08.08.2017 Scharfschützen zielten auf Zivilisten: Im Bosnienkrieg wurde Sarajevo fast vier Jahre belagert. Die einzige Verbindung nach draußen war ein Tunnel unter dem Flughafen. Der Ausgang ist heute ein Museum. Die Erinnerung an den Krieg zieht Touristen in die Stadt. Sarajevo (dpa/tmn) – Wo einmal der Tod durch Scharfschützen lauerte, hängen heute Blumenkästen vor den […]

08.08.2017

Scharfschützen zielten auf Zivilisten: Im Bosnienkrieg wurde Sarajevo fast vier Jahre belagert. Die einzige Verbindung nach draußen war ein Tunnel unter dem Flughafen. Der Ausgang ist heute ein Museum. Die Erinnerung an den Krieg zieht Touristen in die Stadt.

Sarajevo (dpa/tmn) – Wo einmal der Tod durch Scharfschützen lauerte, hängen heute Blumenkästen vor den Fenstern. Südlich des Flughafens von Sarajevo sind viele Häuser frisch gestrichen, Rosen und Himbeeren blühen in den Vorgärten. Schuppen, Gewächshäuser, Wäscheleinen: die beschauliche Idylle der Peripherie. Nur hin und wieder tuckert ein Auto vorbei. Die schmale Straße führt zu einem unscheinbaren Ort, ohne den es Sarajevo heute so nicht geben würde.

Der «Tunnel des Lebens» war während der Belagerung Sarajevos durch bosnisch-serbische Milizen die einzige Verbindung der muslimischen Bevölkerung der Stadt zur Außenwelt. Er führte einmal unter dem Flughafen hindurch. Auf diesem Weg gelangten Waffen, Munition, Medizin und Lebensmittel in die Stadt. Soldaten und Bewohner kamen unterirdisch hinein und wieder hinaus.

Der Eingang zum Tunnel jenseits des Belagerungsrings lag im Keller eines Privathauses im Vorort Butmir. Heute befindet sich dort ein kleines Museum, Adresse Ulica Tuneli 1. Man übersieht es fast, wären da nicht die vielen Einschusslöcher auf der Fassade.

«Für vier Stangen Zigaretten konnte man in der Stadt ein Fahrrad kaufen», erinnert sich Jasmin Hasanovic, der Touristen durch Sarajevo führt und die überschaubare Ausstellung mit Anekdoten belebt. Glatze, schwarzes T-Shirt, ein geduldiger Typ. Als die offizielle Blockade der Stadt im Mai 1992 begann, war er zwölf.

«Im Krieg wirst du schnell erwachsen», sagt Hasanovic. «Eigentlich war ich damals schon 20.» Clever war er auch: Im berüchtigten Holiday Inn, wo die Kriegsreporter untergebracht waren, besorgte er sich feine Marlboros und verkaufte sie mit Aufschlag weiter.

Der Tunnel erlaubte während des Kriegs gute Geschäfte. Vorrangig aber bewahrte er Sarajevo vor dem Fall, den die bosnischen Serben mit aller Macht erzwingen wollten.

Der Horror in nackten Zahlen: Im Schnitt feuerten die Milizen täglich 329 Granaten auf die Stadt, an einem Tag sogar 3777. Heckenschützen töteten gezielt Zivilisten, etwa in der «Allee der Scharfschützen». Identifiziert wurden 11 541 Tote, davon rund 1600 Kinder. Sarajevo war 1425 Tage eingekesselt, die längste Belagerung einer Stadt im 20. Jahrhundert.

Im Museum in Butmir informiert ein kurzer Film über den Schrecken jener Tage, der über die allabendlichen Fernsehnachrichten auch die deutschen Wohnzimmer erreichte. Der Schaufilm zeigt Geschäftsleute mit Anzug und Aktentasche, die über Straßen spurten, um nicht erschossen zu werden. Kriegsalltag, surrealer Irrsinn.

Als die Blockade begann, gab es noch keinen Tunnel. Der Flughafen als schwächster Punkt des Belagerungsrings war der einzige Korridor nach draußen. Wollten Menschen aus der Stadt oder wieder hinein, mussten sie über das 450 Meter breite Flugfeld rennen. Das wurde «fast zu einer sportlichen Disziplin», heißt es auf einer Museumstafel.

