Virtual Tower: Flugsicherung per VR-Brille soll marktreif werden
Fluglotsen mit VR-Brille statt Towerkanzel: Das DLR übergibt sein Virtual-Tower-Konzept an QUANTOM. Was das für kleine Flugplätze bedeuten kann.
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gibt sein Virtual-Tower-Konzept an das Technologieunternehmen QUANTOM ab. Ab Oktober 2026 soll aus dem Forschungsprototyp ein kommerzielles Produkt werden. Profitieren könnten vor allem kleinere und regionale Flugplätze.
Wer heute einen Flugplatz aus der Ferne kontrolliert, sitzt in der Regel vor einer Wand aus Bildschirmen. Remote-Tower-Systeme sind längst im Einsatz, in Deutschland etwa betreut die DFS den Flughafen Saarbrücken seit 2018 aus einem Center in Leipzig. Doch die Technik ist aufwendig: Kameras, Monitore, Bedienkonsolen und ein fest eingerichteter Arbeitsplatz verursachen erhebliche Kosten. Genau hier setzt das Konzept an, das am DLR-Institut für Flugführung in Braunschweig entstanden ist.
Virtual Tower: Arbeitsplatz im VR-Headset
Der Ansatz geht einen Schritt weiter als der klassische Remote Tower. Statt in einem physisch ausgestatteten Raum zu arbeiten, tragen Fluglotsen oder Mitarbeitende des Fluginformationsdienstes ein VR-Headset. Darin laufen alle relevanten Informationen zusammen: die Außensicht auf Vorfeld und Piste, Anzeigen der Flugsicherungssysteme und die nötigen Bedienfunktionen.
Laut Jörn Jakobi vom DLR-Institut für Flugführung war das Ziel der Forschung, Remote-Tower-Arbeitsplätze flexibler und mit deutlich weniger Infrastruktur umzusetzen. Der Arbeitsplatz ist damit nicht mehr an einen bestimmten Standort mit umfangreicher Hardware gebunden.
Chancen für regionale Flugplätze
Gerade kleinere Plätze stehen unter wirtschaftlichem Druck. Ein besetzter Tower rechnet sich dort oft nur zu bestimmten Zeiten, die Betriebszeiten sind entsprechend eingeschränkt. Ein Virtual Tower könnte diese Rechnung verändern. Gebäude, fest installierte Konsolen und Technik vor Ort ließen sich reduzieren, Personal könnte standortübergreifend eingesetzt werden.
Denkbar ist etwa, dass sich mehrere Flugplätze Ressourcen teilen. Ein Lotse könnte je nach Bedarf unterschiedliche Plätze betreuen, ohne dass an jedem Standort dauerhaft Kapazitäten vorgehalten werden müssen. Auch höherwertige Dienste ließen sich nur dann aktivieren, wenn sie tatsächlich gebraucht werden.
Praktisch relevant wird das bei kurzfristigen Anfragen außerhalb der regulären Öffnungszeiten. Das DLR nennt Organ- und Patiententransporte, Rettungs- und Katastrophenschutzflüge, Geschäfts- und Charterverkehr sowie Ausweichlandungen, wenn größere Flughäfen kurzfristig nicht anfliegbar sind.
Vom Forschungsprototyp zum Virtual-Tower-Produkt
Mit dem Technologietransfer übernimmt QUANTOM die weitere Entwicklung. Geschäftsführer Tom Tapken sieht in der Technik die Möglichkeit, Remote-Tower-Lösungen auch für Flugplätze und Dienstleister zu erschließen, für die sie bislang zu teuer oder zu aufwendig waren. Das Unternehmen will die Technologie nun für den praktischen Einsatz vorbereiten.
Offen bleibt, wann ein erstes System in den Regelbetrieb gehen könnte. Neben der technischen Reife dürfte vor allem die Zulassung eine Rolle spielen: Flugsicherungsdienste unterliegen strengen regulatorischen Anforderungen, und ein Arbeitsplatz im VR-Headset wirft Fragen etwa zu Ergonomie, Ausfallsicherheit und Arbeitsbelastung über lange Schichten auf.
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