Wandern, Radfahren, Schwimmen, Golfen – in den Hügeln von Langhe Roero ist alles möglich. Die meisten aber kommen in die norditalienische Region auch wegen des berühmten Weins Barolo und des Essens.

Barolo (dpa/tmn) – Sanft geschwungene Weinberge, auf Hügeln thronende Burgen und schneebedeckte Alpengipfel am Horizont – rund um die Gemeinde Barolo wirkt das Piemont in Norditalien wie ein Paradies auf Erden. Gespickt mit mittelalterlichen Dörfern, Weltklasse-Weingütern und Top-Restaurants. Vor allem im Herbst pilgern Genießer aus aller Welt wegen der Alba-Trüffel und Barolo-Weine in die Region südlich von Turin.

Vor gar nicht allzu langer Zeit war das heutige Urlaubsparadies eher eine triste Gegend. Zwei Weltkriege setzten dem Landstrich zwischen Alpen und Ligurischer Küste schwer zu. Das Voralpenland war zwar nie Schlachtfeld, musste seine Männer aber geschlossen an die Front schicken. Nur wenige kamen zurück. Die Jungen flüchteten in die Städte, wo sie lieber in den Fabriken von Fiat und Ferrero arbeiteten als auf Wiesen und Weinbergen.

«Unsere Gegend war noch bis vor einigen Jahrzehnten bitter arm», erzählt Massimo Camia. Er ist wenige Kilometer von Barolo entfernt geboren und einer der Top-Köche der Region. Der Restaurantführer Guide Michelin zeichnete ihn mit einem Stern aus. Rund um Barolo gibt es 14 Sternerestaurants. Das Antica Corona Reale in Cervere hat sogar zwei, das Piazza Duomo in Alba gar drei Sterne. Gourmets kommen inzwischen allein wegen dieser Sternerestaurants.

Wein brauchte Nachhilfe

Camia aber ist realistisch genug, um den Aufschwung nicht seiner eigenen Zunft zuzuschreiben. «Ohne die Winzer und ihren Barolo gäbe es das alles hier nicht», betont er. Der Wein hat den Wohlstand gebracht, auch wenn er dafür sehr lange und zudem Nachhilfe aus Frankreich benötigte.

Bis Ende des 18. Jahrhunderts war der aus Nebbiolo-Trauben gekelterte Barolo eine süße Plörre. Der aus Frankreich stammenden Marchesa Giulia Falletti di Barolo muss er den Magen umgedreht haben. 1850 berief die Markgräfin deshalb den französischen Kellermeister Louis Oudart in ihr Schloss, das heute mitten im Gassengewirr von Barolo mit Weinläden, Bars und Restaurants ein Weinmuseum beherbergt.

Kellermeister Oudart kelterte aus den Nebbiolo-Reben trockene und hochwertige Rotweine, die auch Graf Camillo Benso di Cavour überzeugten. Der war nicht nur Weingutsverwalter in Grinzane Cavour, sondern auch Politiker. Als einer der Väter Italiens wurde er zum ersten Ministerpräsidenten des Landes. Seine Verdienste um Italien und den Barolo sind in der Ausstellung in seinem Kastell zu bewundern.

Radtouren durch Weinberge

Seine Burg in Grinzane Cavour ist neben Weinorten wie La Morra, Serralunga und Monforte eines der Etappenziele der Radtouren von Insite Tours. Solche Touren können sich durchaus lohnen, denn Guides wie Keoma Chiavassa führen die Teilnehmer nicht nur über die Weinberge, Haselnuss-Plantagen und verwinkelte Dorfgassen. Sie erzählen dabei auch Geschichten über die Region.

Geschichten über Wein erzählen die Narratori del Vino. Diese Erzähler sind Sommeliers, Reiseführer und Historiker in Personalunion. In Alba kann man sie buchen. Wie Rad-Guide Chiavassa erschlagen sie einen nicht mit Fakten und Daten. Sie unterhalten kurzweilig mit der Geschichte der Region, die als einzige in Italien allein wegen ihrer Weinkultur zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde.