Im Juli 1992 übernahmen die Vereinten Nationen (UN) den Flughafen von den bosnischen Serben. Die Bewohner der Stadt wurden fortan aus der Luft versorgt, länger als während der Berliner Luftbrücke 1948/49. Doch der Transit von Zivilisten und bosnischen Soldaten über das Flugfeld blieb streng verboten.

Griffen die Blauhelme jemanden auf, setzten sie ihn wieder dort ab, wo er losgerannt war. «Also haben die Menschen einen Trick angewandt», erzählt Hasanovic. «Sie sind bewusst in entgegengesetzter Richtung geflohen. Die UN hat sie dann dorthin gebracht, wo sie hinwollten.» Ein «Gratis-Taxi», sagt der 37-Jährige amüsiert. Zeiten der Not haben ihre eigene absurde Komik.

Doch derartige Manöver waren höchst riskant und keine Dauerlösung, um Sarajevo verteidigungsfähig zu halten. Also begannen die Bosniaken mit dem Tunnelbau, unter größter Geheimhaltung.

Von beiden Seiten wurde gegraben. Projektname: Tunnel-DB, nach den beiden Vierteln Butmir und Dobrinja. Wer heute vom Außenbereich des Museums über das weite Flugfeld schaut, wundert sich: Wie war es möglich, sich in der Mitte zu treffen? Funk habe man nicht nutzen können, erklärt Hasanovic. Zu gefährlich. Also schob man immer wieder Stangen durch den Boden nach oben, zur Orientierung.

Vier Monate und vier Tage schufteten die Bosniaken unter Tage, im Juli 1993 wurde der Tunnel eröffnet. Ein Meter Breite, Höhe 1,60 Meter, 800 Meter Länge. Die wenigsten konnten darin aufrecht gehen. Holz aus den Wäldern jenseits des Belagerungsrings und Metallstreben aus einer Fabrik in Sarajevo stabilisierten Wände und Decken. Noch 25 Meter des Tunnels sind heute für Touristen geöffnet. Wer hinabsteigt, fühlt sich an einen Bergwerksschacht erinnert.

In den ersten Monaten wurde der Tunnel nur vom Militär genutzt, dann auch von Privatpersonen. Allerdings brauchte man eine Erlaubnis von der Polizei in Sarajevo. Einmal aus der Stadt gelangt, brachte ein Fahrer die Geflohenen mit einem kleinen Laster vom Tunnel weg in die Berge. Nachts, ohne Scheinwerfer. Jasmin Hasanovic nennt den Mann deshalb nur «crazy driver», den verrückten Fahrer. Das schrottreife Fahrzeug rostet heute im Garten des Tunnel-Museums vor sich hin.

Allzu lange dauerte es nicht, bis die bosnisch-serbischen Milizen von der Existenz des Tunnels wussten und den Ausgang unter Feuer nahmen – doch die Verbindung wurde nie gekappt. Im Gegenteil: Der Tunnel wurde noch ausgebaut. Die bosnische Armee legte Schienen durch den Schacht und nutzte Lorenwagen. Außerdem wurden eine Starkstrom- und eine Treibstoffleitung durch den Tunnel gelegt.

«Man durfte maximal 35 Kilo tragen, mehr nicht», erinnert sich Hasanovic. «Denn der Tunnel durfte nicht verstopfen, wenn jemand zusammenbrach.» Er selbst durchquerte den Tunnel zweimal, um seinen Cousin aus der Stadt zu bringen. Und nahm sich dabei eine Auszeit vom Krieg, sechs Monate verbrachte er in Tuzla bei Angehörigen.

Kein Wunder, das Leben im Belagerungszustand war hart. Im Museum ausgestellt sind auch die Versorgungspakete der Amerikaner. Nummer fünf war beliebt, erzählt Hasanovic, es enthielt Süßigkeiten. Die anderen Lebensmittel stießen auf weniger Liebe. Das Dosenfleisch ICAR, dem sogar ein ironisches Monument in Sarajevo gewidmet ist, stammte teilweise noch aus Zeiten des Vietnamkriegs. «Das haben nicht einmal Hunde gegessen. Sie haben uns mit 30 Jahre altem Essen ernährt, aber das wussten wir erst nach dem Krieg.»

