18.06.2014 Deutschlands zweitgrößte Airline kommt nicht aus den roten Zahlen. Sparen ohne Tabus war angekündigt, ein Konzept dazu steht aber aus. Über die Zeit rettet Air Berlin ausgerechnet ein früherer Mehdorn-Coup, mit viel Geld aus Abu Dhabi. London – Wenn bei der Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft Bibelverse bemüht werden, dann scheint die Not groß. Er wolle […]

18.06.2014

Deutschlands zweitgrößte Airline kommt nicht aus den roten Zahlen. Sparen ohne Tabus war angekündigt, ein Konzept dazu steht aber aus. Über die Zeit rettet Air Berlin ausgerechnet ein früherer Mehdorn-Coup, mit viel Geld aus Abu Dhabi.

London – Wenn bei der Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft Bibelverse bemüht werden, dann scheint die Not groß. Er wolle Psalm 23 zitieren, sagte Kleinaktionär Bernd Schuh aus Köln am Mittwoch bei der Hauptversammlung von Air Berlin in London. Etihad Airways aus Abu Dhabi sei angesichts einer weiteren Millionenspritze in die wirtschaftliche Blutbahn der zweitgrößten deutschen Fluglinie der «gute Hirte».

In der Tat: Solange der Großaktionär Etihad seine schützende Hand über Air Berlin hält, droht zumindest keine Pleite, meint Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. «Das ist das Beruhigende für die Aktionäre – und das Verdienst von Hartmut Mehdorn.» Auch wenn der Bibelbezug für die muslimischen Geldgeber aus Arabien ein wenig schräg daherkommen mag.

Als Übergangschef nach dem Abgang des Air-Berlin-Patriarchen Joachim Hunold hatte der heutige Berliner Flughafenchef Mehdorn die Staatsairline vom Golf an Bord geholt. Etihad gelang damit der Schritt auf den europäischen Markt, einen weiteren wollen die Araber mit dem geplanten Einstieg bei der ebenfalls kriselnden Alitalia schaffen. Bei Air Berlin könnten sie mit der neuen Finanzspritze ihren Anteil auf bis zu 70 Prozent erhöhen und haben enormen Einfluss. Allerdings dürfte diese Option kaum gezogen werden. «Etihad ist und bleibt Minderheitsanteileigner», sagte Vorstandschef Wolfgang Prock-Schauer.

Für vergleichsweise läppische 73 Millionen Euro konnten die Scheichs sich vor gut zwei Jahren bei Air Berlin einkaufen. Kredite von 195 Millionen Euro sagten sie damals zu, kauften den Berlinern später noch das Vielfliegerprogramm für 184 Millionen Euro ab und helfen in diesem Jahr mit 300 Millionen Euro über eine Wandelanleihe.

Große Sprünge kann Air Berlin damit nicht machen, das Geld und hoch verzinste eigene Anleihen halten das Unternehmen gerade so über Wasser. Finanzchef Ulf Hüttmeyer verwaltet nach fünf rot gefärbten Bilanzen in sechs Jahren einen Schuldenberg von knapp 800 Millionen Euro. Allein im vergangenen Jahr war ein Nettoverlust von 315 Millionen Euro aufgelaufen.

Wie also weiter? «Es fehlt ein Konzept», kritisiert Aktionärsschützer Kunert. Erhöht Etihad seine Anteile weiter, droht der Verlust von Start- und Landerechten, weil Air Berlin dann keine mehrheitlich europäische Airline mehr ist. Dass eines der Geschäftsfelder wegfällt, hat Prock-Schauer schon ausgeschlossen.

Der Air-Berlin-Chef gibt sich als Optimist, auch wenn der Umsatz nach einem Rückgang von fast vier Prozent im vergangenen Jahr im ersten Quartal erneut um 30 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahreszeitraum geschrumpft ist. Auch wenn der Preisdruck von Billigfliegern wie Ryanair und Easyjet eher noch größer werden wird, wie Prock-Schauer einräumt.

Air Berlin hatte bereits 15 seiner einst 155 Maschinen verkauft und 900 Stellen gestrichen, um auf der Kostenseite zu sparen. Weitere Stellenstreichungen sind nicht ausgeschlossen. Was auch immer komme, der Kunde werde weiterhin im Zentrum aller Überlegungen stehen, sagte Prock-Schauer. Einige Aktionäre fanden am Mittwoch, er rede die Situation schön. Das können allerdings die Anteilseigner auch selber. Martin Stutzbach aus Niedersachsen befand angesichts des auf unter 1,40 Euro abgestürzten Aktienkurses: «Air Berlin arbeitet daran, seinen Einstiegskurs noch attraktiver zu machen.»

(Burkhard Fraune und Michael Donhauser, dpa)