„Die Energie der Air Berlin zum Fließen bringen“
Seit 100 Tagen ist der gebürtige Österreicher Wolfgang Prock-Schauer CEO der Air Berlin. Luftfahrtexperte Kurt Hofmann begleitete ihn am Erstflug von Berlin/Tegel nach Chicago O`Hare. Sie sind seit rund 100 Tagen Chef der Air Berlin. Was haben Sie bei Ihrem Amtsantritt vorgefunden? Prock-Schauer: Zunächst eine Mannschaft mit Teamgeist und Engagement – dies ist eine Stärke […]
Seit 100 Tagen ist der gebürtige Österreicher Wolfgang Prock-Schauer CEO der Air Berlin. Luftfahrtexperte Kurt Hofmann begleitete ihn am Erstflug von Berlin/Tegel nach Chicago O`Hare.
Sie sind seit rund 100 Tagen Chef der Air Berlin. Was haben Sie bei Ihrem Amtsantritt vorgefunden?
Prock-Schauer: Zunächst eine Mannschaft mit Teamgeist und Engagement – dies ist eine Stärke von Air Berlin. Und ein Unternehmen im Umbau. Air Berlin ist in der Vergangenheit stark durch Zukäufe gewachsen, wie zum Beispiel den Erwerb von LTU oder DBA. Auch deshalb haben Strukturen, Prozesse und Streckennetz Optimierungspotenzial. An der Verbesserung des Streckennetzes haben wir schon vor meiner neuen Aufgabe gearbeitet, und das setzen wir konsequent weiter fort. Heute bedienen wir weniger Strecken, diese aber mit höherer Frequenz. Das gilt in unseren Kernmärkten etwa für Berlin, Palma und Düsseldorf, aber auch für Wien und Zürich. In Deutschland gibt es eine Reihe von größeren Flughäfen, die wir hochfrequent bedienen. Bei kleineren Flughäfen müssen wir unsere Streckennetzplanung weiter auf die veränderte Nachfrage anpassen.
Die Flotte schrumpft von einst 170 Flugzeugen vor zwei Jahren auf 143 Ende 2013. Ist das ausreichend?
Prock-Schauer: Ich halte das für die richtige Größenordnung. Entscheidend ist: Wir erzielen mit einer kleineren Flotte mehr Umsatz und höhere Auslastungen. Im nächsten Sommer fliegen unsere Flugzeuge täglich 11,4 Stunden – das ist ein sehr guter Wert.
Wie hoch ist der Schuldenberg?
Prock-Schauer: Unsere Nettoverschuldung liegt Ende 2012 bei 770 Millionen Euro. Ziel ist es, diese bis Ende des Jahres 2013 auf 500 Millionen Euro zu reduzieren. Dazu können auch Assetverkäufe beitragen. So sprechen wir mit potenziellen Partnern über den Verkauf von Flugzeugen.
Wie läuft das Einsparungsprogramm „Turbine“?
Prock-Schauer: „Turbine“ umfasst Initiativen, mit denen wir unser Ergebnis bis Ende 2014 um 400 Millionen Euro verbessern wollen. Für dieses Jahr streben wir einen Beitrag von 200 Millionen Euro an, das Programm wird seine Wirkung ab dem 3. Quartal zeigen. Es beinhaltet eine Vielzahl von Maßnahmen über alle Unternehmensbereiche hinweg sowie einen Strang, in dem wir die Beziehungen zu unseren Geschäftspartnern neu gestalten. Wir kommen leider auch um den Abbau von 900 Stellen nicht umhin. Das werden wir so sozialverträglich wie möglich gestalten, auch wenn wir auf Kündigungen nicht verzichten können. So wird etwa ein Drittel der Stellen durch das Auslaufen befristeter Verträge reduziert. Zudem haben wir die Möglichkeit, Mitarbeiter bei Etihad in Abu Dhabi weiter zu beschäftigen. Es könnten bis zu 100 Mitarbeiter auf freiwilliger Basis – Piloten, Flugbegleiter oder Techniker – dorthin sekundiert werden. Einen erheblichen Ergebnisbeitrag erwarten wir durch die weitere Optimierung des Streckennetzes, durch die Konsolidierung unserer Stützpunkte und Bodenservices sowie die Steigerung unserer operativen Effizienz. Das Programm ist jetzt angelaufen, die ersten Ergebnisse stimmen uns zuversichtlich. Wir sind überzeugt, dass wir „Turbine“ erfolgreich umsetzen können und damit die Basis für eine wirtschaftlich nachhaltig gesunde Air Berlin schaffen.
