Joschka Fischer: „Werdet Teil der Diplomatie“
Der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer sprach auf der ITB Berlin 2026 zu den aktuellen Ereignissen in Nahost. Was sind die Kernaussagen?
Die ITB Berlin 2026 wird von den aktuellen Ereignissen in Nahost ungeplant überschattet. Nicht allein, dass zahlreiche Vertreter der Golfcarrier aus verständlichen Gründen in diesem Jahr nicht nach Berlin reisen konnten und sich insbesondere in der Halle 2.2 und 4.2 (Arabische Länder, Vorderasien) viele Stände verwaist präsentieren – auch der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer nahm die Krise zum Anlass, um auf der Touristikmesse die Reisebranche aufzufordern, sich den neuen geopolitischen Herausforderungen anzupassen.
Die Zeiten der regelbasierten Weltordnung seien vorbei, erklärte der Grünen-Politiker in einer Keynote zur ITB Berlin 2026. Stattdessen würden jetzt die Regeln der Macht herrschen, repräsentiert durch die Weltmächte USA und China, zu denen vielleicht noch Indien hinzukomme. Sein Rat: Die führenden Köpfe des Tourismus sollten versuchen, präventiv zu agieren, möglichst „Teil der Diplomatie“ zu werden.
Fischer bedauerte, dass er keine positivere Weltsicht im Gepäck hätte. Konflikt, Naturkatastrophen und Krieg seien sozusagen unveränderliche Elemente des Daseins, und es sei eine Illusion, sie eliminieren zu können. Deshalb müsse sich auch der Tourismus anpassen. Als positive Nachricht formulierte er, dass trotz dieser Zeitenwende die Menschen nicht aufhören würden zu reisen. „Aber sie bezahlen nicht dafür, ihr Leben im Zimmer eines Luxushotels zu riskieren“, so Fischer.
Fischer habe den Krieg – die USA und Israel auf der einen, Iran auf der anderen Seite – erwartet. Spätestens als Israels Premier Benjamin Netanjahu in der vergangenen Woche nach Washington geflogen sei, sei ihm klar gewesen, dass eine Militäraktion bevorstehe. Welche konkreten Folgen sie haben werde und ob es alles positiv ausgehe, bezweifelte er.
Welche Lehren soll aus der aktuellen Nahostkrise gezogen werden?
Die Tourismusindustrie sollte nach Fischers Worten die Verhinderung gefährlicher Situationen mehr in ihr Reisemanagement integrieren und Krisenreaktion in die eigenen Regeln aufnehmen. Fischer nannte als warnendes Beispiel für solche Defizite den Tsunami in Thailand, der an Weihnachten 2004 nicht nur den Tourismus, sondern auch die Diplomatie unvorbereitet getroffen hatte.
Fischer war damals Außenminister, weiß also, wovon er spricht. Nicht nur die Urlauber, sondern auch die Beschäftigten der Botschaften und Konsulate vor Ort seien jeweils im Weihnachtsurlaub gewesen, was die Krisenreaktion erheblich erschwert habe, erinnerte er sich. Entsprechend sollte die Branche auch aus den Defiziten der Krisenreaktion im aktuellen Fall lernen.
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