Strenge Vorschriften sichern heute die Qualität

Die Weingeschichte beginnt so richtig mit Cavour und seinem guten Draht zum Königshaus Savoyen, wo der Barolo bald zum Lieblingswein am Turiner Hof und damit zum «Wein der Könige» wurde. Der Boom aber währte nur kurz wegen der Weltkriege, der Reblaus-Plage und des Methanol-Weinpansch-Skandal.

In den 1980er Jahren wurden viel zu viele mittelmäßige Barolos verscherbelt. Auch die Nebbiolo-Parzellen waren nicht viel wert, bis eine neue Generation von Winzern mit Erfahrungen aus Frankreich und Übersee harmonischere Weine ausbaute. Moderne Kellertechnik, der maßvolle Einsatz von kleinen Barrique-Fässern und vor allem eine Reduzierung der Erntemengen brachten den Barolo zurück an die Spitze. Strenge Vorschriften sichern die Qualität.

Barolo muss lange lagern

Ein Barolo darf nur aus Nebbiolo-Trauben bestehen, die in Barolo sowie zehn umliegenden Orten angebaut und dort gekeltert wurden. Mindestens 18 Monate muss er im Holzfass lagern und weitere 20 in der Flasche. Für die Riserva-Qualität sind es sogar weitere 44 Monate.

Dank relativ viel Gerbstoff und Säure sind Barolos sehr lagerfähig. Erst nach zehn bis 20 Jahren entfalten sie ihren komplexen und eleganten Charakter. Der Einstiegspreis liegt bei rund 25 Euro pro Flasche, für einen erstklassigen Barolo Riserva aber zahlen Kenner inzwischen einige Hundert Euro. «Vor allem für Barolos der Einzellage Cannubi», erzählt Sternekoch Camia.

Mit Gästen plaudert er gerne über die passenden Weine zu seinen Gerichten. Klassiker wie Vittello Tonnato gelingen ihm saftig und leicht. Sein schwarzes Risotto mit pochiertem Ei und Käsesahnesauce ist ebenso hervorragend wie die Ravioli mit Gänsefüllung und das zarte Kaninchen. Zum Fleisch empfehlen Camias Frau und sein Sohn, die den Service im Restaurant leiten, gerne Weine vom Cannubi-Hügel.

Ein Stück Land ist heute teuer

«Ein Hektar dort kostet zehn bis 15 Millionen Euro», verrät Marcella Bergese. Die junge Weinkennerin arbeitet bei Damilano, das mehr Cannubi-Weine als jedes andere Weingut produziert. Zu den weiteren Cannubi-Produzenten gehören auch Verwandte des ehemaligen Ferrari- und Fiat-Chefs Luca di Montezemolo.

Der neu gestaltete Barrique-Keller in La Morra ist eines der Vorzeigeexemplare der Region. «Der Cannubi hat den ganz speziellen Bodenmix für wunderbar ausbalancierte Weine», erklärt Bergese. Zum Beweis schenkt sie einen Damilano Cannubi Riserva 2010 ein. Auch der jüngste Cannubi aus dem hervorragenden Jahrgang 2015 lässt sein Potential schon erahnen.

Bergese weiß alles über Barolo. Ihre Mutter war schließlich Sommeliere in der Antica Corona Reale. Das Restaurant in Cervere ist ein Gourmettempel, auch wenn man dort ganz leger im Garten speist. Selbst an einem Wochentag ist es mittags schon gut gefüllt. Vielleicht heute auch, weil Paolo Conte am Abend im Amphitheater des Ortes ein Heimspiel gibt.

Liedermacher ist eng mit seiner Heimat verbunden

Der Liedermacher aus Asti hat seine Heimat nie verlassen, sie gibt dem 82-Jährigen Kraft und Inspiration. «In einigen meiner Lieder gehe ich dem Geheimnis der Landschaft und der Menschen, die darin leben, auf den Grund», sagt Conte. «In «Genova per noi» zum Beispiel geht es um dieses Verhältnis zwischen den Menschen vom Land im Piemont und denen am Meer in Ligurien.»