Auf die UN ist Hasanovic nicht gut zu sprechen. «Wir haben sie nur United Nothing genannt», sagt er. Statt United Nations. Vereintes Nichts also – auf Deutsch geht das Wortspiel nicht auf. Wieder so ein trockener Kriegswitz. Tatsächlich war die internationale Gemeinschaft lange hilflos, Ultimaten verstrichen folgenlos. Das Drama nach dem Zerfall Jugoslawiens konnte fast ungestört seinen Lauf nehmen.

Nachdem der Marktplatz von Markale im Lauf der Belagerung wiederholt schwer beschossen wurde und Dutzende Menschen dabei starben, drehte die Stimmung. Die Nato nahm serbische Stellungen unter Feuer. Im Dezember 1995 wurde der sogenannte Dayton-Friedensvertrag unterzeichnet, die Blockade Sarajevos wenig später beendet. Die zerschossene Stadt wurde wieder aufgebaut.

Die Geschichte des Krieges ist heute eine Säule des Tourismus in Sarajevo, es gibt Führungen und Ausstellungen. Historisch hat die Stadt aber auch sonst viel zu bieten: die osmanische Altstadt mit dem Basar Bascarsija, Gotteshäuser aller Weltreligionen auf engstem Raum, Flaniermeilen aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Die Mehrheit der Bewohner in Sarajevo sind heute Muslime und sehr liberal. Daran hat die wachsende Zahl arabischer Touristen vom Golf noch nichts geändert. Verschleierte Kataris und Kuwaitis mischen sich unter bosnische Frauen mit schulterfreien Tops und kurzen Röcken.

Sarajevo wirkt auf Reisende einladend und weltoffen. Doch die Bosnier leiden unter hoher Arbeitslosigkeit und der Korruption in der Politik. «Es gab viele Versprechungen auf ein besseres Leben nach dem Krieg», sagt Hasanovic, der sein Auto in Richtung City lenkt. «Nichts davon wurde eingehalten.»

In Butmir kontrolliert ein Polizist an einer Dorfkreuzung die Autos, in der Hoffnung auf kaputte Blinker und dergleichen. Das Bußgeld dann bitte in bar. Doch dieses Mal gibt es nichts zu beanstanden. «Das Geld macht alles kaputt», sagt Hasanovic. Dass die verschiedenen Volksgruppen in Bosnien noch einmal aufeinander losgehen, glaubt er aber nicht. Heute sei man stärker vernetzt. «Hätten wir in den 90er Jahren alle Facebook gehabt, hätte es vielleicht keinen Krieg gegeben.»

Philipp Laage, dpa

 

Info-Kasten: Sarajevo

Reiseziel: Sarajevo ist die Hauptstadt des Balkanlandes Bosnien und Herzegowina. Der Staat besteht aus der Föderation Bosnien und Herzegowina und der Republik Srpska. Die drei großen Volksgruppen sind die bosnischen Muslime (Bosniaken), Serben und Kroaten.

Anreise und Formalitäten: Direktflüge von Deutschland nach Sarajevo gibt es nur mit Lufthansa ab München. Viele Umstiegsverbindungen gibt es etwa mit Austrian Airlines über Wien.

Übernachtung: Die meisten Touristen in Sarajevo wählen ein Hotel in der Altstadt oder deren naher Umgebung. Einige große internationale Hotelketten sind vor Ort, es gibt Herbergen aller Preisklassen bis zum Backpacker-Hostel. In einem guten Vier-Sterne-Hotel kostet das Doppelzimmer ab etwa 80 Euro pro Nacht.

Geld: Die Währung in Bosnien und Herzegowina ist die konvertible Mark, die in einem festen Wechselkurs an den Euro gekoppelt ist. 1 Euro sind 1,96 Mark. In Sarajevo lässt sich die Landeswährung bequem am Bankautomaten abheben. Das Preisniveau im Land ist deutlich niedriger als in Deutschland. Ein typisches Mittagessen (Cevapi) in einem einfachen Lokal ist für drei bis vier Euro zu haben.

Sicherheit: Sarajevo ist eine verhältnismäßig sichere Stadt, in der sich Touristen frei bewegen können. Im Zweifel vor Ort informieren, welche Gegenden nachts zu meiden sind. Bei Aktivurlaub im Land besteht weiterhin Gefahr durch Landminen. Auch hier sollte man sich gut informieren, welche Gebiete sicher zu bereisen sind.

Informationen: www.sarajevo-tourism.com