Mit der Laterne in der Hand durch den winterlichen Wald auf den Berg wandern – begleitet von Sagen und Sternen: Das Vergnügen erwartet Urlauber am Dobratsch in Kärnten. Ein Ausflug in die Dunkelheit.

Es ist stockfinster. Mit Bedacht muss jeder Schritt beim Nachtwandern gesetzt werden, hier im Kärntner Naturpark Dobratsch. Vereiste Stellen wechseln sich mit losen Steinen ab. Die Augen folgen konzentriert dem Boden. Bloß nicht stürzen!

Neben Urlaubern sind einige Einheimische mit von der Partie. Sie kennen den Dobratsch als ihren Hausberg. Aber nicht in der Nacht. Und schon gar nicht «unplugged», wie die Tour vom Naturpark genannt wird. Ein besonderes Erlebnis zur Winterzeit.

Der Dobratsch oder Villacher Alpe ist mit einer Höhe von über 2100 Metern ein Ausläufer der Gailtaler Alpen. Eine Panoramastraße und Aussichtspunkte machen den Berg zu einem beliebten Ausflugsziel für Aktive. Der Naturpark zählt zu den ältesten Naturschutzgebieten Kärntens. Nicht zuletzt aufgrund des Trinkwassers, mit dem die angrenzenden Gemeinden versorgt werden.

Vom Skigebiet zum Naturpark

In den 1990er Jahren wedelten Skifahrer die Hänge hinab. Fünf Schlepplifte und einen Sessellift gab es. Doch weil der Winter immer schneeärmer wurde, hatte das Skigebiet ohne künstliche Beschneiung keine Zukunft – und diese war wegen des Wasserschutzes nicht möglich. Das Skigebiet wurde geschlossen. Seitdem gehört der Berg wieder der Natur. Erwünscht ist ausschließlich sanfter Tourismus.

Vom ehemaligen Skigebiet ist wenig geblieben, nur bewirtschaftete Almhütten. Das Gipfelhaus ist heute ein modernes, energieautarkes Gebäude mit Gastwirtschaft und 40 Betten.

Auf dem abendlichen Weg dorthin ist von weitem der rot-weiße Sendeturm zu sehen, der 1971 für UKW, Fernsehen und Richtfunk errichtet wurde und nach wie vor in Betrieb ist. Ein Stückchen weiter thronen zwei Kirchen im Fels, erbaut 1690 und 1692 nach einer Marienerscheinung. In den Wintermonaten taucht die untergehende Sonne die Gegend rund um den Gipfel in ein intensives Abendrot.

Klarer Blick auf den Sternenhimmel

Begleitet von der Dämmerung und dem Geläute der Kirchenglocken gewöhnen sich die Augen zwischen Tannen, Eiben und Schwarzkiefern an die Schattierungen der Nacht. Bei der Lichtung angekommen, versammeln sich die Laternen im Kreis. Der schwierigste Teil ist geschafft.

Ein paar Kilometer abseits von Villach scheint das hektische Alltagsgewusel weit entfernt zu sein. Anders als sonst wird bewusst das langsame Zurückweichen des Tageslichts wahrgenommen. Eigentlich keine aufregende Sache, aber mit dem Kerzenlicht in der Hand allein im Wald doch etwas Besonderes. Hier gibt es keine Lichtverschmutzung. Nichts, was nach Aufmerksamkeit buhlt. Ausgenommen die Sterne.

Bereits beim Treffpunkt bei der ehemaligen Talstation des Skiliftes in Heiligengeist hat Naturpark-Rangerin Ulrike Knely am Himmel den Abendstern und die Venus ausgemacht. «Ein gutes Zeichen. Wir haben fast Neumond. Das wird eine klare und frische Nacht», sagte sie.

Schon oft ist die Villacherin im Dunkeln auf den Berg gewandert. Jedes Mal sei die Stimmung eine andere. Und selbst dann, wenn nur wenig Schnee liege, sei es schön hier oben.

