Im Terminal der Tränen
Frankfurt am Main Lange Schlangen und lange Gesichter: Für Lufthansa-Passagiere in Frankfurt wurde der ersten Streiktag der Flugbegleiter angesichts zahlreicher abgesagter Flüge zur Nervenprobe. Beim Blick auf die Anzeigetafel im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens kullern Tränen über die Wangen von Caroline Reichard. «Annulliert» steht hinter dem Lufthansa-Flug, der sie mit ihrer 14-jährigen Tochter nach […]
Frankfurt am Main
Lange Schlangen und lange Gesichter: Für Lufthansa-Passagiere in Frankfurt wurde der ersten Streiktag der Flugbegleiter angesichts zahlreicher abgesagter Flüge zur Nervenprobe.
Beim Blick auf die Anzeigetafel im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens kullern Tränen über die Wangen von Caroline Reichard. «Annulliert» steht hinter dem Lufthansa-Flug, der sie mit ihrer 14-jährigen Tochter nach Rom bringen sollte. «Wir hatten uns so auf die Tage gefreut», sagt sie. Doch der Streik der Lufthansa-Flugbegleiter macht die Abflughalle für Mutter und Tochter zur Endstation.
Wie Caroline Reichard bangen an diesem Freitagmorgen immer mehr Lufthansa-Passagiere in Frankfurt um ihren Abflug. Schon um 5 Uhr verkünden die Anzeigetafeln das Aus für Flüge nach Mailand, Zürich oder London, später wird die Liste länger und länger. Die Schlange vor den Umbuchungsschaltern Deutschlands größter Fluglinie zieht sich bald einmal quer durch das Terminal, mühsam halten einige wenige Flughafenmitarbeiter die Wege frei.
Vor allem Umsteige-Passagiere aus dem Ausland sind vom Streik überrascht und irren ratlos umher. Chaos und Aufruhr bleiben jedoch aus, auch weil für viele Passagiere von Deutschlands größtem Flughafen der Ausnahmezustand längst zum Alltag gehört. 2010 streikten Piloten, im selben Jahr legte die Aschewolke des isländischen Vulkans den Betrieb lahm, in diesem Jahr riefen bereits Bodenpersonal und Vorfeld-Lotsen zum Ausstand. Und auch wegen des seit Herbst 2011 geltenden Nachtflugverbots stranden häufig Passagiere.
Viele Streikopfer bleiben darum während der acht Streikstunden so gelassen wie Karin Braendlein. «Jetzt fahre ich halt wieder nach Hause und komme später wieder», sagt die Biochemikerin aus dem nahen Hanau. Zuvor aber packt sie lachend den Fotoapparat aus und knipst zur Erinnerung die Anzeigetafel. «Annulliert» steht hinter ihrem Lufthansa-Flug nach Manchester.
Wütend auf die streikenden Flugbegleiter ist die gestrandete Passagierin Braendlein nicht. «Die wollen doch auch nur ihr Recht und keine Leiharbeiter», sagt sie am Rande einer langen Schlange. Von den Flugbegleitern selbst ist im Terminal nichts zu sehen. Ihre Streikposten stehen an den Personalparkhäusern. 150 Stewardessen und Stewards versammeln sich abseits an einem Flughafentor unterhalb des First-Class-Terminals. Über ihre tadellos gebügelten blauen Lufthansa-Uniformen ziehen sie knittrige gelbe Streik-Leibchen. Auf einem Plakat steht: «Wo LH drauf steht, muss LH drin sein.»
Während sich Flugbegleiter Mut für den Streik machen und Passagiere Schlange stehen, zeigt sich Ufo-Vorsitzender Nicoley Baublies zufrieden vor den Fernsehkameras im Terminal. «Die Anzeigetafel spricht für sich», sagt der Ufo-Chef. Vier Stunden nach Streikbeginn muss die Lufthansa ihr Ziel aufgeben, die Langstreckenflüge reibungslos in die Luft zu kriegen. «Seattle – annulliert», heißt es. Flughafenbetreiber Fraport spricht bereits zur Streikhalbzeit von 145 gestrichenen LH-Flügen.
Die auf dem Weg nach Rom gestrandete Caroline Reichard und ihre Tochter halten derweil ein neues Ticket in den Händen. Sie stehen auf der Warteliste für den Nachmittagsflug nach Rom. «Aber am Schalter haben sie uns wenig Hoffnung gemacht», sagt Reichard und blickt mit Tränen in den Augen zur Anzeigetafel, auf der nun noch öfter ein Wort auftaucht: «annulliert».
Frank van Bebber, dpa