Frankfurt am Main Schlichtung oder bundesweiter Streik – die Lufthansa steht am Scheideweg. Die Flugbegleiter haben mit ihrer Eskalationsstrategie Millionenschäden angerichtet. Ihre Frist für einen flächendeckenden Ausstand läuft am Freitag ab. Viel schlimmer als am Dienstag könne es ja auch bei einem flächendeckenden Streik nicht mehr werden, tröstet sich der Lufthansa-Manager Peter Gerber. Seit 13 […]

Frankfurt am Main

Schlichtung oder bundesweiter Streik – die Lufthansa steht am Scheideweg. Die Flugbegleiter haben mit ihrer Eskalationsstrategie Millionenschäden angerichtet. Ihre Frist für einen flächendeckenden Ausstand läuft am Freitag ab.

Viel schlimmer als am Dienstag könne es ja auch bei einem flächendeckenden Streik nicht mehr werden, tröstet sich der Lufthansa-Manager Peter Gerber. Seit 13 Monaten verhandelt er mit der Gewerkschaft Ufo über die künftige Einkommensstruktur der rund 18 000 Flugbegleiter der Lufthansa. Nun steht er mitten in einem in der Unternehmensgeschichte beispiellosen Arbeitskampf. Doch es kann durchaus noch schlimmer kommen: Am Freitag stehen an die 600 Lufthansa-Verbindungen auf der Kippe – nach etwa 340 gestrichenen Flügen am Dienstag und 190 am Freitag vergangener Woche.

Die bisherigen Streikwellen haben Lufthansa hart getroffen, offenbar kennen die Flugbegleiter die Tücken der Planung sehr genau. Die ist ein kompliziertes Puzzle mit zahlreichen Variablen. So müssen Piloten und Crews auf die Flugzeugmuster zugelassen sein, sich nach komplexen Vorgaben ausgeruht haben und schließlich auch noch am richtigen Ort bereitstehen.

Das Gleiche gilt für die Jets, die nach einem Streik nicht immer dort stehen, wo sie gebraucht werden. Bei den Maschinen müssen außerdem scharfe Meilengrenzen für Inspektionen und Sicherheitschecks beachtet werden, bevor sie auf die mehrere Tage langen Umläufe geschickt werden. Die Pläne für die rund 1800 Lufthansa-Flüge am Tag sind in der Regel einen Monat im Voraus geplant.

Die Umläufe möglichst schnell wieder zu stabilisieren, ist für die Planer daher auch beim drohenden Streik am Freitag oberstes Ziel. «Wir wollen am Samstag wieder ein vernünftiges Netz anbieten», sagt Gerber. Zugutekommt den Netzwerkern die lange Vorwarnzeit, bislang hatten sie jeweils nur rund sechs Stunden Zeit für ihre Reaktion.

Der Manager zeigt sich von der Streikbeteiligung von geschätzten rund 80 Prozent der Crews beeindruckt. Auch finanziell ist der Streik für den Kranich-Konzern bislang schwer verdaulich: Zweistellige Millionenschäden haben Analysten von JP Morgan allein für das Passagiergeschäft errechnet, was Lufthansa allerdings bislang nicht kommentieren will.

Bedrohlicher ist ohnehin die Gefahr, dass die Lufthansa in den Köpfen der Vielflieger als Streik-Airline einsortiert wird. Tatsächlich leidet sie auch unter Arbeitskämpfen außerhalb ihres Einflusses, wenn etwa Lotsen der Flugsicherung oder Vorfeldmitarbeiter der Fraport für ihre Belange streiten.

Im Tarifstreit der Kabine haben sich die beteiligten Seiten ineinander verhakt, auch weil es in der globalisierten Branche immer weniger zu verteilen gibt. Wichtigster Konfliktpunkt neben der Tarifstruktur ist die neu zu gründende Direktflugtochter, in der bald rund 2000 Flugbegleiter fliegen sollen. 800 von ihnen stammen von der Lufthansa-Tochter Germanwings und sind schon heute deutlich niedrigere Tarife gewohnt. Die Lufthanseaten hätten nichts zu fürchten und behielten ihre alten Verträge, versucht Gerber zu beruhigen. Wie die meisten Sparvorschläge trifft auch diese Regel vor allem die Berufseinsteiger. Ufo sieht in der Konstruktion das Einfalltor für niedrigere Tarifstrukturen im gesamten Unternehmen.

Noch gibt es Hoffnung auf erneute Verhandlungen oder eine Schlichtung, die Ufo auch noch nach der Urabstimmung verlangt und Lufthansa bislang zumindest nicht kategorisch abgelehnt hat. Über die Direkttochter will man allerdings auf keinen Fall reden. Doch auch ohne das sperrigste Thema dürften die Erwartungen nicht allzu hoch sein, schließlich hat das vorerst letzte Schlichtungsverfahren der SPD-Politikerin Heide Simonis nur einen kurzen Burgfrieden gebracht. Im Januar 2011 wurde ein kurzer Lohnstopp vereinbart und einige Pausenregelungen im Manteltarif geändert. Die schwierigste und auch jetzt wieder anstehende Frage der Tarifstruktur blieb aber ausgeklammert. Das würde dieses Mal kaum reichen.

Christian Ebner, dpa