Tierische Begegnungen

Bei einer Kreuzung deutet sie ins Schwarz. «Da geht es runter in die Stadt.» Vier Kilometer rasant mit dem Rodelschlitten. Nicht vom Weg abkommen, warnt die Rangerin. Seltene Tiere wie Auer-, Birk- Schnee- und Steinhühner sollen nicht aufgeschreckt werden.

Zum Schutz der Tiere wurden eigene Ruhezonen eingerichtet, die nicht betreten werden dürfen. Fledermäuse lieben die Verstecke im karstigen Gestein; Adler, Falken und Bussarde die Thermik auf der Südseite des Berges. Ab Mitte August ziehen Tausende Greifvögel vorbei. Aber auch im Winter kann das eine oder andere Exemplar bei der Roten Wand vom sieben Meter langen Skywalk aus beobachtet werden. Das Panorama reicht von den Karawanken bis tief hinein ins Gailtal.

Völlig unterschiedliche Klimazonen und Landschaftsformen liegen im Naturpark nah beisammen. Während rund um den Skywalk alpine Pflanzen vorherrschen, wird es im Tal richtig mediterran. Schuld daran ist ein Erdbeben, welches 1348 zwei extreme Bergstürze auslöste. Ein Teil der Südwand mit rund 150 Kubikmetern Fels vergrub mehrere Dörfer und formte am Ufer des Flusses Gail einen neuen Lebensraum.

Im Sommer sind an die 1300 Schmetterlingsarten und seltene Pflanzen wie die Illyrische Gladiole in der sogenannten Schütt zu sehen. Sogar Skorpione und Sandvipern sonnen sich auf den Steinen.

Wer tagsüber den Berg erkunden will, folgt am besten dem Rundwanderweg Dobratsch. Zwischen November und Januar scheint am Berg im Schnitt an 45 Tagen die Sonne. Das ist doppelt so viel wie in Villach und dreimal so viel wie in der Landeshauptstadt Klagenfurt. Deshalb sind bei den Hütten Sonnenliegen aufgestellt.

Geheimnisvolle Phänomene

«Der Dobratsch ist ein Berg, der einem Energie und Kraft gibt. Er hat positive Schwingungen zu jeder Jahreszeit», sagt Rangerin Knely. Bereits für die Kelten war es ein heiliger Berg. Der slowenische Name bedeutet übersetzt sogar «guter Berg». Jahrhundertelang suchten die Menschen in seinen Höhlen Schutz. Das Innere des Berges besteht aus Urkalk. Es ist durchzogen von Höhlen, Klüften, Spalten und Schächten.
Regen und Schmelzwasser fließen durch das Gestein bis zum Fuß des Berges, wo es in Villach-Warmbad unter anderem als heiße Thermalquelle wieder an die Oberfläche tritt.

Ein paar Mal im Jahr füllt sich hinter dem Kurpark das aufgestaute Maibachl mit bis zu 500 Liter Thermalwasser pro Minute. Das Wasser hat angenehme 29 Grad. Jeder darf darin kostenlos ein Bad nehmen. Umkleidekabinen oder sonstige Annehmlichkeiten gibt es natürlich mitten im Wald nicht. Die mitgebrachten Handtücher werden einfach auf die Bäume aufgehängt.

Das Maibachl ist eines der vielen Naturphänomene der Region. Lange Zeit konnten sich die Menschen diese nicht erklären. So entstanden etliche Sagen – von Zwergen, die in Höhlen hausen oder walischen Männlein, die Schätze bewachen.

