Im Interview mit AERO-INTERNATIONAL-Redakteurin Astrid Röben äußert sich EasyJet-Manager Stephan Erler zu Krieg im Nahen Osten und hohen Standortkosten in Deutschland.

AERO INTERNATIONAL: Als europäischer Low-Cost-Carrier fliegen Sie zwar keine Ziele am Golf an. Doch warum macht sich EasyJet dennoch Sorgen wegen des Kriegs?

Stephan Erler: Wir sehen natürlich den sprunghaften Anstieg der Treibstoffpreise und spüren eine Verunsicherung bei den Kunden. Mit diesen Themen müssen wir umgehen. Vor dem Krieg sind wir beispielsweise nach Tel Aviv in Israel geflogen, doch diese Verbindung haben wir in diesem Sommer noch nicht wieder aufgenommen. Die Situation im benachbarten Ägypten ist dagegen sicher.

Welche Bedeutung haben der deutsche und der schweizerische Markt für EasyJet?

Eine sehr hohe! Wir definieren sie als Kernmärkte. Zunächst einmal haben wir in beiden Ländern Flugzeuge stationiert: in der Schweiz 29 Maschinen in Basel und Genf, in Deutschland elf Flugzeuge am Standort Berlin. Dort betreiben wir außerdem eine eigene Wartung. Deutschland und vor allem die Schweiz sind darüber hinaus nicht nur starke Outbound-, sondern auch Incoming-Märkte – ob für Städtereisende oder Wintersportler. In der Schweiz bieten wir drei Ziele – Zürich, Basel und Genf – an.

In Deutschland stehen neben Berlin auch Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg, München und Friedrichshafen im Flugplan, die von unseren ausländischen Netzwerkpunkten heraus bedient werden. In der Fläche konnten wir unser Angebot in den zurückliegenden Monaten fast verdoppeln. Von den etwa fünf Millionen Passagieren pro Jahr im deutschen Markt fliegen bis zu 4,2 Millionen Fluggäste von und nach Berlin.

Was spricht für EasyJet für den deutschen Markt?

Was spricht neben der Attraktivität der Bundeshauptstadt noch für den deutschen Markt?

Deutschland ist nicht nur touristisch attraktiv, sondern auch ein wirtschaftlich starker Standort. Die Deutschen selbst fliegen nicht nur einmal im Jahr in den Urlaub, sondern gönnen sich zusätzlich auch ein oder mehrere Städtetrips. Deshalb konzentrieren wir uns in Deutschland auf City Pairs, also Städteverbindungen, um auf genau diesen gezielt zu wachsen. Denn die Low-Cost-Marktdurchdringung ist in Deutschland im Vergleich zum europäischen Ausland noch sehr gering.

Das Wachstum in Deutschland wird jedoch aufgrund der hohen Standortkosten ausgebremst. In welchen Ländern steigert EasyJet lieber das Angebot?

Wir sind im vergangenen Jahr sehr stark in Italien gewachsen. Wir verzeichnen nach wie vor Steigerungsraten in Großbritannien. In beiden Ländern spüren wir eine Unterstützung des Luftverkehrs. Hier sind die Rahmenbedingungen besser, um Wachstum in den Markt zu bringen. Die politische Ebene hat dort schon vor längerer Zeit verstanden, dass Konnektivität das Wirtschaftswachstum befeuert.

Und es öffnen sich auch neue Märkte. Marokko beispielsweise möchte bis 2030 – dann findet unter anderem dort die Fußball-Weltmeisterschaft statt – gezielt wachsen. Das ist auch der Grund, warum wir in diesem Jahr eine Basis in Marrakesch eröffnet haben. Es gibt durchaus Staaten, die zeigen, wie es gut läuft und wie es auch für Deutschland laufen könnte.

Welches Potenzial sehen Sie für Deutschland?

In einer idealen Welt ohne die hohen Standortkosten würde Deutschland viel stärker an unserem Flottenwachstum partizipieren. Wir bekommen bis 2034 mehr als 300 fabrikneue Flugzeuge, und damit werden nicht nur ältere Maschinen ersetzt, sondern auch unser Streckenportfolio weiter auf- und Bestandsstrecken per Frequenzaufstockung ausgebaut. München – London beispielsweise ist eine Verbindung, die vor der Corona-Pandemie viel öfter von uns geflogen wurde und die im langsam wieder zunehmenden Geschäftsreiseverkehr auch an Bedeutung gewinnt.

Stephan Erler, Country Manager der EasyJet für Deutschland und die Schweiz
Stephan Erler ist Country Manager der EasyJet für Deutschland und die Schweiz. Bild: EasyJet

Welche deutschen Flughäfen sind noch interessant?

Berlin einmal ausgenommen: Welcher deutsche Flughafen wäre eine weitere potenzielle EasyJet-Basis?

All unsere deutschen Standorte sind basisfähig. Eine Basis benötigen wir, um eine ideale Operation von den frühen Morgenstunden an bis in den späten Abend hinein darstellen zu können oder um neue Destinationen zu entwickeln. Unsere Angebote zwischen Berlin und Griechenland beispielsweise laufen hervorragend und würden sicherlich auch aus anderen deutschen Regionen heraus nachgefragt werden.

Nur, so ehrlich müssen wir auch sein: Es lohnt sich nur dann für EasyJet in Deutschland zu investieren, wenn die Standortkosten massiv gesenkt werden – nicht allein die Luftverkehrsteuer oder nur die Flugsicherungsgebühren. Das Gesamtpaket muss stimmen. Doch davon ist Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern noch weit entfernt.

