Ein Jahr nach dem Absturz: Rückkehr zum Alltag in würdigem Gedenken
16.03.2016 Vor einem Jahr zerschellte in den Alpen ein Airbus von Germanwings. Der psychisch kranke Copilot hatte es so gewollt. 150 Menschen starben. So richtig begreifen kann das immer noch niemand. Haltern am See/Le Vernet (dpa) – Auf dem Gedenkstein hat jemand zwei kleine Engelsflügel aus Blech neben die eingravierte Trauerschleife gelegt. «4U9525», die Nummer […]
16.03.2016
Vor einem Jahr zerschellte in den Alpen ein Airbus von Germanwings. Der psychisch kranke Copilot hatte es so gewollt. 150 Menschen starben. So richtig begreifen kann das immer noch niemand.
Haltern am See/Le Vernet (dpa) – Auf dem Gedenkstein hat jemand zwei kleine Engelsflügel aus Blech neben die eingravierte Trauerschleife gelegt. «4U9525», die Nummer des Germanwings-Unglücksfluges, steht auf einem Schleifenflügel. Über dem schwarzen Trauersymbol finden sich die Namen der 16 Jugendlichen und 2 Lehrerinnen aus Haltern am See, die vor einem Jahr in den französischen Alpen ums Leben kamen.
Der psychisch kranke Copilot Andras Lubitz hatte den Airbus absichtlich in den Felsen fliegen lassen. Die Maschine zerbarst. Alle 150 Menschen an Bord starben an jenem 24. März 2015 in den südfranzösischen Alpen: 72 davon aus Deutschland, die meisten aus Nordrhein-Westfalen. 51 kamen aus Spanien.
Es ist frisch an diesem Märztag auf dem Friedhof von Haltern. Die 18 Zierapfelbäume auf dem Rasenfeld der Gedenkstätte blühen noch lange nicht. Ein Gehweg in U-Form, die Bäume und der Gedenkstein mit den Namen wie ein Pult – ein Klassenzimmer. Daneben liegen die Gräber von fünf Schülerinnen. Es sind liebevoll gestaltete Gräber. Fotos erzählen vom Leben der Mädchen, welchen Sport sie etwa gern hatten.
Große Pause auf dem Schulhof des Joseph-König-Gymnasiums in der Innenstadt: Stünde an einer Seite nicht eine große Gedenktafel mit den 18 Namen – es wäre eine völlig normale Schule.
«Bei vielen Schülern ist der Wunsch zu verspüren, dass es nicht dauernd wieder angesprochen wird, weil man einfach versuchen muss, wieder eine ganz normale Schule zu werden. Aber normal: Da schließe ich eben das würdevolle Gedenken auch in Zukunft mit ein», sagt Schulleiter Ulrich Wessel.
Normale Schule: Wenige Tage vor dem Jahrestag kehrte eine Schülergruppe von einem achttägigen Spanienaustausch zurück. Vor einem Jahr endete die Rückreise von diesem Austausch in der Katastrophe.
«Wir sind relativ weit zum Alltag zurückgekehrt. Wir sind unseren Schülern verpflichtet, dass sie eine Schulzeit erleben dürfen, die geprägt ist auch durch positive Elemente wie Wandertage, Klassenfahrten und einfach schöne Schultage», sagt Wessel. Unterstützung durch Schulpsychologen gebe es aber nach wie vor. «Und diese Schulpsychologen vermitteln Schüler weiter, wenn über diese Gespräche hinaus eine Therapie erforderlich ist.» Wessel ist wichtig, dass bei allem nicht nur auf Haltern geschaut wird: «Es gibt 149 Opfer und nicht nur die 18 in Haltern.»
Den Eltern der 16 Schüler gehe es «sehr unterschiedlich», sagt Annette Bleß. Die 52-Jährige verlor vor einem Jahr ihre Tochter Elena. «Viele konnten lange Zeit gar nicht arbeiten. Es ist jedenfalls nicht so, dass die Trauer jetzt schon erträglicher geworden wäre. Es ist nach wie vor sehr schwer und gerade jetzt zum Jahrestag hin ist es besonders belastend.»
Zum Jahrestag organisiert die Germanwings-Muttergesellschaft Lufthansa für Angehörige den Besuch in Le Vernet, nahe der Absturzregion. Es gibt eine Gedenkfeier. Viele Hundert Menschen werden in den französischen Alpen erwartet. Für Bürgermeister François Balique ist der Umgang mit der Katastrophe zum Alltag geworden. «Wir hinken noch ein bisschen durch das Leben, wir sind angeschlagen», sagt Balique.
Das Dorf ist nur durch einen Bergrücken von der Unfallstelle am Col de Mariaud getrennt. In Le Vernet steht die inzwischen weltbekannte Gedenk-Stele, die eigentlich nur als Provisorium gedacht war. «Es gibt ein Dorf vor dem Unfall und eines danach», sagt Balique, «wir versuchen, dass das Leben dennoch weitergeht.»
Die Familien der Angehörigen werden in Le Vernet offen empfangen: «Unsere Lösung ist Teilen.» Das soll auch am Jahrestag so sein. Die Zeremonie selbst beginnt mit einem Moment des Gedenkens zum genauen Zeitpunkt des Absturzes.
Auch in Haltern wird am 24. März um 10.41 Uhr mit einer Schweigeminute der Opfer gedacht. Danach gibt es eine Andacht. Weil Osterferien sind, gibt es am ersten Schultag nach Ostern auch noch Gedenkfeiern für die Schüler.
Derweil streiten sich die Anwälte um eine Entschädigung für die Angehörigen. In den USA soll im Auftrag der Angehörigen von 73 Opfern eine millionenschwere Zivilklage bei einem Gericht in Phoenix eingereicht werden. Sie wird sich gegen die Flugschule der Lufthansa in Arizona richten.
Dort sei auch Copilot Andreas Lubitz ausgebildet worden. «Lubitz hat seine Pilotenausbildung 2009 wegen psychischer Probleme unterbrochen. Aus unserer Sicht hätte er danach keine Fluglizenz bekommen dürfen», sagt Rechtsanwalt Christof Wellens.
Germanwings kündigte im Gegenzug an, keine Verhandlungen mit US-amerikanischen Anwälten zu führen. Ein Gerichtsstand in den USA lasse sich nicht begründen, hieß es in einer Stellungnahme.
In Haltern geht das Leben weiter. Elenas Eltern haben eine Stiftung gegründet und sie nach ihrer Tochter benannt. Sie unterstützt Schulen bei Austauschprogrammen und Berufspraktika im Ausland. Auch andere Angehörige wollen Gutes bewirken. So soll in Halle/Saale im Gedenken an die Künstlerin Juliane Noack eine Stiftung entstehen, die junge Künstler fördert. Noack wurde 30 Jahre alt.
Helge Toben und Gerd Roth , dpa