gefeuerte Ryanair-Piloten aber auch Gewerkschaften und Wettbewerber hatten in den Vergangenheit häufig Gelegenheiten genutzt, die Sicherheit der irischen Fluglinie in Frage zu stellen.

In der Folge gibt die australische Vergleichswebsite Airline Ratings.com der Ryanair wie auch wichtigen Mitbewerbern wie Easyjet, Monarch oder Jet2.com nur fünf von sieben Sternen – Germanwings hat bisher sechs, die Lufthansa oder British Airways, aber auch der Billiganbieter Flybe bekamen wegen ihrer ausgeprägten Sicherheitskultur sieben.

Der Zuverlässigkeitsnimbus der Lufthansa sei ausreichend stark, glaubt beispielsweise der Hamburger Luftverkehrsexperte Heinrich Großbongardt. Die Marke stehe wie kaum eine andere für Sicherheit in der Luftfahrt und werde wie zuvor schon die Air France die Vertrauenskrise letztlich überstehen.