Etappensieg für den neuen Lufthansa-Chef Carsten Spohr: Mit einer cleveren Strategie aus offensiver Öffentlichkeitsarbeit und flexiblen Streik-Antworten hat er den Piloten den Schub genommen. Frankfurt/Main (dpa) – Bei der Lufthansa wird wieder verhandelt statt gestreikt. Vermutlich noch in dieser Woche werden sich Vertreter des Unternehmens und der Pilotengewerkschaft «Vereinigung Cockpit» zu neuen Verhandlungen zu Übergangsrenten […]

Etappensieg für den neuen Lufthansa-Chef Carsten Spohr: Mit einer cleveren Strategie aus offensiver Öffentlichkeitsarbeit und flexiblen Streik-Antworten hat er den Piloten den Schub genommen.

Frankfurt/Main (dpa) – Bei der Lufthansa wird wieder verhandelt statt gestreikt. Vermutlich noch in dieser Woche werden sich Vertreter des Unternehmens und der Pilotengewerkschaft «Vereinigung Cockpit» zu neuen Verhandlungen zu Übergangsrenten und Gehältern treffen. Bis zur überraschenden Streikabsage durch die VC am Montagabend hatte alles nach einer weiteren Eskalation ausgesehen, jetzt wächst die Hoffnung, dass der neue Lufthansa-Chef Carsten Spohr das Unternehmen wieder auf Kurs bringen kann.

Lufthansa hatte am Montag die Streikpläne der Piloten durchkreuzt. Von 40 bedrohten Interkontinentalflügen verlegten die Planer 24 in Zeiten außerhalb des angekündigten Streikzeitraums von 09.00 bis 17.00 Uhr, so dass sie von regulären Crews geflogen werden konnten. 16 Verbindungen sollten von Freiwilligen und Management-Piloten ans Ziel gebracht werden, was nach der Absage nicht mehr notwendig war. Die fünfte Welle des bislang härtesten Streiks der Lufthansa-Geschichte war ins Leere gelaufen.

Die VC will trotz ihrer Absage vom Abend von einer «Rolle rückwärts» nichts wissen. Man habe von vornherein gewusst, dass Lufthansa bei einer relativ geringen Zahl bestreikter Interkontinental-Flüge wirksame Gegenmaßnahmen ergreifen könne, sagen die VC-Sprecher Jörg Handwerg und Markus Wahl. Das zuvor von der VC als überflüssig und schädlich gescholtene Lufthansa-Angebot ist auf einmal die Grundlage für neue Gespräche, die noch in dieser Woche beginnen sollen.

Stellt sich die Frage, ob die laut Lufthansa «Konkretisierung» der komplexen Tarifmaterie vom Montag tatsächlich neue Elemente enthält. In ihrer am Montag verbreiteten Erläuterung spricht Lufthansa selbst von einer «Änderung zweier Parameter» bei den Übergangsrenten. Es geht vor allem um die Fragen, wann jeder einzelne Pilot individuell und die Gruppe der Piloten als Ganzes in den Vorruhestand gehen kann.

Von ihren grundsätzlichen Forderungen nach einem späteren individuellen Eintritt (60 statt 55 Jahre) sowie einer Anhebung des durchschnittlichen Eintrittsalters (von 58 auf 61 Jahre) ist die Lufthansa zwar nicht abgewichen, hat aber den Weg dorthin für die Piloten komfortabler gestaltet. Jeder Pilot kann nun nachvollziehen, zu welchem Zeitpunkt er persönlich das Cockpit verlassen kann.

Ein vor sechs Jahren eingestellter Pilot erfährt so, dass er frühestens im Alter von 59 Jahren in den mit derzeit 124 000 Euro Jahresgehalt unterfütterten Vorruhestand gehen kann. Zum Vergleich: Heute gehen die Piloten im Schnitt mit 58,9 Jahren.

Die erneut sehr detaillierten Angaben passen in die Lufthansa-Strategie, mit eindrucksvollen Zahlen zu den hohen Pilotengehältern die VC unter Druck zu setzen. Die sonst recht verständnisvollen Deutschen unterstützen die aktuellen Streiks von Piloten und Lokführern längst nicht mehr so wie vorangegangene Arbeitskämpfe, hatte noch am Wochenende eine YouGov-Umfrage gezeigt.

Es ist noch nicht lange her, dass Spohr den Piloten zeitgleich gedroht und geschmeichelt hatte. Im Vorstand habe es angesichts der erfolgreichen Gegenmaßnahmen durchaus den Eindruck gegeben, dass sich die Streiks schon von alleine totlaufen würden, hatte er in der vergangenen Woche gesagt. Dass man dennoch weiter den Weg zu Verhandlungen suche, liege auch daran, dass die hervorragend ausgebildeten Piloten ein «wichtiger Teil des Lufthansa-Markenversprechens» seien. «Spätestens, wenn es mal richtig wackelt, sehe ich eine Menge Leute an Bord, die dann doch froh sind, dass sie bei Lufthansa an Bord sind.»

Auch auf seinem Weg zu kostengünstigeren Strukturen konnte der Lufthansa-Chef am Dienstag einen ersten Erfolg vorweisen. Die Kabinengewerkschaft UFO akzeptierte eine kleinere Standardmannschaft bei künftigen Billigflügen unter der Marke Lufthansa zu ausgesuchten touristischen Zielen. Und auch zu den weitergehenden Plänen neuer Billigtöchter in der sogenannten Wings-Familie bleibt Lufthansa mit den Flugbegleitern im Gespräch.