Erstmals seit der Corona-Pandemie sind die Fluggastzahlen in Deutschland in einem ersten Halbjahr wieder gesunken: 97,7 Millionen Passagiere – 0,8 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Was sind die Gründe dafür?

Ernste Gesichter beim Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL): Präsident Lars Redeligx, als Nachfolger von Jens Bischof erst seit Juli im Amt, hatte die undankbare Aufgabe, erstmals seit der Covid-Krise wieder rückläufige Passagierzahlen präsentieren zu müssen.

Im ersten Halbjahr 2026 wurden an den deutschen Airports rund 97,7 Millionen Fluggäste gezählt. Das waren 0,8 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Das Sitzplatzangebot war parallel dazu um ein Prozent auf 85 Prozent des Vor-Corona-Niveaus geschrumpft. Und auch das ist eine Entwicklung entgegen dem europäischen Trend, denn in den anderen Ländern des Kontinents stieg das Angebot um vier Prozent und erreichte dort mittlerweile durchschnittlich 111 Prozent des 2019er-Niveaus.

Innerdeutscher Luftverkehr verliert weiter

Besonders deutlich ist der Rückstand bei den europäischen Punkt-zu-Punkt-Airlines. Der BDL hat ausgerechnet, dass deren Angebot im übrigen Europa inzwischen 58 Prozentpunkte über dem Angebot in Deutschland liegt. Zugleich seien Verbindungen zu Wirtschaftsmetropolen in Nord-, Ost- und Westeuropa weiterhin stark ausgedünnt.

Der innerdeutsche Verkehr erreiche darüber hinaus nur noch 48 Prozent des Niveaus von 2019. Viele kleinere Airport hätten wichtige Verbindungen ganz verloren. Unter den dezentralen Verbindungen, die nicht als Zubringer zu den Drehkreuzen Frankfurt oder München dienen, stünden heute nur noch 18 Prozent des 2019er-Niveaus im Angebot.

Wie sehr hinkt Deutschland hinterher?

Dass sich der Abstand zwischen Deutschland und dem restlichen Europa auf 26 Prozentpunkte vergrößert hat und somit weiter auf Rang 28 von 31 europäischen Ländern liegt, basiere laut BDL auf den überdurchschnittlich hohen staatlichen Standortkosten. Zudem würde der Nahostkonflikt die Fluggesellschaften, Flughäfen und weitere Anbieter belasten. Zwar sei die Kerosinversorgung vorerst gesichert, aber die Kosten blieben hoch. Wichtige Lufträume seien gesperrt.

„Unsere Branche durchfliegt schwere Turbulenzen“, daran ließ Redeligx keine Zweifel aufkommen. Der BDL-Präsident lobte die Politik zwar dafür, die Situation erkannt zu haben und erste Entlastungen – beispielsweise mit der Absenkung der Luftverkehrsteuer und der begonnenen Entbürokratisierung – auf den Weg gebracht zu haben. „Das geht in die richtige Richtung“, so Redeligx. Für eine echte Trendwende aber müssten die staatlichen Standortkosten halbiert und damit an den europäischen Durchschnitt angepasst werden.

Schweden dient als Vorbild

Wie es gehen könnte, zeigt das Beispiel Schweden. Die Skandinavier haben ihre Luftverkehrsteuer Mitte 2025 vollständig abgeschafft und so eine Trendwende eingeleitet. Bereits im ersten Halbjahr 2026 wuchs das Flugangebot um sechs Prozent. Für das vierte Quartal werden mehr als 800.000 zusätzliche Sitzplätze gegenüber dem Vorjahr erwartet – trotz hoher Kerosinpreise.

Und Deutschland? Nun, hier seien die staatlichen Standortkosten für den Luftverkehr im Jahr 2025 um 1,1 Milliarden Euro auf 4,3 Milliarden Euro gestiegen. Das schreckt Airlines wie EasyJet oder Wizz Air, die auf dem gesamten Kontinent Flugzeuge stationieren können. Seit 2019 hätten sich Kostenblöcke wie Luftverkehrsteuer sowie Gebühren für Luftsicherheitskontrollen und Flugsicherung mehr als verdoppelt, sagt der BDL.

Um wieder wettbewerbsfähig zu werden, bräuchte der Standort, so der Verband mit Nachdruck, eine Halbierung dieser Belastungen in Höhe von zwei Milliarden Euro – oder eine Reduzierung um 15 Euro pro Passagier. Damit würde Deutschland im europäischen Durchschnitt liegen.

BDL: Luftverkehr kann für Wirtschaftswachstum sorgen

Der Verband betont: „Wir müssen jetzt die Voraussetzungen für neues Wachstum schaffen!“ Zumal sich die gesunkene Passagierzahl auch auf das Geschäft der Bodendienstleister und des Travel- Retail-Marktes auswirke, zu denen die Duty-Free-Geschäfte an den Flughäfen zählen. Letztere bekommen außerdem die ökonomische Lage in Deutschland zu spüren sowie einen veränderten Passagiermix aufgrund der geopolitischen Lage.

Zudem werde nicht nur die Luftverkehrswirtschft geschwächt, „sondern auch die internationale Anbindung unserer Wirtschaft, Messen und des Tourismus“, sagte Redeligx. „Wir wollen die Lücke schließen mit starken Hubs und breiter Anbindung in der Fläche. Dafür brauchen wir die richtigen Rahmenbedingungen. Dann kann der Luftverkehr ab Deutschland in den nächsten Jahren wieder durchstarten.“