EU-Politiker warnt vor zu langen Flugdienstzeiten für Piloten
Schlafende Piloten im Cockpit und drohende Fehler wegen Übermüdung – Grund genug für die EU-Kommission, die Flugdienstzeiten von Piloten neu zu regeln. Ein grüner Europaparlamentarier aber warnt: Geht es um Sicherheit oder die Interessen der Airlines? Brüssel (dpa) – Im Streit um neue Flugdienstzeiten für Piloten knickt die EU-Kommission nach Ansicht des Europapolitikers Michael Cramer […]
Schlafende Piloten im Cockpit und drohende Fehler wegen Übermüdung – Grund genug für die EU-Kommission, die Flugdienstzeiten von Piloten neu zu regeln. Ein grüner Europaparlamentarier aber warnt: Geht es um Sicherheit oder die Interessen der Airlines?
Brüssel (dpa) – Im Streit um neue Flugdienstzeiten für Piloten knickt die EU-Kommission nach Ansicht des Europapolitikers Michael Cramer vor den Airlines ein. Gleichzeitig ignoriere die Behörde die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien, die sie selbst in Auftrag gegeben habe, kritisierte der verkehrspolitische Sprecher der Grünen im Europaparlament im Interview mit dpa Insight EU. Am Montag (30. September) wird der Verkehrsausschuss des Europäischen Parlaments über die zukünftigen Flugdienstzeiten von Piloten abstimmen.
Frage: Die EU-Kommission will die Flugdienstzeiten der Piloten neu regeln, die Pilotenverbände laufen Sturm dagegen. Warum ist der Entwurf so problematisch?
Antwort: «Es ist richtig, dass die EU-Kommission sich damit befasst, die Arbeitszeiten von Piloten zu verändern. Falsch ist aber, dass die Kommission eine von ihr in Auftrag gegebene Untersuchung völlig ignoriert: Die Wissenschaftler sind zu dem Schluss gekommen, dass zehn Stunden Flugdienst in der Nacht die Höchstgrenze der menschlichen Leistungsfähigkeit sind. Und jetzt interessiert sich die Kommission offensichtlich nicht mehr für die Ergebnisse und macht elf Stunden daraus – ohne das begründen zu können.»
Frage: Welche Rolle spielt diese eine Stunde? Hängt das mit Strecken zusammen, für die zusätzliche Piloten nötig wären?
Antwort: «Das ist genau der Punkt: Das ist beispielsweise die Strecke von Frankfurt nach Miami. Der Flug dorthin dauert – mit Vorbereitung der Maschine und Boarding – knapp elf Stunden, daher müsste man einen dritten Piloten einsetzen, wenn die Flugdienstzeit auf zehn Stunden beschränkt wird. Aber: Die Kosten der Besatzung, der Piloten, machen gerade einmal sechs Prozent der Gesamtkosten aus. Das ist nicht viel Geld. Laut Studien würde das jeden Passagier zwei Euro mehr kosten – aber dafür hätte ich das Gefühl, sicher zu sein.»
Frage: Der Verkehrsausschuss des Europaparlaments stimmt über die Flugdienstzeiten und eine Resolution gegen die Neuregelung ab – wie ist die Stimmungslage im Ausschuss?
Antwort: «Das kann man nicht einschätzen. Es wird ein knappes Ergebnis geben. Ärgerlich ist das Komitologieverfahren: Wir haben kein ordentliches parlamentarisches Verfahren, das es uns erlaubte, Änderungen einzubringen, sondern der Ausschuss kann nur Ja oder Nein sagen. Nur wenn wir den Entwurf ablehnen, geht er weiter ins Plenum des Europaparlaments und kann dort behandelt werden. Das ist nicht gerade ein Vorbild an Demokratie. Aber eines ist klar: Wenn es morgen zu einem Unfall kommt, weil Piloten eingeschlafen sind, dann wird dieses Gesetz sofort geändert.»
Frage: Wie stark haben sich Lobbyisten bei dem Entwurf durchgesetzt?
Antwort: «Ob Flugdienstzeiten oder Passagierrechte – im Luftverkehr hat man den Eindruck, die Lobbyisten schreiben geradezu die Gesetzestexte. Ein mir vorliegender interner Vermerk der Association of European Airlines (AEA) bestätigt diesen Eindruck: In diesem Schreiben freut man sich über die erfolgreiche Mitwirkung bei der Erarbeitung des Vorschlags und schlägt vor, in Zukunft nur noch Studien von eigens ausgewählten Wissenschaftlern anfertigen zu lassen.»