30.05.2014 Die Hinterbliebenen des Air-France-Unglückfluges 447 können sich sehr gut in die Situation der Angehörigen der Passagiere von MH370 hineinversetzen. Lange schien es so, als würde die Katastrophe vom 1. Juni 2009 für immer ein Rätsel bleiben. Paris – Die Schreckensnachrichten kamen wie bei dem verschwundenen Flug MH370 nur nach und nach. Als am 1. […]

30.05.2014

Die Hinterbliebenen des Air-France-Unglückfluges 447 können sich sehr gut in die Situation der Angehörigen der Passagiere von MH370 hineinversetzen. Lange schien es so, als würde die Katastrophe vom 1. Juni 2009 für immer ein Rätsel bleiben.

Paris – Die Schreckensnachrichten kamen wie bei dem verschwundenen Flug MH370 nur nach und nach. Als am 1. Juni vor fünf Jahren die ersten Hinweise auf das Verschwinden einer Air-France-Maschine die Runde machten, konnten Verwandte und Freunde der Menschen an Bord noch auf eine Entführung oder eine Notlandung hoffen. Dann wurden Trümmer gesichtet, es war allerdings nicht klar, ob sie von dem vermissten Airbus A330-200 stammten.

Erst fünf Tage später fanden die Suchteams einige Dutzend im Wasser treibende Leichen, und damit war sicher, dass die Maschine mehr als 1000 Kilometer vor der brasilianischen Küste ins Meer gestürzt war. 228 Menschen, unter ihnen 28 Deutsche, starben.

Zum fünften Jahrestag der Katastrophe an diesem Sonntag ist die Tragödie noch immer nicht vollständig aufgearbeitet. Erst vor drei Jahren – also rund zwei Jahre nach dem Absturz – wurde nach mehreren vergeblichen Suchaktionen in rund 4000 Metern Meerestiefe das Wrack der Unglücksmaschine entdeckt. Und noch immer laufen die Ermittlungen der französischen Justiz zur Schuldfrage.

Nach der Auswertung der Flugschreiber ist bislang nur klar, dass das Pilotenteam überfordert war, als sich nach der Vereisung der Pitot-Sonden, sie messen die Geschwindigkeit des Flugzeuges, der Autopilot der Maschine abschaltete. Nach einer Reihe falscher Entscheidungen im Cockpit führte letztlich ein Strömungsabriss zum Absturz der Maschine.

Ob die Crew durch Air France nicht richtig geschult war, schlichtweg Fehler beging oder ob vielleicht auch der Flugzeughersteller Airbus Sorgfaltspflichten verletzt hat, wird möglicherweise ein Gericht bewerten müssen – zumindest dann, wenn die noch immer laufenden Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung zu einer Anklage führen.

Für die Angehörigen der Opfer ist das lange Verfahren eine harte Geduldsprobe, bei der es zudem immer wieder Rückschläge gibt. Bislang wurden Vertreter von Aufsichtsbehörden, insbesondere der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA), nur als Zeugen vernommen – obwohl ihnen bereits im Vorfeld der Katastrophe zahlreiche Probleme mit Pitot-Sonden gemeldet worden waren.

«Das ist für uns unverständlich», kritisiert der Vorsitzende der deutschen Hinterbliebenenvereinigung HIOP AF447, Bernd Gans. Er ist auch überzeugt, dass das Wrack des Anfang März abgestürzten Passagierflugzeugs der Malaysia Airlines (MH370) heute nicht mehr verschollen wäre, wenn die Industrie nach der Air-France-Katastrophe im Jahr 2009 zügig die Empfehlungen der Flugunfallermittler umgesetzt hätte.

Bei den Vorschlägen sei es darum gegangen, die automatischen Positionsmelder für die Notfallsuche widerstandsfähiger zu machen und in Flugschreibern Batterien einzusetzen, die nach einem Absturz nicht nur 30, sondern 90 Tage lang eine Ortung ermöglichen. Zorn und Empörung richteten sich aber nicht allein gegen die Industrie, betont der im oberbayerischen Vaterstetten wohnende Gans. Es sei an den Behörden, Änderungen vorzuschreiben, und deren zeitnahe Umsetzung zu überwachen.

Die bisherige Aufklärungsarbeit blieb nach Einschätzung der Hinterbliebenen allerdings auch nicht folgenlos. Nach der Katastrophe vor fünf Jahren wurden weltweit an allen Flugzeugen vereisungsanfällige Sonden ausgetauscht, Airbus ließ sich eine neue Steuerungssoftware für die Geschwindigkeitsmessung zertifizieren und auch die Piloten werden besser auf heikle Situationen vorbereitet.

«Wir sind der Meinung, dass ein vergleichbares Unglück nicht mehr passieren kann», sagt Gans, der damals seine Tochter verlor. Die 31-Jährige hatte ihren Bruder in Rio de Janeiro besucht und wollte über Paris zurück nach Hause fliegen.

Die Hinterbliebenen betonen, dass bei ihrem Engagement keinerlei finanzielle Interessen im Hintergrund stehen. Die Deutschen und viele andere haben sich bereits vor langer Zeit mit Air France und den Versicherern auf Entschädigungszahlungen geeinigt. Sie mussten sich aber verpflichten, über die Beträge Stillschweigen zu bewahren. Nach Angaben von Betroffenen ging es nur um absolut bescheidene Summen.

Zwischen dem deutschen Verein HIOP AF447 und Hinterbliebenen des über dem Indischen Ozean verschollenen Flugs MH370, der 239 Menschen an Bord hatte, gibt es mittlerweile einen regelmäßigen Austausch. «Wir haben ihnen sofort nach Bekanntwerden empfohlen, auf Ersthilfe durch die Fluggesellschaft zu bestehen, sich zusammenzuschließen und eine internationale Untersuchung zu verlangen – dafür waren sie uns sehr dankbar», berichtet Gans. «Dass wir da etwas bewirken können, das ist für uns sehr befriedigend – und im Hinblick auf unseren Gedenktag auch tröstend.» (Ansgar Haase, dpa)