In Berlin sind Sie nach wie vor stark vertreten. Ist das historisch bedingt?

Wir halten nicht nur am Berliner Markt fest, wir sind auch bestrebt, ihn weiter auszubauen. Neue Strecken werden ins Portfolio aufgenommen, ehemalige Strecken reaktiviert. Wir bedienen in diesem Sommer ab der Hauptstadt beispielsweise wieder Sevilla oder zusätzlich zu Mailand-Linate auch Malpensa. Unser Wachstum geht mit dem Wachstum des Tourismus in Berlin Hand in Hand. Seit wir 2004 die Basis eröffnet haben, verzeichnet Berlin auch ein starkes Plus im Incoming-Verkehr. Und wir möchten auch weiterhin stark in den Markt investieren, aber dafür bedarf es angepasster Rahmenbedingungen.

Drückt der Wettbewerb in Berlin, wo auch Eurowings oder Ryanair stark vertreten sind, den Yield?

Im Vergleich zu anderen europäischen Standorten können wir in Berlin denselben oder einen ähnlich hohen Yield erzielen. Wir sind hier in einer starken Marktposition, haben die meisten Flugzeuge stationiert und bieten die meisten Ziele an. In Bezug auf die Passagierzahlen stehen wir im Ranking seit Jahren entweder auf Position eins oder zwei. Wir sehen uns als Hauptstadt-Airline, als Homecarrier der Berliner, sehr gut aufgestellt. Problematisch sind die Abgaben, sie reduzieren am Ende des Tages den Gewinn.

Nun haben Sie die Kapazitäten ab Berlin in diesem Sommer leicht erhöht – allein durch den Einsatz größerer Flugzeuge?

Vorwiegend ja. Wir haben bereits im Oktober vergangenen Jahres eine erste A321 in Berlin stationiert, Anfang dieses Jahres kam ein zweiter Airbus dieses Typs hinzu. Beide haben A320 ersetzt. Pro Tag und Destination kommen wir so schon mal auf 100 Sitzplätze mehr in beide Richtungen. EasyJet fliegt viele Flughäfen an, die stark slotreguliert sind. Dort sind weitere Start- und Landerechte schwer zu bekommen, somit bietet sich statt einer Frequenzerhöhung größeres Fluggerät an.

In Frankfurt wird in Kürze Terminal 3 eröffnet. Wird EasyJet von Terminal 2 dorthin umziehen?

Ja, im Laufe des Eröffnungszeitraums. Ein konkretes Datum wird noch verkündet. Wir werden aber nicht zu den ersten Airlines gehören, die dorthin wechseln. EasyJet begrüßt es, dass sich dank des gezielten Ausbaus der Infrastruktur die Reisequalität für seine Fluggäste verbessert. In München wird es auch im gesamten Terminal 1 dank des neuen Piers zu spürbaren Verbesserungen kommen.

Ihr Unternehmen hat mit EasyJet Holidays einen eigenen Reiseveranstalter. Das ist ein Konstrukt, was inzwischen auch von Ryanair oder Eurowings kopiert wird und bei EasyJet weiter ausgebaut werden soll. Möchten Sie in Zukunft keine Fluggesellschaft mehr sein?

(Lacht) Zunächst einmal freut es uns, dass unsere Wettbewerber von den Besten gelernt haben. Im Ernst: Es besteht ein Unterschied zur Konkurrenz: Bei uns ist der Reiseveranstalter ins Unternehmen integriert und nicht separat unterwegs. Bei EasyJet erhalten die Kunden alles aus einer Hand. In Großbritannien haben wir damit sehr gute Erfahrungen gemacht und nun, nachdem wir 2025 die ersten 250 Millionen Pfund Vorsteuergewinn früher als geplant erreicht haben, das Ziel von 450 Millionen Pfund Vorsteuergewinn proklamiert.

Davon sollen zehn Prozent aus Europa kommen – sprich aus Deutschland, Schweiz und Frankreich. Und wir werden mit EasyJet Holidays nicht nur in Digitalkanälen präsent sein, sondern auch verstärkt in Reisebüros. Der deutsche Markt tickt immer noch ein wenig anders als beispielsweise der britische. Und wir sehen das Reiseveranstaltergeschäft als die ideale Ergänzung zur Airline. Sie ist die Basis. Und unsere Kunden bekommen dank EasyJet Holidays auch das beste Paketangebot, wenn sie es denn wünschen.

Plant EasyJet Upgrades in den Flugzeugen?

EasyJet-Kunden fliegen Low Cost, schlafen aber in Luxushotels? Wie passt das zusammen? Planen Sie auch Upgrades in Ihren Flugzeugen?

Nun, auch diejenigen, die in Luxushotels übernachten, sind nicht unbedingt der Meinung, dass es einer Aufwertung des Produkts an Bord bedarf. Unser Angebot und das unserer Wettbewerber ähneln sich doch sehr. Viele Kunden betonen, dass sie das Geld lieber vor Ort ausgeben als für einen zwei- oder dreistündigen Flug. Die An- und Abreise ist nicht das Erlebnis, das ist die Destination.

Der freie Mittelsitz ist bei EasyJet derzeit kein Thema?

Sicherlich schauen wir uns das Marktumfeld bei gewissen Themen sehr genau an. Und wir wollen das Kundenerlebnis an Bord auch stets weiterentwickeln, schließen nie etwas aus. Doch im Moment ist die Einführung des freien Mittelsitzes nicht geplant. Die Kosten-Nutzen-Rechnung muss nicht nur für unsere Kunden, sondern auch für uns als Airline stimmen.