Ein Klassiker vor dem Aus: Boeing zieht bei seinem einst größten Passagierjet der Welt nach über 50 Jahren den Stecker.

Die Nachfrage nach dem Jumbo 747 ist einfach zu gering – und Probleme hat der US-Flugzeugbauer derzeit ohnehin genug.

Nach dem Aus für den Riesenflieger Airbus A380 steht auch Boeings Jumbo-Jet 747 das Ende bevor. Der Flugzeugbauer aus den USA stellt die Produktion des einst als «Königin der Lüfte» gefeierten Flugzeugs nach mehr als 50 Jahren ein. Die letzte 747 werde im Jahr 2022 gebaut, kündigte Boeing am Mittwoch in Chicago an. Überraschend kommt das Aus nicht: Boeing erwog schon seit Jahren, den Jumbo mangels Nachfrage einzustampfen.

Konzernchef Dave Calhoun begründete die Entscheidung mit der derzeitigen Marktentwicklung. Zuletzt lag die Produktionsrate nur noch bei mageren 6 Maschinen pro Jahr. Außerdem wurde das Modell praktisch nur noch als Frachtflugzeug gebaut – und in einer Sonderversion als US-Regierungsjet Air Force One.

Von der jüngsten Passagierversion 747-8, mit der Boeing nach der Jahrtausendwende gegen den noch größeren Airbus A380 punkten wollte, wurden lediglich 47 Exemplare bestellt. Davon gehören allein 19 der Lufthansa – und die hat wegen der Corona-Krise derzeit nur acht davon im Einsatz. Der Rest steht am Boden, ebenso wie 13 ältere Exemplare vom Typ 747-400.

Die IAG-Tochter British Airways beschloss Mitte Juli sogar, ihre 747-Flotte mit sofortiger Wirkung stillzulegen. Das Management fürchtet, dass es die großen Maschinen nach dem weitgehenden Zusammenbruch des weltweiten Luftverkehrs absehbar nicht mehr voll bekommt. Die Maschinen mit ihren vier Triebwerken gelten vielen Airlines inzwischen als zu teuer im Betrieb. Zudem lassen sie sich nur auf vielgefragten Strecken auslasten.

Das gleiche Problem gibt es auch mit dem doppelstöckigen Airbus A380, der Boeings Jumbo nach der Jahrtausendwende mit Platz für bis zu 853 Passagiere als größtes Passagierflugzeug der Welt ablöste. Anfang 2019 beschloss die Airbus-Führung, die Produktion des Jets mangels Nachfrage im Jahr 2021 auslaufen zu lassen – nur rund 14 Jahre nach seinem ersten Linienflug.

Boeings Jumbo hielt deutlich länger durch. Der einst größte Passagierjet der Welt mit Platz für bis zu 550 Passagiere hatte seinen Jungfernflug 1969 absolviert, rund ein Jahr später ging das erste Exemplar bei der damaligen US-Fluggesellschaft PanAm in den Liniendienst. Mit der jüngsten Variante 747-8, die über ein längeres Oberdeck, neue Tragflächen sowie sparsamere Triebwerke verfügte und Platz für mehr als 600 Passagiere bietet, konnte Boeing allerdings nur noch bei wenigen Airlines punkten. Inzwischen setzen die meisten Fluggesellschaften auf der Langstrecke auf nicht ganz so große Modelle wie die Boeing-Typen 787 «Dreamliner» und 777 sowie den Airbus A350. Sie sind weniger spritdurstig, günstiger in der Wartung und eignen sich auch für nicht ganz so stark gefragte Verbindungen.

Zudem ist Boeing schwer angeschlagen und muss sparen. Die Corona-Pandemie und das Debakel um den nach zwei Abstürzen mit Flugverboten belegten Krisenjet 737 Max haben Boeing tief in die roten Zahlen gebracht. Im zweiten Quartal stand unter dem Strich ein Verlust von rund 2,4 Milliarden Dollar (gut 2 Mrd Euro), wie der US-Luftfahrtriese mitteilte. Vor einem Jahr hatten hohe Sonderkosten wegen des Unglücksfliegers 737 Max dem Konzern ein Rekordminus von 2,9 Milliarden Dollar eingebrockt. Der Umsatz fiel verglichen mit dem Vorjahreswert um ein Viertel auf 11,8 Milliarden Dollar.

Boeing-Chef Dave Calhoun bezeichnete die vergangenen Monate in einem Memo an die Mitarbeiter als beispiellos und warnte, dass die Belastungen durch die Corona-Krise noch nicht vorbei seien. «Die Herausforderungen, denen wir als Unternehmen gegenüber stehen, sind nicht ausgestanden». Der Quartalsverlust des Airbus-Erzrivalen fiel etwa doppelt so hoch aus wie von Analysten erwartet. Immerhin: Mit 5,3 Milliarden Dollar verbrannte der Konzern im abgelaufenen Vierteljahr im Tagesgeschäft weniger Geld als befürchtet.

Jetzt will Boeing die Produktion seiner Langstreckenjets noch weiter zurückfahren. So sollen im kommenden Jahr monatlich nur noch sechs Exemplare des Langstreckenjets 787 «Dreamliner» fertiggestellt werden. Die Produktion der noch größeren Boeing 777 und ihrer Neuauflage 777X soll auf zwei Maschinen pro Monat sinken. Die Auslieferung der ersten 777X erwartet Boeing nun erst im Jahr 2022, damit wird die Premiere erneut verschoben.

Die Corona-Krise dürfte den Luftverkehr und damit auch Boeing noch länger stark belasten. Im ersten Halbjahr stornierten Airlines zahlreiche Aufträge. Angesichts der erneuten Corona-Eskalation in einigen US-Bundesstaaten und anderen Teilen der Welt ist keine rasche Erholung in Sicht. «Die Realität ist, dass die Auswirkungen der Pandemie auf die Luftfahrt weiterhin schwerwiegend sind», erklärte Boeing-Chef Calhoun.

Hoffnung gibt es zumindest beim wichtigsten Modell 737 Max, das wegen zweier Abstürze mit insgesamt 346 Toten seit über einem Jahr nicht starten darf und nicht ausgeliefert werden kann. Hier rechnet das Boeing-Management mit einer baldigen Wiederinbetriebnahme, die US-Luftfahrtbehörde hatte zuletzt die Schlussphase des Verfahrens zur Wiederzulassung eingeleitet. Der Zeitpunkt ist dennoch unglücklich, denn ausgerechnet jetzt lässt die Corona-Pandemie die Nachfrage nach neuen Jets wegbrechen, so dass viele Bestellungen ungewiss sind.

Die 737-Max-Abstürze haben zudem das Vertrauen in Boeing erschüttert und enorm am Image des Unternehmens gekratzt, das bis dahin als erfolgsverwöhnter Vorzeigekonzern und Triebkraft der US-Wirtschaft galt. Als Unfallursache wurde in den bisherigen Untersuchungsberichten eine defekte Steuerungssoftware ausgemacht. Boeing steht im Verdacht, die 737 Max überstürzt auf den Markt gebracht und die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Der Ruf dürfte sich auch bei einer Wiederzulassung so schnell nicht erholen.

dpa