Die Air Astana Group aus Kasachstan wächst und sieht sich durch geopolitischen Veränderungen in einer strategisch günstigen Position. AERO-INTERNATIONAL-Mitarbeiter Kurt Hofmann sprach mit CEO Ibrahim Canliel über neue Märkte.

Aero INTERNATIONAL: Erklären Sie uns bitte, was sich hinter der Strategie „New Normal“ der Air Astana Group verbirgt.

Ibrahim Canliel: Die Air Astana Group verbindet Zentralasien und den Kaukasus mit Europa, dem Nahen Osten und Asien. Unser Marktumfeld verändert sich kontinuierlich, deshalb müssen wir flexibel auf neue Entwicklungen reagieren. Als die Spannungen im Nahen Osten eskalierten, konnten wir diese Agilität unter Beweis stellen und Kapazitäten innerhalb kürzester Zeit in Märkte mit höherer Nachfrage verlagern. Genau das verstehen wir unter „New Normal“. Bereits innerhalb von 48 Stunden nach Beginn des Konflikts haben wir Kapazitäten aus dem touristischen Verkehr nach Südostasien umgeschichtet.

Gleichzeitig bauten wir unser Angebot für Passagiere aus, die aufgrund der Einschränkungen an den Drehkreuzen in der Golfregion nach alternativen Umsteigeverbindungen zwischen Europa und Asien suchten. Als sich abzeichnete, dass es sich nicht um ein kurzfristiges Ereignis, sondern um eine neue Marktrealität handelt, begann unser Vertriebsteam, zusätzliche Kapazitäten für Indien und China einzuplanen. Air Astana bedient inzwischen sieben Ziele in China und wird in diesem Sommer rund 50 Flüge pro Woche anbieten – mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2025.

In unseren Heimatmärkten Zentralasien und Kaukasus führen wir in diesem Jahr nahezu 100 wöchentliche Flüge durch. Damit verbessern wir die regionale Konnektivität und stärken zugleich die Rolle Kasachstans als wichtiges Luftverkehrsdrehkreuz.

Wird sich Kasachstan langfristig als Alternative zu den Umsteigedrehkreuzen Dubai und Doha etablieren?

Die Spannungen im Nahen Osten führten unmittelbar zu einer deutlich höheren Nachfrage nach Umsteigeverbindungen über Kasachstan. Die Verkehrsströme zwischen den großen Bevölkerungszentren Europas und Asiens verlagerten sich zeitweise nach Norden und damit über unseren Heimatmarkt. Mit der Rückkehr zusätzlicher Kapazitäten der Golf-Airlines dürfte sich dieser Effekt zwar teilweise wieder abschwächen.

Viele Reisende haben jedoch inzwischen die Vorteile eines Transfers über Kasachstan kennengelernt. Deshalb gehen wir davon aus, dass ein Teil dieser Passagiere unser Streckennetz auch künftig nutzen wird, anstatt wieder längere Umsteigeverbindungen über die Golfregion zu wählen.

Ist Zentralasien derzeit der am schnellsten wachsende Luftverkehrsmarkt der Welt?

Ja. Ein wesentlicher Wachstumsmotor ist FlyArystan, unsere Low-Cost-Airline. Seit ihrer Gründung im Jahr 2019 hat sich die Marktdurchdringung des Luftverkehrs in Kasachstan verdreifacht. Mit erschwinglichen Flugpreisen konnten wir viele Menschen erstmals für das Verkehrsmittel Flugzeug gewinnen. Wir sind überzeugt, dass sich das Inlandsverkehrsaufkommen noch einmal verdoppeln kann, bevor sich das Wachstum auf einem stabileren Niveau einpendelt.

Auch in unserem erweiterten Heimatmarkt Zentralasien wächst die Nachfrage kontinuierlich. Gleichzeitig gewinnen Kasachstan und die Region sowohl als Transitdrehkreuz als auch als Ziel für Geschäfts- und Urlaubsreisen an Bedeutung. Dadurch steigt die Nachfrage nach internationalen Flugverbindungen weiter. Rund die Hälfte der Weltbevölkerung lebt innerhalb der Reichweite unserer Märkte. Dank unserer starken Position in Zentralasien verfügt Air Astana über gute Voraussetzungen, von dieser Entwicklung zu profitieren.

Die Air Astana Group betreibt 60 Flugzeuge der Airbus-A320-Familie, von denen die meisten mit Pratt & Whitney-GTF-Triebwerken ausgestattet sind. Wie gehen Sie mit den anhaltenden Problemen dieser Triebwerke um?