Die Streikbereitschaft in Deutschland steigt. Müssen auch Sie mit einem Arbeitskampf rechnen?
Prock-Schauer: Uns ist bewusst, dass Stellenabbau und andere personalwirtschaftliche Maßnahmen schmerzlich sind. Wir stehen mit den Arbeitnehmervertretungen dazu in einem konstruktiven Dialog. Mein Eindruck ist, dass die Mitarbeiter die Situation der Luftfahrt im Allgemeinen und die von Air Berlin im Besonderen erkannt haben; sie wollen mit uns zu gemeinsamen Lösungen kommen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, die Gespräche sind vertraulich, und der Vorstand hat versprochen, nicht über die Medien zu verhandeln. Daran halte ich mich.
Wie läuft es mit der österreichischen Tochter Niki, die ja Gewinne macht?
Prock-Schauer: Ich bin mit dem Setup der Airline sehr zufrieden, Niki hat ein gutes Profil. Die Flotte bleibt bei 23 Flugzeugen, und wir legen einen stärkeren Fokus auf touristische Strecken: Man muss sich auf seine Stärken konzentrieren. Deshalb ist in Wien ein Parallelhub zu Berlin in Richtung Osteuropa nicht sinnvoll. Viel wichtiger ist, in Wien unsere City-Shuttle-Strecken in die DACH-Region und touristische Verbindungen etwa nach Südeuropa zu forcieren. Das haben wir jetzt umgesetzt.
Macht es Sinn, einen Teil eines Flugzeuges mit dem Niki- und einen anderen Teil mit dem Air-Berlin-Logo zu bemalen? Der ehemalige Eigentümer Niki Lauda meinte, entweder oder.
Prock-Schauer: Die Niki-Identität bleibt erhalten, was ja auch für die Motivation der Mitarbeiter gut ist. Aber wir müssen eine gewisse Harmonisierung in der Air Berlin Gruppe vornehmen.
Sind Veränderungen in Österreich geplant?
Prock-Schauer: Wesentliche Änderungen sind nicht geplant. Österreich ist für uns sehr wichtig, der Markt in einer der wirtschaftlich stärksten in Europa. Er hat für uns Gewicht und wir agieren hier ambitioniert und als ernstzunehmender Wettbewerber. Unsere Passagiere schätzen es, dass es in Österreich eine Air Berlin gibt. Die Strecken laufen sehr gut, im Sommer fliegen wir von Österreich 222 wöchentliche Verbindungen zu neun Zielen in Deutschland und in der Schweiz.
Kann Air Berlin von Niki lernen?
Prock-Schauer: Jedes Unternehmen hat einen gewissen Lebenszyklus, das kann man schwer vergleichen. Niki ist eine sehr junge Airline, die kann man maßgeschneidert bauen. Mit Produkt und Effizienz von Niki bin ich zufrieden, aber Niki muss auch einen Beitrag zu unserem Turnaround-Programm leisten.
Ist die Strecke Wien – Abu Dhabi ein Thema?
Prock-Schauer: Wien – Abu Dhabi ist momentan kein Thema. Wir fliegen mit Etihad 100 gemeinsame Codeshare-Strecken und konzentrieren uns darauf, dieses Potenzial voll auszuschöpfen. Im letzten Jahr haben Air Berlin und Ethiad gemeinsam 325.000 Codeshare Passagiere befördert. Und wir sehen hier im laufenden Jahr einen weiteren starken Anstieg.
Und wie schaut es mit Oneworld aus?
Prock-Schauer: Wir kooperieren mit einer Reihe von Oneworld-Partnern sehr eng. So fliegen wir mit American Airlines über 100 gemeinsame Codeshare-Verbindungen. Wir haben mit unseren Oneworld-Partnern in einem Jahr 310.000 zusätzliche Passagiere gemeinsam befördert.
Wie läuft es mit einer geplanten Kooperation KLM/Air France?
Prock-Schauer: Daran arbeiten wir. Derzeit warten wir auf die notwendigen Genehmigungen. Grundsätzlich gilt: Auch wenn wir Mitglied bei Oneworld sind, können wir Codeshares mit anderen Fluglinien umsetzen. Die Allianzen werden liberaler. Heute wählt jede Airline streckenspezifische Partnerschaften.
