Sackgasse statt Traumjob - Lufthansa-Flugschüler unzufrieden

24.05.2015

Der Weg in den KTV ist im Moment versperrt, die letzte Einstellung datiert laut Lufthansa aus dem Vorjahr, auch die Ausbildung in Bremen liegt auf Eis. Bild: shutterstock

Unter den Flugschülern der Lufthansa macht sich Frust breit. Kurz vor der Festanstellung bremst das Unternehmen den Nachwuchs aus, weil der Bedarf überschätzt wurde.

Frankfurt/Main (dpa) - «Die Zukunft liegt wie ein schwarzes Loch vor einem.» Das sagt nicht etwa ein Schulabbrecher ohne Lehrstelle, sondern ein fast fertiger Pilot, ausgebildet an der Lufthansa-Verkehrsfliegerschule in Bremen. Der größte Luftverkehrskonzern Europas hat in seiner schrumpfenden Flotte derzeit keine Verwendung für den teuer ausgebildeten Nachwuchs, so dass sich unter den knapp 900 Flugschülern in den unterschiedlichen Ausbildungsstufen Frust und Angst um die persönliche Zukunft breit gemacht haben. Inzwischen ist die Situation zu einem offenen Konflikt herangereift, den Lufthansa nun auf Vorstandsebene befrieden will.

Dem Himmel so nah wähnten sich die Flugschüler bereits, als sie überhaupt zu der anspruchsvollen Ausbildung angenommen worden waren. Nur rund 6 Prozent der jährlich an die 7000 Bewerber bestehen den DLR-Härtetest, wo neben technischem und naturwissenschaftlichem Verständnis insbesondere die Teamfähigkeit abgeklopft wird. Nach der strengen Vorauswahl gibt in der Ausbildung kaum noch wer auf oder stellt sich als ungeeignet heraus, so dass der Weg der jungen Flugschüler in der Vergangenheit meist direkt in die Cockpits der Lufthansa-Jets führte. Das dauerte zwar auch meist länger als die versprochenen 29 bis 33 Monate, aber am Ende lockte immer der sichere Traumjob, der innerhalb des Lufthansa-Konzerntarifvertrags (KTV) auch noch sehr gut bezahlt wurde.

«Wir brauchen die jungen Leute eines Tages dringend», sagt der Lufthansa-Manager und Flugkapitän Stefan Thilo Schmidt, Leiter der Nachwuchsgewinnung bei der Airline. Doch im Moment müsse Lufthansa erstmals in ihrer Geschichte mit den Folgen einer schrumpfenden Flotte zurechtkommen. Gleichzeitig gehen die vorhandenen Piloten später in den Ruhestand, da sie inzwischen bis ins Alter von 65 Jahren fliegen dürfen, statt wie früher bis 60. «Im Moment haben wir keinen Bedarf im Konzerntarifvertrag. (...) Wir haben Schüler aufgenommen für Flieger, die wir derzeit gar nicht haben.»

Ohnehin ist der Konzerntarifvertrag, nach dem noch gut die Hälfte der Piloten im weiten Lufthansa-Reich bezahlt wird, nicht das Segment, das Lufthansa-Chef Carsten Spohr für besonders zukunftsträchtig hält. Jahresgrundgehälter von bis zu 250 000 Euro plus etlicher Zulagen und Pensionszusagen seien nicht mehr konkurrenzfähig, glaubt Spohr und will unter der Dachmarke «Eurowings» ein konzerneigenes Billigangebot mit deutlich niedrigeren Gehaltstarifen nicht nur für die Piloten etablieren. An diesem Punkt hat sich der erbitterte Tarifstreit mit der Pilotengewerkschaft «Vereinigung Cockpit» zugespitzt, der bereits zu zwölf Streiks geführt hat und derzeit geschlichtet werden soll.

