Gesichtserkennung statt Bordkarte: Fünf große Akteure der Luftfahrt- und Reisebranche haben sich zusammengeschlossen, um in Brüssel für den Einsatz biometrischer Verfahren zu werben.

Der Flughafenverband ACI EUROPE, der Airline-Dachverband IATA sowie die Technologieanbieter Amadeus, IDEMIA Public Security und SITA haben am Donnerstag die „Responsible Biometrics Travel Industry Coalition“ gegründet. Mit einem gemeinsamen Manifest wollen sie Einfluss auf die laufende Überarbeitung des europäischen Digitalrechts nehmen.

Digital Omnibus: Worum es bei der Biometrie am Flughafen geht

Mit dem Digital Omnibus will die EU-Kommission ihr umfangreiches Regelwerk zu Datenschutz, Cybersicherheit und künstlicher Intelligenz entschlacken und Unternehmen entlasten. Das Paket ist politisch umstritten: Datenschützer warnen vor einer Aufweichung bestehender Standards, die Wirtschaft verspricht sich mehr Rechtssicherheit.

Die neue Koalition sieht in einzelnen Bestimmungen ein Risiko für biometrische Anwendungen im Reiseverkehr. Ihre Sorge: Die Neuregelung könnte die freiwillige Nutzung solcher Systeme ungewollt erschweren. Die Mitglieder fordern daher technologieneutrale Vorschriften, die biometrische Verfahren unter klaren Schutzauflagen erlauben.

Warum Airlines und Airports auf Biometrie setzen

Hinter dem Vorstoß stehen handfeste betriebliche Interessen. Viele europäische Flughäfen stoßen in Spitzenzeiten an ihre Kapazitätsgrenzen, der Ausbau von Terminals ist teuer und langwierig. Biometrische Systeme sollen Abhilfe schaffen: Wer sein Gesicht einmal registriert, muss Pass und Bordkarte nicht mehr an jeder Station vorzeigen – vom Check-in über die Sicherheitskontrolle bis zum Boarding.

Nach Darstellung der Koalition beschleunigt das den Passagierfluss und entlastet das Personal, das sich dann stärker um Reisende mit Unterstützungsbedarf kümmern könne. Zugleich verweisen die Unternehmen auf die Standortfrage: Ein verlässlicher Rechtsrahmen würde Investitionen erleichtern und europäischen Anbietern ermöglichen, ihre Lösungen zunächst im Heimatmarkt zu etablieren.

Datenschutz bei Biometrie: Freiwilligkeit als Kernforderung

Die Allianz ist erkennbar bemüht, Bedenken zuvorzukommen. Biometrische Verfahren sollen nach ihrem Willen ausschließlich freiwillig genutzt werden und jeweils auf eine konkrete Reise beschränkt bleiben. Passagiere sollen selbst entscheiden, ob sie ihre Daten bereitstellen oder löschen lassen. Eine herkömmliche Abfertigung ohne Biometrie müsse stets möglich bleiben.

Als Beleg für die Akzeptanz führt die Koalition die Global Passenger Survey der IATA an. Demnach würden 74 Prozent der Befragten biometrische Daten anstelle von Reisepass oder Bordkarte nutzen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Umfrage vom Branchenverband selbst stammt, der zu den Gründungsmitgliedern der Allianz gehört.

Wer hinter der Biometrie-Koalition steht

Vertreten wird das Bündnis durch Führungskräfte aller fünf Mitglieder: Olivier Jankovec (Generaldirektor ACI EUROPE), Fernando Cuesta (Amadeus), Thomas Reynaert (IATA), Lisa Shoemaker (IDEMIA Public Security) und Pedro Alves (SITA).

Ihr Manifest mit dem Titel „Advancing Responsible Biometrics in Europe“ verfolgt zwei Ziele: einen strukturierten Dialog zwischen Politik und Industrie anzustoßen und mehr rechtliche Klarheit für den Einsatz biometrischer Daten zu schaffen. Die Koalition argumentiert dabei mit dem erwarteten Wachstum auf mehr als eine Milliarde Fluggäste in Europa.

Ob die Forderungen in Brüssel Gehör finden, dürfte sich in den weiteren Verhandlungen über den Digital Omnibus zeigen. Dort treffen die Interessen der Reiseindustrie auf ein Parlament, in dem der Schutz biometrischer Daten traditionell großes Gewicht hat.