Es ist das Dokument einer Tragödie mit Ansage. Einer Tragödie, die vermeidbar war. Die Umstände des Absturzes des Flugzeugs mit dem Fußballteam Chapecoense an Bord machen es für die Angehörigen noch schwerer. Wurde aus Spargründen auf einen Tankstopp verzichtet? Medellín (dpa) – Es ist das Dokument einer Tragödie. Je mehr Details über den Absturz der […]

Es ist das Dokument einer Tragödie mit Ansage. Einer Tragödie, die vermeidbar war. Die Umstände des Absturzes des Flugzeugs mit dem Fußballteam Chapecoense an Bord machen es für die Angehörigen noch schwerer. Wurde aus Spargründen auf einen Tankstopp verzichtet?

Medellín (dpa) – Es ist das Dokument einer Tragödie. Je mehr Details über den Absturz der Maschine mit dem brasilianischen Fußballteam AF Chapecoense bekannt werden, umso fürchterlicher wird es für die Angehörigen.

In ihrem Stadion, der Arena Condá, haben sie sich am Mittwochabend zu Zehntausenden an den Händen gefasst, getrauert, zum Zeitpunkt, als ihr Team in den grünen Trikots in Medellín zum Finalhinspiel um den Südamerika-Cup gegen Atlético Nacional auflaufen sollte. Dass nun 71 Menschen tot sind, darunter 19 Fußballspieler, ist auf eine fast unglaublich anmutende Verkettung merkwürdiger Umstände zurückzuführen.

Der Reihe nach: Ein Teil der Delegation fliegt nach Angaben des Sohns des getöteten Copiloten am Montag zunächst mit der bolivianischen Airline BoA von São Paulo nach Santa Cruz. Von dort soll es per Charterflieger mit der Gesellschaft LaMia nach Medellín gehen, sie stammt aus Venezuela, ist seit diesem Jahr aber in Bolivien gemeldet. Am Flugzeug vom Typ Avro RJ85 ist das grüne Wappen des Clubs angebracht, die Spieler fiebern der Partie ihres Lebens entgegen. Noch nie war der Club aus der Provinz in so einem Finale, vergleichbar mit dem Finale der Europa League. Doch es geht schlecht los. Der BoA-Flug hat Verspätung, fast eine Stunde.

Für den LaMia-Flieger ist anschließend eigentlich ein Tankstopp im nordbolivianischen Tropenort Cobija geplant. Aber den kann man nun nicht mehr bei Tageslicht erreichen, zudem will das Team noch ein Abendtraining in Kolumbien absolvieren. «Der Flughafen in Cobija hat kein Licht und kann daher nicht bei Dunkelheit angeflogen werden», sagte Bruno Fernando Goytia Gómez, der Sohn des Copiloten, der bolivianischen Zeitung «El Deber». Der Flieger hat eine Reichweite von knapp 3000 Kilometern. Medellín ist ungefähr so weit entfernt von Santa Cruz. Warum nicht ein möglicher Tankstopp in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá eingelegt wurde, ist ein großes Rätsel.

Ebenso, warum im Anflug auf Medellín nicht sofort ein Notfall durchgefunkt wurde. Es gibt Spekulationen, dass der Pilot – Miteigner von LaMia – hohe Strafgelder vermeiden wollte.

Ein Absturz aus Spargründen? Ein schlimmer Verdacht. Weil der Pilot nicht sofort «Notfall» funkt, gibt die Fluglotsin im Tower erst einem anderen Flugzeug die Landeerlaubnis, LaMia muss in eine Warteschleife. Womöglich kostet das den Passagieren das Leben. Um 21.49 Uhr (Ortszeit) – fünf Minuten vor dem Absturz – werden erstmals die großen Probleme gemeldet. «LaMia 2933 hat einen Totalausfall, Totalausfall der Elektronik, ohne Treibstoff», sagt der Pilot laut den von Medien veröffentlichten Aufnahmen. Wenige Minuten später scheint das Problem akuter zu werden. Die Meldungen des Piloten werden dringlicher, fast verzweifelt. Das Flugzeug verliert an Höhe, hat am Berg «El Gordo» («Der Dicke») nur noch knapp 2800 Meter Höhe, obwohl hier in mindestens 3000 Metern geflogen werden müsste.

Nach dem Notruf mit den Worten «Totalausfall der Elektronik, ohne Treibstoff» gibt es ein kurzes Schweigen, dann gibt die Frau im Tower sofort grünes Licht zum Landen: «Freie Piste, Regen auf der Oberfläche, LaMia 2933, Feuerwehr alarmiert.» Das Flugzeug scheint völlig außer Kontrolle: «Vectores señorita, vectores a la pista», sagt der Pilot auf Spanisch zunehmend verzweifelt – er fordert eine manuelle Navigation durch den Tower hin zur Landebahn. Er gibt seine Koordinaten durch, sie versucht ihn zu navigieren, fragt nach der Höhe. Der Pilot: «9 mil pies señorita», 9000 Fuß (2740 Meter).

Er fordert wieder: «Vectores, vectores.» Die Frau im Tower: «Sie sind 8,2 (See-)Meilen von der Piste entfernt.» Das sind 15,2 Kilometer. Dann fragt sie: «Welche Höhe jetzt?» Keine Antwort. «Welche Position, LaMia 2933?» Keine Antwort. Im Tower ist man sich sofort klar, was das bedeutet, der tiefe Schock ist auf den Mitschnitten quasi zu hören.

Am Berg «El Gordo» finden Rettungskräfte später das in drei Teile zerbrochene Wrack. Dass das Flugzeug nicht explodiert ist, wird von Luftfahrtexperten als klares Signal gewertet, dass die Tanks praktisch komplett leer waren. Eine überlebende Stewardess hatte von ausgefallenem Licht berichtet, was die These vom Ausfall an Bord stützt. Mit ihr überlebten fünf weitere Passagiere den Absturz.

Der Verein will eine kollektive Beerdigungsfeier im Stadion der südbrasilianischen Stadt Chapecó abhalten, zu der Zehntausende Menschen erwartet werden. Es ist aber noch unklar, ob die Särge dort aufgebahrt werden können und wann die Körper freigegeben werden. Der Chef des Fußballverbands will, dass Chapecoense trotzdem zum letzten Spieltag der brasilianischen Meisterschaft am 11. Dezember antritt. Chapecoense müsste zu Hause gegen Atlético Mineiro aus Porto Alegre antreten.

Club-Vizepräsident Ivan Tozzo, sagte, der Verbandschef Marco Polo Del Nero habe ihn gebeten, dass Chapecoense antritt. «Er hat mir gesagt, diese Partie muss gespielt werden, das wird ein großes Fest», sagte Tozzo nach Angaben des Portals «O Globo». Der sichtlich konsternierte Tozzo sagte daraufhin zum Verbandschef: «Wir haben keine elf Spieler.»