Arbeitshosen in modisch–dezenten Petrolfarben, auf dem Hemd das Firmensymbol mit – wie kann es anders sein – der Silhouette eines Verkehrsflugzeugs: In dieser Bekleidung finden sich Mitarbeiter des Hamburger Luftfahrtdienstleisters Vartan in Seattle, Toulouse, Tianjin, Mobile … praktisch jeder Endmontagelinie der Welt ist dabei. Was einst als Ein-Mann-Betrieb begann, ist zu einem globalen Player mit über 400 Mitarbeitern geworden.
 Firmengründer Herant Vartan war als Kabinenmechaniker bei Lufthansa Technik tätig, bevor er zum Kabinenausstatter Albert Mühlenberg Apparatebau wechselte.

Der hatte 1995 gerade den Zuschlag bei einer Lufthansa-Ausschreibung für die Ausstattung der ersten Airbus 330 und 340 erhalten. Herant Vartan sollte sich am Airbus-Standort im französischen Toulouse um die Mühlenberg-Produkte kümmern. Er sorgte dafür, dass die Kabinenteile ordentlich eingebaut wurden, organisierte bei Problemen rasche Nacharbeit und beschaffte schnell Ersatzteile, wenn das nötig war. 
Die Arbeit des engagierten Mechanikers kamen bei Airline und Hersteller gut an. Es trug zum guten Image des Zulieferers bei, das der in Toulouse genoss.

Es muss weitergehen

Airbus hatte keine Probleme im Fertigungsprozess; Lufthansa war zufrieden, weil Schwierigkeiten umgehend gelöst wurden und die Flugzeuge dadurch ohne Verzögerungen in der Produktionstaktung bleiben konnten.
 Zwei Jahre später beschloss Herant Vartan, sich mit seiner Service-Dienstleistung selbständig zu machen. Mühlenberg, so hatte er gelernt, war nicht das einzige Unternehmen, das Unterstützung vor Ort brauchen konnte, also direkt im Werk des Flugzeugherstellers während des Einbaus der zugelieferten Komponenten.

Dieser On-Site Support sorgte dafür, dass das Produkt eines Zulieferers beim Flugzeugbauer nicht negativ auffällt, weil es Verzögerungen verursacht. Probleme kann es allerdings trotz größter Sorgfalt rasch geben – etwa, wenn Teile auf dem Transportweg beschädigt werden, bei der Produktion Fehler unterlaufen sind oder die Installation mal nicht so klappt, wie es vorgesehen war. Entscheidend ist, wie diese Probleme gelöst werden, wenn sie auftreten. Genau diesen Service bietet Vartan – inzwischen mit 400 Mitarbeitern. „Unsere Aufgabe ist, die handwerkliche Tätigkeit zu erledigen, die dafür sorgt, dass der Flieger getaktet werden kann und das Produkt unseres Kunden gut aussieht“, sagt Henk Fischer, Chief Commercial Officer von Vartan.

Endkontrolle von Sitzlehnen 
in der Vartan-Werkstatt

Kommt es bei der Integration von Bauteilen in der Flugzeug-Endmontage zu Schwierigkeiten, kann es schon mal sein, dass zwischen Zulieferer, Airline und Flugzeughersteller hitzige Debatten über die Schuldfrage entstehen. „Dann ziehen wir mit allen Unterlagen los, kümmern uns um das Problem und lassen die Betroffenen erstmal in Ruhe weiterdiskutieren. Wenn wir dann drei Stunden später wieder die Papiere auf den Tisch legen und den Parteien eröffnen, dass das Problem gelöst ist und der Flieger weitergetaktet werden kann, sind alle gleich viel entspannter“, erklärt Fischer, dem diese Position des Problemlösers sehr gefällt. „Aus der Politik halten wir uns raus. Wir sind die, die Ruhe reinbringen.“

Herant Vartan hat sich aus dem Unternehmen mittlerweile völlig zurückgezogen. Die Nachfolge im Familienunternehmen ist auch schon längst geregelt: Vartans Sohn Christian hat übernommen. Er kam 2006 zur Firma des Vaters, nachdem er bei Airbus eine Ausbildung zum Industriekaufmann absolviert hatte. Als CEO hat Christian Vartan durch frühzeitige Entscheidungen maßgeblich die Internationalisierung der Firma vorangetrieben. 
So hat das Unternehmen innerhalb von knapp eineinhalb Jahrzehnten beinahe alle zwei Jahre Zweigstellen an Standorten in der ganzen Welt eröffnet, an vielen war der Geschäftsführer selbst monatelang vor Ort, um sie aufzubauen.

Generationswechsel

Dabei blieb Vartan selten eine Wahl: Um eine Repräsentanz ihrer Kunden zu garantieren, musste die Firma den Flugzeugbauern und ihre Globalisierungspolitik folgen – bei Airbus beispielsweise außer nach Toulouse und Hamburg auch nach Mobile im US-Bundesstaat Alabama oder ins chinesische Tianjin. Heute ist das Unternehmen an jedem Endmontage-Standort von Boeing, Airbus und Bombardier vertreten. Hinzu kommt in Melbourne im US-Bundesstaat Florida eine Vertretung bei der Business-Jet-Sparte des brasilianischen Herstellers Embraer. Aufträge in Deutschland tragen inzwischen noch rund 25 Prozent zum Gesamtumsatz bei.