Die Probleme mit den GTF-Triebwerken von Pratt & Whitney stellen für die gesamte Branche – und damit auch für uns – eine große Herausforderung dar. Wir haben jedoch frühzeitig Maßnahmen ergriffen, um die Auswirkungen auf unseren Flugbetrieb und unsere Passagiere so gering wie möglich zu halten. Dazu gehören ein Rotationsprogramm für die Triebwerke, die Beschaffung von fünf zusätzlichen Flugzeugen ohne GTF-Antrieb sowie 20 Ersatztriebwerken.

Darüber hinaus verfügen wir über eigene Wartungskapazitäten, die uns zusätzliche Flexibilität verschaffen. Positiv ist, dass sich die Durchlaufzeiten in den Werkstätten von Pratt & Whitney zuletzt verbessert haben. Dieses Tempo muss jedoch weiter steigen. Gleichzeitig arbeiten wir daran, zusätzliche Kapazitäten bereitzustellen, um die Wachstumschancen nutzen zu können, die sich aus unserer Strategie „New Normal“ ergeben.

Die Airbus-A321neo-Flotte bildet einen wichtigen Baustein der Wachstumsstrategie von Air Astana.
Die Airbus-A321neo-Flotte bildet einen wichtigen Baustein der Wachstumsstrategie von Air Astana. Bild: Air Astana

Eine Fluggesellschaft ist nur so stark wie ihre Mitarbeiter und ihre Flotte. Unsere Beschäftigten leisten hervorragende Arbeit. Umso wichtiger ist es, dass Pratt & Whitney die zugesagten Maßnahmen zur Behebung der Triebwerksprobleme konsequent umsetzt, damit wir unseren Kunden auch künftig den Service bieten können, den sie erwarten.

Welche Chancen eröffnet Ihnen die Einführung der Boeing 787-9?

In diesem Jahr übernehmen wir zwei Boeing 787-9, eine dritte folgt 2027. Darüber hinaus haben wir bis zu 15 weitere Flugzeuge dieses Typs bestellt, deren Auslieferung ab 2032 vorgesehen ist. Die Boeing 787 bietet erhebliche Vorteile – sowohl bei den Betriebskosten als auch hinsichtlich der CO₂-Emissionen. Die ersten drei Flugzeuge ersetzen unsere Boeing 767, die über mehr als 14 Jahre zuverlässig im Einsatz waren.

Gleichzeitig verfügen die neuen Flugzeuge über rund 36 Prozent mehr Sitzplatzkapazität und unterstützen damit unser weiteres Wachstum. Grundsätzlich bietet die Boeing 787 auch die technischen Voraussetzungen für Flüge in die USA. Für die Aufnahme solcher Verbindungen müssen jedoch weitere Rahmenbedingungen erfüllt sein.

Die ersten drei Flugzeuge allein ermöglichen noch keine optimale Netzplanung. Darüber hinaus benötigen wir entsprechende Verkehrsrechte sowie Planungssicherheit hinsichtlich eines möglichen Überflugs russischen Luftraums.

Kasachstan zählt zu den bedeutenden Förderländern für Erdöl und Herstellern von Kerosin. Welchen Vorteil bietet Ihnen das im täglichen Flugbetrieb?

Das verschafft uns ein hohes Maß an Versorgungssicherheit. In den vergangenen Monaten waren viele Fluggesellschaften weltweit sowohl mit steigenden Treibstoffpreisen als auch mit Versorgungsengpässen konfrontiert. Dass wir in einem Land mit einer stabilen Öl- und Kerosinversorgung operieren, stärkt unsere Planungssicherheit. Vollständig unabhängig sind wir allerdings nicht.

Für unsere Langstreckenflüge sind wir teilweise weiterhin auf internationale Kraftstoffmärkte angewiesen und haben auch dort Preissteigerungen zu spüren bekommen. Dennoch decken wir rund 70 Prozent unseres Treibstoffbedarfs in Kasachstan. Dadurch können wir unsere Heimatmärkte sowie zahlreiche internationale Ziele im Umkreis von drei bis vier Flugstunden wirtschaftlich bedienen. Treibstoffkosten gehören weltweit zu den größten Herausforderungen für Fluggesellschaften.

Vor diesem Hintergrund befindet sich Air Astana in einer vergleichsweise komfortablen Ausgangslage. Im Jahr 2025 haben wir 25 neue Strecken aufgenommen. Für 2026 stehen bereits 15 weitere neue Verbindungen sowie zusätzliche Frequenzen auf bestehenden Routen fest.