Dass der neue Flughafen in Berlin noch nicht fertig ist, macht einen Umsteigeverkehr auf dem Drehkreuz Tegel nicht wirklich einfach …
Prock-Schauer: Wir müssen das Beste daraus machen, die Lage ist, wie sie ist. Es ist uns trotzdem gelungen, das Hub-System weiter auszubauen: Wir haben uns gut positioniert für Flüge nach Skandinavien oder Osteuropa. In unseren großen Drehkreuzen haben wir etwa 20 Prozent Umsteiger, und es werden täglich mehr.
Das Publikum in Österreich ist aber sehr Lufthansa-lastig …
Prock-Schauer: Mit Niki in die USA zu fliegen, ist sicherlich noch ungewohnt für einige Reisende. Wir haben unser Umsteigekonzept so entwickelt, dass wir die gesamte DACH-Region mit unseren Langstrecken verbinden und stellen damit eine starke Alternative dar. Die österreichischen Flughäfen sind sehr gut an unsere Langstreckendrehkreuze angebunden, daher bieten wir Flüge von Wien in die USA mit sehr kurzen Umsteigezeiten in Düsseldorf oder Berlin.
Könnte sich Etihad noch stärker an Air Berlin beteiligen?
Prock-Schauer: Außereuropäischen Investoren sind bei Airlines rechtliche Grenzen gesetzt. Tatsache ist: Etihad ist unser Kernaktionär, und das ist sehr positiv. Zugleich ist Etihad eine stark wachsende Airline und unser wichtigster Kooperationspartner. Wir haben ein starkes Streckennetz in Europa und bauen die Brücken nach Abu Dhabi. Von dort fliegt Etihad die Gäste nach Asien, Australien und Afrika. Wir profitieren in der Zusammenarbeit mit Etihad aber nicht allein vom Codesharing, sondern auch in anderen Bereichen wie im Einkauf, in der Schulung, in der Ausstattung der Flugzeuge oder im Vertrieb. Und: Etihad ist extrem serviceorientiert; auch da können wir noch lernen.
Planen Sie eine Versionsänderung bei der Boeing 787?
Prock-Schauer: Wir werden von den 15 Boeing 787 der Serie 8 auf die größere Version 9 wechseln und sind gerade in gemeinsamen Gesprächen mit Etihad und Boeing bezüglich der Ablieferungsströme. Unsere aktuelle Airbus A330 Flotte werden wir über die nächsten drei bis vier Jahre weiter einsetzen, dann wird sukzessive umgestellt. Auf der Langstrecke setzen wir ein neues Konzept um und schließen an das Top-Service-Niveau der Etihad an. Auf Europaflügen werden wir ein modulares Konzept anbieten. Air Berlin wird sicher kein No-Frills Carrier. Wir werden immer ein gutes Basisprodukt bieten, das der Gast an Bord erweitern kann.
Ist das Schlimmste für Air Berlin vorbei?
Prock-Schauer: Das Projekt „Turbine“ müssen und werden wir umsetzen, um Air Berlin nachhaltig profitabel zu machen und robust für die Zukunft aufzustellen. Der im letzten Jahr erzielte Gewinn beruhte auch auf Einmaleffekten, in diesem Jahr geht es darum, eine schwarze Null auf Ebit-Basis zu erreichen. Air Berlin hat den Vorteil, kein so genannter „Legacy Carrier“ zu sein. Obwohl wir schon eine gewisse Zeit am Markt sind, ist das Unternehmen agil und trägt wenig Altlasten. Wir agieren in einem sehr guten Markt mit einer Aufstellung, die wir schneller, schlanker und noch effizienter machen werden.
Wird Air Berlin überleben?
Prock-Schauer: Dies ist völlig außer Zweifel. „Turbine“ ist machbar. Dafür nutzen wir die große Energie, die in diesem Unternehmen lebt. Wichtig ist: Wir verfügen über ausreichend Liquidität in einer Größenordnung von 450 Millionen Euro, die uns den erforderlichen Spielraum gibt, auch zu investieren und den Turnaround voranzutreiben. Davon bin ich felsenfest überzeugt.
Wie geht es einem Österreicher als Chef der Air Berlin?
Prock-Schauer: Danke der Nachfrage, gut geht´s mir! Österreicher haben einen etwas anderen Ton und vielleicht auch ein bisschen mehr Humor. Man darf es als internationaler Manager natürlich nicht übertreiben, aber ich bin damit in den letzten zehn Jahren im Ausland immer gut gefahren. Nach 22 Jahren bei der AUA war ich sieben Jahre bei Jet Airways und zweieinhalb bei BMI und bin jetzt seit einem halben Jahr bei Air Berlin. Das passt gut.