Sehr schnell bemerkte Vartan, dass man sich als deutsche GmbH im Ausland oft schwer tut. Deshalb gründete das Unternehmen für die Standorte in den USA, Kanada, Frankreich und China jeweils eigene Landesgesellschaften. Dass die Zentrale in Hamburg dabei sowohl Muttergesellschaft als auch im operativen Geschäft tätig war, erwies sich bald als umständlich. „Man hatte als Vartan Deutschland immer unterschiedliche Hüte auf“, schildert Henk Fischer bildlich. Deshalb sind heute alle Tochterfirmen in einer Holding namens Vartan Aviation Group organisiert.

Umorganisation als Holding

Vartans Kundenbasis hat sich dabei immer mehr vergrößert: 2008 kam Tianjin hinzu. Weil es für die Zulieferer oft wenig Sinn machte, an Standorten mit geringen Produktionsraten wie dem in China eigene Mitarbeiter zu entsenden, gewann dort Vartan auf den Schlag gleich mehrere neue Kunden hinzu. Heute betreut das Unternehmen rund 55 Firmen der Zulieferbranche, die Liste der Referenzen beinhaltet, unter vielen anderen, Branchengrößen wie Diehl Aerosystems, Zodiac Aerospace und Lufthansa Technik oder Sitzhersteller wie Recaro und ZIM Flugsitze.

Gewachsen ist das Unternehmen dabei vor allem im Bereich Kabine. „Das ist nach wie vor unser Steckenpferd“, so Fischer. Weil dort immer mehr leichte Materialien in Faserverbundtechnologie eingesetzt wurden, hat sich Vartan aber auch Kompetenzen bei der Behandlung dieser Materialien erworben. Die lassen sich auf andere Flugzeug-Bauteile außerhalb der Kabine übertragen, etwa bei Reparaturen an Composite-Ruderflächen. Dennoch machen Aufträge im Kabinenbereich nach wie vor rund 80 Prozent des Umsatzes aus. „Bei den sogenannten Aero Structures sehen wir noch Wachstum“, sagt Fischer.

Vor-Ort-Unterstützung
 bietet Vartan auch fernab 
der Endmontagelinien

Die Strategie bei der Erweiterung der Firma folgt stets demselben, bewährten Schema: Vartan mietet ein Büro an der Endmontagelinie, ein oder zwei erfahrene Mechaniker beginnen am neuen Standort und arbeiten weitere, meist einheimische Kräfte an. Eine Chance haben dabei auch Branchenfremde. „Einer unserer besten Mitarbeiter hatte ursprünglich eine Ausbildung als Zahntechniker“, erzählt Fischer. Die Kenntnisse über die luftfahrttypischen Aufgaben hält er für erlernbar, gewisse Charaktereigenschaften der Mitarbeiter dagegen für unabdingbar:

„Wir sind als Dienstleister austauschbar, weil wir kein Produkt haben. Was wir liefern, sind gute, erfahrene Leute – und noch viel wichtiger: Flexibilität, das Engagement, sich um Sachen zu kümmern, vorauszudenken, auch die Kollegen zu berücksichtigen. Wir nennen das den Vartan-Spirit.“ 
Für Flugzeughersteller, Zulieferer und Airline-Kunden ist das Engagement eines On-Site Supports wie dem von Vartan ein Gewinn für alle Beteiligten. Gegenüber dem Hersteller vertritt der Dienstleister als einziger Ansprechpartner meist gleich mehrere Zulieferer. Die profitieren vom Wissen des Dienstleisters um größere Zusammenhänge. Gerade bei der Zusammenarbeit zwischen kleineren Unternehmen und den Herstellern mit ihrer Konzernstruktur kann der On-Site Support vermittelnd agieren.

Kabine ist das Hauptgeschäft

Schließlich hat der Dienstleister einen guten Überblick über die unterschiedliche Wahrnehmung verschiedener Airline-Kunden und ein Bewusstsein für deren Anforderungen.
 Doch On-Site Support ist längst nicht mehr das einzige Standbein des Unternehmens. „Center of Excellence“ nennt Vartan seinen Geschäftsbereich, bei dem es als „verlängerte Werkbank“ Produktionsspitzen für Kunden abfedert, indem es über einen begrenzte Zeitspanne Bauteile für sie fertigt. Beim Besuch von Aero International in den Hamburger Vartan–Werkstätten waren es gerade Kabinenwände.

„Die Werkstätten sind sehr flexibel eingerichtet, sodass wir unterschiedlichste Arbeiten erledigen können“, sagt Fischer. Weiteres Potenzial sieht er in der Maintenannce, etwa bei der Überholung von Sitzen. Für den Geschäftszweig der Kabinenüberholung hat Vartan in Hamburg bereits einen nach Part 145 zertifizierten EASA-Wartungsbetrieb.
 Die Aussichten sind gut: Je mehr Flugzeuge weltweit gebaut werden, umso größer ist der Bedarf nach den Dienstleistungen, die Vartan bietet.

Text: Christof Brenner, Fotos: Vartan Aviation Group, AERO INTERNATIONAL 4/2019