Der Weg in den KTV ist im Moment versperrt, die letzte Einstellung datiert laut Lufthansa aus dem Vorjahr, auch die Ausbildung in Bremen liegt auf Eis. Aktuell gibt es fertig ausgebildete Flugschüler, die vor fünf Jahren mit ihrer Ausbildung begonnen haben. Mit ihrer bislang erworbenen Qualifikation, der Multi-Pilot-Lizenz, können sie außerhalb der Lufthansa nichts anfangen. Denn noch fehlt ihnen das Training im Flugbetrieb, das «Line-Training», das sie bei Lufthansa erst mit dem Arbeitsvertrag erhalten. Nur in Ausnahmen, die vom Luftfahrtbundesamt genehmigt werden müssen, dürfen die Bremer Schüler als Co-Piloten bei anderen Gesellschaften im Lufthansa-Konzern fliegen - zu schlechteren wirtschaftlichen Bedingungen.

Der Frust bei den Betroffenen steckt tief. «Dieser schlechte Umgang mit uns ist nur möglich, weil es halt so ein Traum ist», sagt ein Flugschüler. Einige Absolventen in Bremen erzählen, dass sie gedrängt worden seien, die Pilotenausbildung umgehend zu beginnen. Nicht wenige haben dafür ihr Studium abgebrochen oder einen bereits erlernten Beruf aufgegeben. «Jetzt bin ich ein Abiturient mit Führerschein und hohen Schulden. Das habe ich mir anders vorgestellt», klagt ein 30 Jahre alter Betroffener. «Ich bin völlig abhängig, was mir von dem Laden angeboten wird.»

Auch die Kooperation mit dem Arbeitgeber in spe während der langen Wartezeiten läuft nach Aussagen der Flugschüler alles andere als reibungslos. Die besten kurzfristigen Verdienstmöglichkeiten böte noch der Job als Flugbegleiter, den tatsächlich auch viele angehende Piloten annehmen würden. Doch bei der Einstellung gebe es keine bevorzugte Behandlung, manche würden sogar als ungeeignet abgelehnt.

Für böses Blut unter den Schülern hat ein Vorschlag des Unternehmens gesorgt, der darauf hinausläuft, dass sich einzelne Schüler aus dem auch für sie unbefriedigenden Ausbildungsverhältnis herauskaufen sollen. Wegen der hohen Ausbildungskosten von bis zu 200 000 Euro pro Person waren in der Vergangenheit über Darlehen finanzierte Eigenanteile der Flugschüler üblich. Wer schließlich bei Lufthansa landete, musste in seinem Berufsleben rund 60 000 Euro zurückzahlen und wer einen Job im KTV ablehnte, um woanders Pilot zu werden, musste sogar die gesamten Kosten bezahlen.

Nun hat Lufthansa ein drei-stufiges Modell vorgeschlagen, nach dem ausscheidende Flugschüler bis zu 60 000 Euro zahlen sollen, sozusagen als Gegenwert für die erhaltene Ausbildung. Der Rücklauf ist bislang bescheiden, wie aus dem Unternehmen zu hören ist. Man wolle die Leute nicht loswerden, beteuert Nachwuchs-Chef Schmidt. «Das ist gedacht als Möglichkeit zum Ausstieg für Leute mit anderen Perspektiven, die nicht warten wollen, bis eine Stelle im Konzern frei wird.»

Über einen eigens gebildeten Rat der Nachwuchsflugzeugführer (NFF-Rat) haben die Schüler ihre Sorgen in der gesamten Lufthansa publik gemacht. Die Gewerkschaft VC unterstützt sie, kann aber auch keine Lösung präsentieren. «So sollte man mit dem Nachwuchs nicht umgehen. Man kann sie nicht auf ewig hinhalten», sagt VC-Sprecher Markus Wahl. Eine Lösung müsse auch am Tariftisch gefunden werden. Zum Monatsende schaltet sich die Unternehmensspitze ein. Lufthansa-Chef Spohr und seine fürs Personal zuständige Vorstandskollegin Bettina Volkens wollen sich die Sorgen der Flugschüler in Seeheim bei Frankfurt persönlich anhören.

Christian Ebner, dpa 

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