23.03.2017 Die Bahn hat über Kampf zum Spiel gefunden, sagt der neue Chef. Es gibt zwar noch viele Probleme, doch «Sparpreis»-Tickets haben Kunden aus dem Fernbus zurückgeholt. Der Rivale aber schläft nicht. Berlin (dpa) – Über Elefanten ist bekannt, dass sie kaum schneller daher trotten als ein Fußgänger. Müssen sie zum Angriff übergehen, setzen sich […]

23.03.2017

Die Bahn hat über Kampf zum Spiel gefunden, sagt der neue Chef. Es gibt zwar noch viele Probleme, doch «Sparpreis»-Tickets haben Kunden aus dem Fernbus zurückgeholt. Der Rivale aber schläft nicht.

Berlin (dpa) – Über Elefanten ist bekannt, dass sie kaum schneller daher trotten als ein Fußgänger. Müssen sie zum Angriff übergehen, setzen sich die Dickhäuter aber in Bewegung. Dann können sie mit einem Radfahrer mithalten. Richard Lutz, der neue Vorstandschef der Deutschen Bahn, steht im Berliner Bahnwerk Rummelsburg und zeigt auf einen ICE der neuesten Generation. «Dieser weiße Elefant da links neben mir wird dazu beitragen, dass in den nächsten fünf Jahren allein die Investitionen in den Fernverkehr auf über sechs Milliarden Euro ansteigen.»

Die Bahn scheut keine Kosten, um im Wettbewerb mit dem Auto, den Billigfliegern und dem Fernbus zu bestehen. Der moderne ICE4 – mit 250 Kilometern pro Stunde deutlich schneller als ein Elefant – steht sinnbildlich für das Programm «Zukunft Bahn», deshalb präsentiert Lutz vor dem Hochgeschwindigkeitszug seine erste Bilanz als Vorstandschef.

Die Botschaft: Millionenschwere Mühen um mehr Qualität und Kunden beginnen sich auszuzahlen. Die Bahn hat 2016 nach einem tiefroten Jahr wieder ein Gewinn von 716 Millionen Euro gemacht, trotz großer Probleme bei der Güterbahn sowie dem Konzernumbau. Nach kurzer Durststrecke meldet der Konzern wieder einen Fahrgastrekord in seinen ICE- und Intercity-Zügen – auch wenn der seinen Preis hatte: Von 139 Millionen Reisenden stiegen 24 Millionen mit einem 19-Euro-Fahrschein ein.

Es ist der Kampfpreis, mit dem die Bahn den Fernbus angreift. Seit der Marktfreigabe 2013 nutzen immer mehr Menschen die Busse, die zwar länger brauchen, oft aber billiger sind. Jetzt sagt Bahn-Vorstandsmitglied Berthold Huber: «Wir haben in diesem Segment sehr, sehr viele Kunden hinzugewonnen, die mehr als ein Jahr nicht Bahn gefahren sind – also wieder zurückgewonnen.» Dass der Umsatz im Fernverkehr trotz der Rabatte wächst, gibt Huber Recht.

Das Wort «Fernbus» nimmt die Bahnspitze bei der Bilanzvorlage erst auf Nachfrage überhaupt in den Mund. «Wir haben kräftig aufgeholt», meint Huber. «In manchen Dingen sind wir dem Fernbus jetzt vielleicht auch wieder eine Nasenspitze voraus.»

Die ganz große Dynamik auf dem Busmarkt ist tatsächlich vorbei, er ist bei 24 bis 25 Millionen Fahrgästen angelangt, wächst langsamer. Nach dem Rückzug von Post und Bahn dominiert der grüne Riese Flixbus den Markt. Aber hat die Bahn den Angriff damit abgewehrt?

Marktbeobachter wie das Berliner Iges-Institut sehen jedenfalls keine Probleme aufseiten der Fernbusanbieter – im Gegenteil. Die Branche sei auf einen realistischen Pfad eingeschwenkt, die Auslastung steige, das helfe, profitabler zu werden. Weiteres Marktwachstum sei möglich, ist Iges-Geschäftsführer Christoph Gipp sicher.

Erst am Mittwoch hat Flixbus angekündigt, bald mehr als 50 neue Haltestellen in Deutschland und Österreich ans Netz zu bringen, Mittelstädte wie Lippstadt in Westfalen, aber auch Kleinstädte wie das sächsische Löbau oder Wolpertshausen in Baden-Württemberg. Da macht der Bus schon dem Regionalzug Konkurrenz.

«Der Fernbus bleibt ein ernstzunehmender Wettbewerber», warnt Bahn-Manager Huber denn auch. Er drängt darauf, auch in Regionalzügen kostenloses WLAN anzubieten – womit die Bahn auch Kunden aus den Bussen in den ICE zurückgelockt hatte. Überhaupt hat der Konkurrent von der Straße dazu beigetragen, dass die Bahn zum Angriff überging.

«Manchmal haben wir erst über den Kampf zum Spiel gefunden, wie die Fußballer so schön sagen», meint der neue Konzernchef Lutz. Die Bahn komme heute pünktlicher und informiere die Kunden besser. Selbst der oft kritische Fahrgastverband Pro Bahn sagt, die Richtung stimme.

Wie der Bus sollen auch ICE und Intercity mehr Städte anfahren, das dauert aber länger. Bis 2030 wächst das Angebot um ein Viertel, so der Plan. Das soll die Fahrgastzahl noch einmal um 40 Millionen steigern. Von Weichensensoren bis zur Zugwartung werden Millionen Euro investiert, um die Bahn zuverlässiger zu machen.

Während Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darauf drängt, die Finanzsituation zu stabilisieren, kündigt Lutz neue Schulden an, will zwei Milliarden Euro über Anleihen einsammeln, trotz einer Finanzspitze des Bundes. Angreifen heiße wachsen, und wachsen heiße investieren, sagt der langjährige Finanzvorstand. Er ist zuversichtlich, den Konzern «in den nächsten Jahren» wieder auf stabile Füße zu stellen.

Viele neue Fahrgäste aus Flugzeug und Bus soll die neue Strecke Berlin-München mit Fahrtzeiten unter vier Stunden von Dezember an bringen, hofft Lutz. Dann geht auch der «weiße Elefant» ICE 4 in den Regelbetrieb.

Burkhard Fraune, dpa