Berlin Als Bahnchef erkämpfte er Sanierungserfolge und wurde zum Buhmann für etliche Kritiker. An seinem 70. Geburtstag will Hartmut Mehdorn – nun in Sanierungsmission bei Air Berlin – aber einmal entspannt feiern. Wenn es nur einigermaßen nach Plan gelaufen wäre: An der Börse gäbe es Aktien der Deutschen Bahn. Bei Air Berlin säße wohl ein […]

Berlin

Als Bahnchef erkämpfte er Sanierungserfolge und wurde zum Buhmann für etliche Kritiker. An seinem 70. Geburtstag will Hartmut Mehdorn – nun in Sanierungsmission bei Air Berlin – aber einmal entspannt feiern.

Wenn es nur einigermaßen nach Plan gelaufen wäre: An der Börse gäbe es Aktien der Deutschen Bahn. Bei Air Berlin säße wohl ein anderer Kapitän im Cockpit. Und Hartmut Mehdorn – allzeit kampfbereiter Ingenieur, ausgewiesener Sanierer, Reizfigur – könnte seinen 70. Geburtstag diesen Dienstag (31. Juli) mit Sicherheit bedeutend ruhiger feiern. An der Spitze der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft ringt er aber gerade schon wieder hart darum, rote Zahlen in schwarze zu verwandeln. Genau wie einst als Chef der Bahn, bei der Mehdorn eine Ära prägte und doch unrühmlich abtreten musste.

Mit der Rettungsmission bei der Hauptstadt-Airline kann es der bekennende Berliner seinen Kritikern noch einmal zeigen. Der Job mache ihm Spaß, sagt Mehdorn, der vor knapp einem Jahr für den am Ende glücklosen Firmenpatriarchen Joachim Hunold einsprang. «Obwohl oder vielleicht gerade weil die Aufgabe komplex ist.» Dabei gelte nun seine volle Leidenschaft der Herausforderung bei Air Berlin, ohne heimliche Gedanken an die Vergangenheit als oberster Eisenbahner. «Halbe Sachen gibt es bei mir nicht.»

Verflogen ist Mehdorns Erbe bei der Bahn indes nicht. Auch wenn es schon drei Jahre her ist, dass er – über eine verheerende Affäre um Massenkontrollen von Mitarbeiterdaten – als Konzernchef stürzte. Das hätte er sonst bis Mai 2011 bleiben können. Vom damaligen Kanzler Gerhard Schröder 1999 von Heidelberger Druck geholt, trimmte Mehdorn die einstige Behörde über knapp zehn Jahre auf eine ehrgeizige neue Strategie. Aus der nationalen Bahn wurde ein globaler Transporteur, der auch in der Luft, zur See und auf der Straße Fracht bewegt. Das gilt bis jetzt. Mehdorns Sanierungs-Schlussbilanz 2008: aus operativ 1,5 Milliarden Euro Verlust wurden 2,5 Milliarden Euro Gewinn.

Geblieben ist allerdings auch die Schar der Kritiker, weil er das letzte große Staatsunternehmen gegen starke Widerstände in Richtung Börse lenkte. Investitionen in Schienennetz und Züge seien deswegen vernachlässigt worden, wettern Politiker, Verbände und Gewerkschafter noch heute und zeigen auf Spätfolgen wie das Technikdebakel bei der S- Bahn Berlin oder störanfällige ICEs. «Mein Vorstand hat die Bahn nicht kaputtgespart, wir haben sie saniert», wehrte sich Mehdorn noch als Bahner außer Diensten.

Für sein großes Ziel legte sich der Manager («Diplomat wollte ich nie werden») regelmäßig an und musste auch Niederlagen einstecken. Brenzlig wurde es etwa 2003, als er ein neues Preissystem nach einem Proteststurm nach wenigen Monaten einkassieren musste. Mit dem Boss der Lokführergewerkschaft GDL, Manfred Schell, lieferte sich Mehdorn 2007/2008 eine beispiellose Tarifschlacht, die Millionen Fahrgäste über Monate in Atem hielt. Seine Sehnsucht, den Einfluss der Politik zu verringern und die Bahn zu einem «normalen Unternehmen» zu machen, blieb unerreicht – einen ersten Anlauf an die Börse stoppte der Bund 2004, den zweiten verhagelte ihm 2008 kurz vorm Ziel die Finanzkrise.

Am Kapitalmarkt gelandet ist Mehdorn nun immerhin bei Air Berlin, auch wenn alles ein paar Nummern kleiner ist und die Aktie nicht gerade im Höhenflug. Mit dem Einstieg der arabischen Airline Etihad als Großaktionär gelang ihm ein Coup, der Stabilität in bedrohlichen Turbulenzen bringen soll. «Wir haben keine Wahl, wir müssen da jetzt durch», lautet Mehdorns Maxime.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich ein fest einkalkulierter Impuls verspätet. Weil die Eröffnung des Berliner Hauptstadtflughafens im Juni platzte, kann Air Berlin mit seinem dort geplanten Umsteiger-Drehkreuz nicht loslegen. Mehdorn muss nun hoffen, dass der Ersatztermin im März 2013 gehalten wird.

Da passt es gut, dass die Luftfahrt Mehdorns alte Leidenschaft ist. Als Chef von Airbus Deutschland (1989 bis 1992) lernte er einst auch Rüdiger Grube kennen, der ihm an der Spitze der Bahn folgte. Immer imponiert habe ihm Mehdorns «dynamische Art, mit der er jede neue Herausforderung erfolgreich gemeistert hat», sagt Grube zum Geburtstag. Er selbst griff nach der Datenaffäre hart im Konzern durch und setzte bei der Bahn neue Akzente, ohne allzu demonstrativ auf Anti-Mehdorn-Kurs zu gehen. Milliarden-Investitionen sollen das «Brot- und Buttergeschäft» der Züge endlich zuverlässiger machen, Dauerkrach mit der Politik ist passé – wie ein baldiger Börsengang.

Streitlust pflegt Mehdorn verhalten weiter und macht hartnäckig Front gegen die Ticketsteuer der Bundesregierung, die bei Air Berlin ins Kontor schlägt. Den Geburtstag will er in Frankreich feiern, dem Heimatland seiner Frau Hélène, mit den Kindern und Enkeln. Vollendet sieht er seine Aufgaben selbst noch nicht. Das Geburtsdatum sei doch sekundär, wenn man sich dem Druck als Manager mental und körperlich gewachsen fühle, sagt Mehdorn. «Warum soll ich damit aufhören?»

Sascha Meyer, dpa