El Condorito – der knuffige Business Jet der Condor
Denkt man an Condor Flugdienst, dann an einen Ferienflieger. Doch die Airline war lange viel mehr – und setzte unter anderem auch einen Business Jet in ihren Farben ein.
Es gibt Flugzeugentwürfe, die so oft weiterentwickelt werden können, dass sie mehrere Flugzeuggenerationen überdauern. Das Paradebeispiel dafür ist im Zivilflugzeugbau die Boeing 737. 1968 erstmals als Version 100 an Lufthansa ausgeliefert, ist sie bis heute in den MAX-Varianten das Brot-und-Butter-Modell des US-Flugzeugherstellers.
Von Jet Dragon zu DH.125
Wie die 737 für die Airlines ist der zunächst DH.125 bezeichnete Sechs- bis Neunsitzer ein schier unverwüstliches Muster der Business Aviation. Seit 2013 wird kein Derivat des Ur-Modells von 1962 mehr gebaut, doch fliegen noch unzählige Exemplare, vor allem der neueren Hawker-Modelle.
Auch in der Bundesrepublik Deutschland flogen HS.125. So war beispielsweise am Flughafen Stuttgart für viele Jahre eine Maschine stationiert, die im Werksverkehr von Bosch zum Einsatz kam. Auch die Ferienfluggesellschaft Condor nutzte die HS.125 für ihre langjährige Business-Aviation-Sparte: Condor Conti-Flug.
Condor-Piloten: Vom Ferienflieger in den Business Jet
In ihrem Cockpit saßen Piloten der Condor, die im „richtigen Leben“ mit großen Jets die Charter-Passagiere in die Ferien flogen. Um die Genehmigung für den Einsatz auf der HS.125 zu bekommen, mussten sie eine zusätzliche Berechtigung für dieses Flugzeugmuster erwerben.
Ihren Spitznamen „El Condorito“, der kleine Kondor, erhielt die HS.125 der Airline auf einem wissenschaftlichen Expeditionsflug, der sie bis an die Spitze Südamerikas führte. Am 24. Juli 1974 hob der D-CFCF registrierte Kleinjet im Auftrag des Max-Planck-Instituts sowie der Uni Frankfurt ab. Auf der Route, die in geringer Höhe über Nord- und Südamerika hinweg führte, wurden von Wissenschaftlern Luftproben entnommen und auf ihren Schadstoffgehalt hin untersucht.
Vielleicht haben die Einwohner Punta Arenas an der Südspitze Chiles an das 1970 von Simon & Garfunkel zu Weltruhm gebrachte Volkslied El cóndor pasa („Der Kondor fliegt vorüber“) gedacht, als sie die kleine HS.125 mit dem Condor-Logo im Heck am Himmel erblickten. Jedenfalls waren sie von dem Flugzeug mit seinem für sie so vertrauten Namen des berühmten Andenvogels so begeistert, dass sie dem exotischen Besucher aus Deutschland den Spitznamen „El Condorito“ („der kleine Kondor“) gaben. So wurde der knuffige Condor-Jet zu einem Sympathieträger für die Airline – nicht nur sprichwörtlich am anderen Ende der Welt.
Die EASA führt in ihrem Musterkennblatt 47 unterschiedliche Modelle dieses Businessjets auf, dessen Ur-Version DH.125 Series 1 am 31. August 1964 ihre Zulassung erhielt. Das erste Kundenflugzeug wurde am 10. September jenes Jahres übergeben.
Jet-Pionier de Havilland
Die Idee zu diesem Flugzeug hatte die britische de Havilland Aircraft Company (D.H.), die damals im zivilen Bereich mit „Comet“ und „Trident“ vertreten war. Als Nachfolgerin des Doppeldeckers Dragon Rapide erhielt sie zunächst den Beinamen Jet Dragon. Doch als der Prototyp der DH.125 mit dem Kennzeichen G-ARYA zu seinem Erstflug startete, war der Traditionshersteller de Havilland schon nicht mehr selbstständig, sondern eine noch unter dem alten Namen geführte Abteilung der Hawker Siddeley Group.
Zwei Jahre darauf verschwand die Marke endgültig. Infolge dessen wurden die ersten Serienflugzeuge von Hawker Siddeley als HS.125 ausgeliefert. Nach einer Fusion im britischen Flugzeugbau ging das Programm 1977 an British Aerospace (BAe) über und erhielt den Namen BAe 125.
In den achtziger Jahren wurde Beechcraft zu einem Verkaufspartner von BAe in den USA und bot den Business Jet als Beechcraft Hawker BH.125 an. Die Kooperation endete 1993, nachdem sich BAe von seinem Geschäftsbereich „Business Jets“ getrennt und diesen an die US-amerikanische Raytheon Corporation verkauft hatte.
Nachdem Raytheon ebenfalls Beechcraft übernahm, wurde der Jet jetzt unter dem Namen Hawker Beechcraft angeboten und weiterentwickelt. Im April 1998 erreichte das traditionsreiche Programm den Meilenstein von 1000 verkauften Flugzeugen.
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Hawker Beechcraft musste im Jahr 2012 Gläubigerschutz nach Chapter 11 beantragen, was im Februar 2013 zur Gründung einer neuen Beechcraft Corporation führte. Textron übernahm die Neugründung im Dezember jenes Jahres und verschmolz sie mit Cessna zur heutigen Textron Aviation.
Was die diversen Eigentümerwechsel für die „125“ bedeuteten, lässt sich an der Hawker 800 ablesen. Sie erblickte als British Aerospace BAe 125-800 im Jahr 1983 in Großbritannien das Licht der Welt. Nach dem Programmverkauf in die USA begründete sie die Hawker-800-Familie, bestehend aus Hawker 750, 800, 800XP, 850XP und 900XP. Deren Produktion endete 2013 nach rund 650 gebauten Exemplaren, was gleichzeitig das Ende der „125“-Baureihe bedeutete.
Bis zum Jahr 2012 wurden zirka 1700 Maschinen in Großbritannien und den USA in zivilen und militärischen Varianten produziert.
Nachdem sich der Beiname Jet Dragon nicht durchsetzen konnte, erhielt lediglich die militärische Ausführung der HS.125 mit Dominie eine Zusatzbezeichnung. Sie kam bei der Royal Air Force über viele Jahre vor allem als Navigationstrainer zum Einsatz. Weltweite Bekanntheit erreichte sie jedoch immer wieder in den Medien, wenn Königin Elizabeth II. und Prinz Philip mit den in Northolt nahe London stationierten HS.125 des Queen’s Flight zu Staatsbesuchen aufbrachen.
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