Was ist ein Mensch wert? – Ringen um Geld für Germanwings-Opfer
25.07.2015 Von großzügig bis beleidigend: Das Schmerzensgeld-Angebot nach der Germanwings-Katastrophe ruft die unterschiedlichsten Reaktionen hervor. Es geht um eine moralisch schwierige Aufgabe: Wie berechnet man den Wert eines Menschen? Köln (dpa) – Vier Monate nach der Germanwings-Katastrophe streiten einige Hinterbliebene mit dem Mutterkonzern Lufthansa um die Höhe der Entschädigung. Das bisherige Angebot sei beleidigend, hieß […]
25.07.2015
Von großzügig bis beleidigend: Das Schmerzensgeld-Angebot nach der Germanwings-Katastrophe ruft die unterschiedlichsten Reaktionen hervor. Es geht um eine moralisch schwierige Aufgabe: Wie berechnet man den Wert eines Menschen?
Köln (dpa) – Vier Monate nach der Germanwings-Katastrophe streiten einige Hinterbliebene mit dem Mutterkonzern Lufthansa um die Höhe der Entschädigung. Das bisherige Angebot sei beleidigend, hieß es in einem Brief von Angehörigen an Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Geld könne die Opfer zwar nicht zurückbringen, «aber ein klein wenig der alltäglichen Lebenssorgen nehmen», die die Hinterbliebenen zusätzlich belasteten. Der Fall wirft grundsätzliche Fragen auf.
Wer legt fest, was ein Menschenleben wert ist?
Dazu gebe es bei den deutschen Behörden verschiedene Modelle, die auf unterschiedliche Werte kommen, sagt Jörn Klare, Autor des Buchs «Was bin ich wert? Eine Preisermittlung». Bei seinen Recherchen hat er herausgefunden, dass sich viele Institutionen – darunter die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin – auf den sogenannten Durchschnittswert eines statistischen Lebens beziehen. «Er ist für alle Menschen gleich und liegt in Deutschland aktuell bei zwei Millionen Euro.» Die Bundesanstalt für Straßenwesen beziffert die volkswirtschaftlichen Kosten durch jeden Verkehrstoten auf rund 1,2 Millionen Euro.
Was bekommen die Angehörigen der Opfer des Germanwings-Absturzes?
Nach dem Germanwings-Absturz vom 24. März in Frankreich hat die Lufthansa den Angehörigen pro Passagier 50 000 Euro Soforthilfe bezahlt. Außerdem sollen die nächsten Angehörigen jeweils 10 000 Euro Schmerzensgeld erhalten. Dazu kommt ein sogenanntes vererbbares Schmerzensgeld von 25 000 Euro pro Passagier – es soll für die Todesangst entschädigen, die die Passagiere vermutlich in den letzten Minuten an Bord erlitten haben. Hinzu kommen individuelle Schadenersatzzahlungen. Bei der Katastrophe, die der Copilot nach Überzeugung der Ermittler bewusst herbeigeführt hatte, starben alle 150 Menschen an Bord.
Wie berechnen sich die individuellen Zahlungen?
Die Berechnung hängt laut Lufthansa unter anderem vom Alter und dem Einkommen des Verstorbenen ab sowie von der Zahl der zu versorgenden Kinder und dem Verdienst der Hinterbliebenen. So soll der individuelle wirtschaftliche Schaden, der durch den Tod entstanden ist, ausgeglichen werden. Die Lufthansa veröffentlichte folgende Beispielberechnung: Ist beim Absturz ein 45-Jähriger gestorben, der Frau und zwei Kinder hinterlässt und ein Nettojahreseinkommen von 60 000 Euro hatte, erhält dessen Familie 600 000 Euro.
Ist nicht jedes Menschenleben gleich viel wert?
«Es geht nicht um den Wert eines Menschenlebens, sondern um Versorgungsansprüche», erklärt Buchautor Klare. «Es ist legitim, dass Angehörige eines Familienvaters mehr Geld erhalten als die eines Schülers, weil für erstere eine andere Bedürftigkeit besteht», findet er.
Wie bewerten die Betroffenen das Lufthansa-Angebot?
Rechtsanwalt Elmar Giemulla vertritt die Hinterbliebenen von 36 deutschen Opfern des Flugzeugabsturzes. Er bezeichnet das Angebot der Lufthansa als unangemessen. 10 000 Euro Schmerzensgeld seien für den «Verlust eines geliebten Menschen» viel zu wenig. Er fordert eine deutliche Erhöhung auf 100 000 bis 300 000 Euro. Der Reiserechtsanwalt Paul Degott hingegen bezeichnet das Angebot der Lufthansa als «großzügig». Es handele sich um eine freiwillige Zahlung.
In den USA werden aber doch regelmäßig Millionenbeträge gezahlt?
Dahinter steht ein unterschiedliches Verständnis. Anders als in den USA wird in Deutschland nicht für emotionalen Schaden oder Trauer gezahlt. Für Angehörige amerikanischer Opfer gibt es meistens viel mehr Geld als für Europäer, erklärte Anwalt Mike Danko, der Angehörige des Concorde-Absturzes vertreten hat, im Deutschlandfunk: In den USA bekomme zum Beispiel eine Familie, deren Kind mit dem Flugzeug verunglückt ist, zwischen 5,5 und 9 Millionen Euro.
Lässt sich ein Menschenleben überhaupt in einem Preis bemessen?
«Es ist fragwürdig, wie Menschenleben in einer Kosten-Nutzungs-Rechnung beziffert werden – und das von vielen Behörden», findet Klare. «Trauer kann man nicht mit Geld aufwiegen. Aber es geht im Germanwings-Fall auch nicht nur um Geld, sondern um die Anerkennung von Leid.»
Kathy Stolzenbach, dpa