Turkish Airlines: Das Ziel lautet 1000 Flugzeuge
Ahmet Bolat hat kurz vor seiner Anfang April verkündeten Ablösung als Chairman der Turkish Airlines AERO-INTERNATIONAL-Mitarbeiter Kurt Hofmann ein exklusives Interview gegeben und mit ihm über die globale Präsenz des Carriers und die weitere Flottenstrategie gesprochen.
AERO INTERNATIONAL: Das 500. Flugzeug in die Flotte aufzunehmen, war für Turkish Airlines ein wichtiger Meilenstein. Wie wird die Flotte in diesem Jahr wachsen?
AHMET BOLAT: Im Jahr 2003 bestand unsere Flotte aus 65 Flugzeugen – ein 500. Flugzeug war damals kaum mehr als ein schöner Traum. Heute haben wir jedoch die Ehre, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Wir betrachten dieses 500. Flugzeug nicht als Ziel oder Endpunkt, sondern als starken Auftakt für unsere „Second 500“-Ära. Unser Ziel ist eine Flotte von 1000 Flugzeugen bis 2036. Für 2026 erwartet Turkish Airlines einen Nettozugang von 53 Flugzeugen. Die Flotte soll von 516 Flugzeugen im Jahr 2025 auf etwa 560 bis 570 Flugzeuge im Jahr 2026 steigen. Diese Entwicklung entspricht unserer langfristigen Strategie: Flottenerneuerung und Expansion verbessern die Effizienz, unterstützen Kapazitätswachstum, Netzwerkerweiterung und stärken unsere Marktposition. Zusammen bilden sie die Grundlage für nachhaltiges Wachstum.
Gibt es Pläne für eine Bestellung der Boeing 777X? Und was erwarten Sie hinsichtlich der Zertifizierung der 737 MAX 10?
Unsere Planungen sehen vor, Langstreckenflugzeuge mit viel Kapazität zu beschaffen, um unsere globale Reichweite weiter auszubauen. Wie bekannt ist, haben wir mit Airbus eine Vereinbarung über 15 A350-1000 getroffen. Diese Flugzeuge sollen unter anderem auf Strecken nach Australien eingesetzt werden. Darüber hinaus prüfen wir neue Ziele in Südamerika. Im Rahmen unserer Flottenstrategie analysieren unsere Teams derzeit detailliert die Kostenstruktur, um zu bewerten, ob weitere große Langstreckenflugzeuge sinnvoll integriert werden können. Sollten die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen, würden wir selbstverständlich auch die 777 in Betracht ziehen. Auch die Boeing 737 MAX 10 wird im Rahmen unserer Narrowbody-Strategie bewertet. Zwar haben wir eine große Bestellung für A321, dennoch prüfen wir die MAX für zukünftige Expansionen – insbesondere unter dem Gesichtspunkt von Flottenharmonisierung und operativer Flexibilität. Allerdings stellt die derzeitige Situation mit einem einzigen Triebwerksanbieter für die MAX eine Kostenherausforderung dar, an deren Lösung wir arbeiten, um das Flugzeug für uns wirtschaftlich attraktiver zu machen.
Apropos GTF-Probleme: Wie viele A320neo stehen derzeit am Boden?
Derzeit stehen 38 Flugzeuge aufgrund von GTF-Triebwerksprobleme am Boden. Bisher konnten wir diese Situation durch Leasinglösungen effizient abfedern, und diese Maßnahmen laufen weiterhin. Mit dem Wachstum unserer Flotte erwarten wir künftig mehr Unterstützung vom Triebwerkshersteller Pratt & Whitney. Allerdings haben die Verbesserungen bislang nicht unsere Erwartungen erfüllt.
Wie viele Flugzeuge verspäten sich bei der Auslieferung? Und welche Auswirkungen hat das auf Ihr Wachstum?
