Der geplante Absturz
03.04.2015 Der Copilot der Germanwings-Maschine hat seine Tat wohl nicht spontan ausgeführt. Er informierte sich im Internet über Suizid und über den Sicherheitsmechanismus der Cockpittüren. Und jetzt bestätigte die zweite Blackbox: Der Copilot leitete bewusst den Sinkflug ein. Düsseldorf (dpa) – Es muss ein merkwürdiges Gefühl für die Düsseldorfer Ermittler gewesen sein, die letzten Recherchen […]
03.04.2015
Der Copilot der Germanwings-Maschine hat seine Tat wohl nicht spontan ausgeführt. Er informierte sich im Internet über Suizid und über den Sicherheitsmechanismus der Cockpittüren. Und jetzt bestätigte die zweite Blackbox: Der Copilot leitete bewusst den Sinkflug ein.
Düsseldorf (dpa) – Es muss ein merkwürdiges Gefühl für die Düsseldorfer Ermittler gewesen sein, die letzten Recherchen des Copiloten der Germanwings-Maschine auf seinem Tablet nachzuvollziehen. Anhand der von ihm eingegebenen Suchbegriffe können sie nun zum Teil rekonstruieren, worum sich seine Gedanken in den letzten Tagen vor der Katastrophe gedreht haben.
Früher wäre Andreas Lubitz vielleicht in die öffentliche Bibliothek gegangen, hätte Bücher auf- und wieder zugeschlagen und damit keine Spuren hinterlassen, höchstens Fingerabdrücke. Aber bei welchem Buch hätte man als Ermittler da anfangen wollen zu suchen? Bei der Suche im Netz ist es anders.
Die Staatsanwaltschaft hat herausgefunden, dass sich der Copilot in der dritten Märzwoche über medizinische Behandlungsmethoden und Möglichkeiten eines Suizids informiert hat. Außerdem interessierte er sich für den Sicherheitsmechanismus der Cockpittüren. Das könnte bedeuten: Er wollte sich noch einmal vergewissern, dass sich die Cockpit-Türen wirklich nicht von außen öffnen lassen, wenn sie von innen verriegelt werden. Vielleicht wollte er letzte Zweifel ausräumen.
Die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf warnt weiter vor voreiligen Schlüssen: «Aufgrund des Umfanges der Dokumente und der Vielzahl der Dateien sind weitere Ermittlungsergebnisse in den nächsten Tagen nicht zu erwarten.» Zumindest ein Rückschluss liegt aber nahe: Ganz spontan handelte der Copilot nicht. Der 27-Jährige hat möglicherweise längere Zeit darüber nachgedacht, ein voll besetztes Passagierflugzeug als Suizidmittel zu wählen.
Am Karfreitagmorgen kommt dann eine Nachricht, die den Verdacht des absichtlich herbeigeführten Absturzes immer mehr zur Gewissheit werden lässt: Die erste Auswertung des zweiten Flugschreibers durch die französischen Behörden bestätigt, dass der Copilot die Maschine bewusst in den Sinkflug gebracht hat. Doch viele Fragen bleiben.
So weiß man noch nicht – und wird es vielleicht nie wissen: Hatte der Pilot die Möglichkeit vorher nur erwogen oder hatte er bereits den festen Entschluss gefasst? Wartete er vielleicht seit längerem auf die passende Gelegenheit, hätte es demnach auch einen ganz anderen Flug treffen können? Oder entschloss er sich erst im letzten Moment dazu, umzusetzen, was ihm bis dahin nur hin und wieder im Kopf herumgespukt war?
Unwillkürlich stellt man sich auch die Frage: Hat er denn überhaupt nicht an die anderen gedacht? Darauf gibt es zurzeit keine Antwort. Es ist allerdings so, dass Menschen, die an einer schweren Depression leiden, durch eine Hölle gehen. Einige sind dabei am Ende nur noch von dem Gedanken beherrscht, diese Qual möglichst schnell zu beenden. Ob dies bei dem Copiloten der Fall war, ist nicht bekannt.
Man weiß nur, dass er zumindest früher an einer Depression litt; er hatte darüber die Lufthansa während seiner Ausbildung informiert. Zudem war er mehrere Jahre vor dem Absturz als suizidgefährdet eingestuft gewesen und hatte eine psychotherapeutische Behandlung mitgemacht. Experten warnen allerdings davor, dies überzubewerten: In Deutschland leiden je nach Schätzung zwei bis vier Millionen Menschen an einer Depression. Es gibt sie in sehr unterschiedlicher Ausprägung.
Einige Tage ist der Absturz nun her, und noch immer ist er das allgemeine Gesprächsthema. Manche finden das übertrieben – im Straßenverkehr kämen schließlich weit mehr Menschen um, sagen sie. Andere haben zumindest bisher immer noch den Vorbehalt geäußert, dass das alles ja nur Vermutungen seien. Bewiesen sei die Täterschaft des Copiloten nicht. Sie ist es auch jetzt nicht. Aber sie ist doch weitaus wahrscheinlicher als alles andere.
Christoph Driessen, dpa