Der Berg ist voller Geheimnisse

Nicht alle Geheimnisse hat der Berg preisgegeben. Rund 200 seiner Höhlen sind bekannt. Aber nicht alle erforscht. Bereits 1924 öffnete die erste Schauhöhle für das Publikum, die aber wieder gesperrt wurde. Sie wurde von einem modernen Schaubergwerk in Bad Bleiberg abgelöst. Erst im März 2020 herrschte wieder Aufregung, als Höhlenforscher ein verstecktes Loch aufspürten. Darin befindet sich eine Höhle mit Leitern aus handgeschmiedeten Nägeln, wahrscheinlich 80 bis 100 Jahre alt. Ein Hinweis darauf, dass sich hinter einer Engstelle noch etwas verbergen muss.

«Im Wald sind überall Schächte und Löcher», sagt Knely. Auch gefrorenes Wasser kreuzt den Weg. Es ist ein meditatives Gehen. Unterwegs wird wenig gesprochen. Nur in den Pausen erzählt die Rangerin über die Natur. Bevor der Blick nach oben zur Milchstraße und den Sternenbildern geht, fragt sie: «Ist jemandem kalt?»

Zum Aufwärmen packt sie Tee und Schnaps aus dem Rucksack aus, hergestellt aus den Kräutern der Almwiesen im Naturpark.

Lagerfeuerromantik am Berg

Die Baumkronen rahmen den Sternenhimmel ein. Jeder ist überrascht, wie gut und leuchtend hier die Sterne zu sehen sind. Ohne Fernglas oder technische Hilfsmittel.

Es dauert nicht lange, da ist in der Ferne ein altes Gehöft zu sehen. Der Wirt hat extra auf die Nachtwanderer gewartet und ein Feuer angezündet. Die süße Säure des hausgemachten Glühmost legt sich auf die Lippen. Der Rauch verbrannten Holzes steigt in die Nase.

Wieder werden alte Legenden erzählt. Von einem Riesen, glitzernden Erzvorkommen im Stollen und der lieblichen Musik der Berggeister zu nächtlicher Stunde. Das regt die Fantasie an.

Auf dem Rückweg sind plötzlich zwischen den Bäumen Lichtblitze zu sehen. Sie kommen immer näher. Es ist ein mystischer Anblick. Dann lautes Gelächter: «Mit den Laternen seht ihr aus wie die sieben Zwerge im Wald», hallt es aus der Finsternis. Die vermeintlichen Fabelwesen entpuppen sich als Wanderer mit Stirnlampe und schreiten zügig hinab ins Tal. Mit der Laterne in der Hand ist so ein Tempo kaum machbar. Die Rangerin zuckt gelassen mit der Schulter.

«Ich habe schon alles erlebt», sagt Knely. «Manche galoppieren eben den Berg rauf und runter. Aber Berggehen ist kein Wettbewerb.»

Es geht um etwas anderes beim Nachtwandern im Kerzenlicht: um das Entschleunigen in und mit der Natur. Ganz gemütlich.

Info-Kasten: Naturpark Dobratsch

Anreise: Per Flugzeug über den Flughafen Klagenfurt oder Wien, im Auto über Salzburg und die Tauernautobahn (mautpflichtig), mit dem Zug oder Fernbus zum Bahnhof Villach. Es gibt einen Shuttleservice zur Unterkunft (www.bahnhofshuttle.at/de).

Nachtwanderung: «Unplugged-Tour» einmal wöchentlich von Dezember bis Februar ab 18.00 Uhr, Kosten 20 Euro inklusive Willkommensgetränk, Anreise zum Treffpunkt mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglich, Anmeldung bis zum Vortag (Tel.: +43 4242/20 56 019, E-Mail: naturpark.ranger@villach.at, www.naturparkdobratsch.at).

Corona-Lage (22.10.): Die Einreise nach Österreich ist ohne Einschränkungen möglich. Die Infektionen nehmen derzeit aber wieder zu. Kärnten ist derzeit das einzige österreichische Bundesland, das kein Corona-Risikogebiet ist.

Informationen: Tourismusinformation Villach Stadt, Bahnhofstraße 3, 9500 Villach (Tel.: 0043 4242/20 52 900, E-Mail: tourismusinformation.stadt@villach.at, www.visitvillach.at).

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