Insgesamt sind 65 Flugzeuge unserer Flottenplanung von Verzögerungen betroffen. Dabei geht es nicht nur um einzelne Lieferungen – faktisch verschieben sich derzeit sämtliche Flugzeuge, egal ob Neuanschaffungen oder Leasing. Bei Großraumflugzeugen betragen die Verzögerungen inzwischen mindestens sechs Monate, bei Kurz- und Mittelstreckenflugzeugen zwischen 15 und 18 Monaten. Diese Probleme bestehen weiterhin. Wir haben unsere Planungen entsprechend angepasst. Die Situation beeinflusst nicht nur die Geschwindigkeit unseres Wachstums, sondern auch die Flottenerneuerung. Inzwischen müssen wir diese Verzögerungen als neue Realität betrachten. Wachstum und Modernisierung bleiben zentrale Ziele, doch alle Planungen für die kommenden Jahre berücksichtigen nun diese Lieferrestriktionen.
Geopolitische Herausforderungen – etwa der Krieg mit dem Iran: Welche Auswirkungen hat das auf den Betrieb?
Der Nahe Osten war in den vergangenen Jahren von einer sehr dynamischen Entwicklung geprägt, mit Phasen von Instabilität, steigenden Spannungen und zeitweise auch Konflikten. Unser Land nimmt eine strategische Rolle als Brücke zwischen Asien, Europa, Afrika und dem Nahen Osten ein. Deshalb beobachten wir die Entwicklungen in den Nachbarregionen sehr genau, insbesondere auch aufgrund der Bedeutung als Handelsrouten. Dank der Flexibilität unseres globalen Streckennetzes und operativen Planungsfähigkeiten können wir schnell auf Veränderungen reagieren und gleichzeitig die Konnektivität für unsere Passagiere aufrechterhalten. Unsere einzigartige Netzwerkstruktur und operative Widerstandsfähigkeit ermöglichen es, regionale Störungen effektiv zu managen und gleichzeitig unseren langfristigen Wachstumskurs fortzusetzen. In schwierigen Zeiten handeln wir schnell und effizient und stellen sicher, dass alle Ressourcen – insbesondere unsere Mitarbeiter – optimal eingesetzt werden. Dabei steht Sicherheit stets an erster Stelle.
Kann das langfristige Auswirkungen für den Verkehr über Istanbul haben?
Die jüngsten Entwicklungen haben bislang keine Störungen im Betrieb in Istanbul oder bei der Nachfrage verursacht. Derzeit haben wir allerdings alle Flüge in den Nahen Osten – mit Ausnahme von Saudi-Arabien und Oman – ausgesetzt. Diese Strecken machen etwa sechs Prozent unserer Kapazität und unseres Umsatzes aus. Um dies auszugleichen, verlagern wir Kapazitäten nach Afrika sowie nach Zentralasien. Gleichzeitig sehen wir aktuell eine steigende Nachfrage aus Fernost, Süd- und Zentralasien sowie aus Afrika. Aus früheren Krisen wissen wir, dass sich die Nachfrage nach Konflikten meist sehr schnell erholt. Daher bleiben wir vorsichtig optimistisch und hoffen auf eine baldige Rückkehr zur Stabilität.
Wie wichtig ist die Mitgliedschaft bei Star Alliance?
Turkish Airlines fliegt zwar in mehr Länder als jede andere Airline der Welt, doch Größe allein reicht nicht aus. Unser Netzwerk und unser Drehkreuz in Istanbul bieten bereits eine enorme Zahl an Verbindungen. Doch ein wirklich globales Reiseerlebnis erfordert mehr als nur unsere eigenen Flüge. Deshalb ist die Mitgliedschaft in der Star Alliance für uns wichtig, es ermöglicht nahtlose Umsteigeverbindungen über mehrere Partner hinweg. Kurz gesagt: Unsere Größe sorgt für Reichweite – die Allianz sorgt für ein vollständiges globales Reiseerlebnis.