Die Texte des Musikers sind wie Gedichte und eine Hommage an seine Heimat. Neben Turin, die für ihn «eine der schönsten Städte Italiens ist», empfiehlt er jedem Urlauber das Hinterland von Asti. «Der Duft des Heus dort vermittelt mir einen Eindruck von der Weite und dem Geheimnis der Landschaft», schwärmt Conte.

Starköche setzen auf regionale Zutaten

Was Contes geliebtes Land hervorbringt, landet im Idealfall auf einem Teller in der Antica Corona Reale. «Ein glanzvoller Höhepunkt der piemontesischen Küche», lobt der Guide Michelin das Zweisternerestaurant. Hausherr dort ist Gian Piero Vivalda. Mit seinem Chefkoch Davide Ostorero arbeitet er mit Zutaten aus dem eigenen Garten oder von Bauern und Fischern aus der Nachbarschaft.

«Seit mehr als 200 Jahren ist das hier schon ein Gasthaus», erzählt Vivalda. Sogar der italienische König habe dort regelmäßig gegessen. «Daher auch der Name «Antike Königskrone»», erzählt der Koch.

Der Wein mag die Region berühmt gemacht haben. Nun aber tragen Spitzenrestaurants wie das von Vivalda, Trattorien wie die Osteria Veglio oder Dai Bercau sowie viele außergewöhnliche Hotels das ihre dazu bei, die Weinregion zwischen Asti und Barolo aus dem Schatten der Toskana herauszuführen.

Alte Schlösser werden neu genutzt

Dabei hilft die Geschichte, den Tourismus von heute zu entwickeln. Denn selbst manche alten Castellos sind inzwischen Hotels, wie zum Beispiel das Relais & Chateau Castello di Guarene. 2014 wurde das Schloss der Grafen von Roero aus dem 18. Jahrhundert ein Hotel. «Wegen strenger Denkmalschutzauflagen wurde kaum etwas verändert», erzählt Hoteldirektorin Rita Pili. Einige Säle wirken deshalb eher wie ein Museum. Die Suiten sind mit antiken Möbeln ausgestattet.

Das Castello di Guarene thront zwar hoch auf einem Berg, ist in dieser Region der kurzen Wege aber dennoch mittendrin. Die besten Barolos, Barberas und Barbarescos wachsen in einem Umkreis von 50 Kilometern rechts und links des Tanaro-Flusses, an dessen steinigen Ufern man im Sommer Baden kann.

Entsprechend nah liegen die schönsten Weinorte beieinander. Da kann man vom Castello Guarene mal schnell zum Essen ins Ristorante Guido da Costigliole auf der anderen Talseite fahren. Das ist nicht nur im Herbst einen Abstecher wert, zur Hochsaison der weißen Alba-Trüffel. Im Sommer gibt es zu köstlicher Pasta oft noch einen traumhaften Sonnenuntergang auf der Terrasse. Allein für diesen Blick auf die sanft geschwungen Hügel im Abendlicht lohnt hat die Reise gelohnt.

INFO-KASTEN: Barolo Weinregion Langhe Roero

2014 erklärte die UNESCO die Region Langhe Roero aufgrund ihrer Weingeschichte zum Weltkulturerbe. In der Weingegend südwestlich von Asti und Alba entstehen Weltklasse-Rotweine – darunter der edle Barolo sowie Barbaresco und Barbera und der Weißwein Arneis. Der Wein, zahlreiche Spitzenrestaurants sowie der berühmte weiße Alba-Trüffel machen das Gebiet zu einem Reiseziel für Genießer, in dem jedoch auch Aktivurlauber auf ihre Kosten kommen.

Anreise: Das Barolo Weinbaugebiet in Langhe Roero liegt eine Autostunde südlich der piemontesischen Hauptstadt Turin. Nach Alba sind es 20, nach Asti 40 Minuten. Die nächsten Flughäfen liegen in Turin und Mailand.

Informationen: www.langheroero.it