London/Dublin Ryanair-Chef Michael O’Leary gefiel sich jahrelang als Luftfahrt-Clown. Seine skurrilen Vorschläge von Klogebühren und Stehplätzen an Bord sind Legende. Unter Druck von außen nähert er sich nun der Branchen-Mitte an. Der irische Billigflieger Ryanair ist eine Fluggesellschaft der Superlative. Keine Airline ist in den vergangenen Jahren so schnell gewachsen wie die Iren, keine europäische […]

London/Dublin

Ryanair-Chef Michael O’Leary gefiel sich jahrelang als Luftfahrt-Clown. Seine skurrilen Vorschläge von Klogebühren und Stehplätzen an Bord sind Legende. Unter Druck von außen nähert er sich nun der Branchen-Mitte an.

Der irische Billigflieger Ryanair ist eine Fluggesellschaft der Superlative. Keine Airline ist in den vergangenen Jahren so schnell gewachsen wie die Iren, keine europäische Fluggesellschaft hat so viele pünktliche Flüge, keine hat so niedrige Preise wie Ryanair – zumindest wenn man nicht den offiziellen Statistiken glaubt, sondern Unternehmenschef Michael O’Leary. Doch die Airline ist auch bei ihren eigenen Kunden sehr umstritten.

So sehr, dass jetzt sogar Michael O’Leary einlenkt, der ewig wortgewaltige Rebell der Luftfahrtbranche. Der Vorstandschef hatte bei einer Fragen-und-Antworten-Session auf dem Internet-Dienst Twitter einen mit persönlichen Beleidigungen gewürzten und so wohl nicht ganz erwarteten Sturm der Entrüstung abbekommen. Die Kunden am Hauptmarkt Großbritannien wählten Ryanair zu einer der schlechtesten Marken. Gleichzeitig formierten sich die Piloten der Fluglinie erstmals zu einer Art Betriebsrat – was ein Novum in der Firmengeschichte bedeutet.

Es könnte auch als Reaktion auf diese Entwicklungen verstanden werden, dass sich Ryanair nun den Normalos unter den Fluggesellschaften annähert: Ein Handtäschchen oder eine Plastiktüte kostet künftig als zweites Handgepäckstück nicht mehr extra, bald soll es sogar festgelegte Sitzplätze für jeden Passagier geben.

Die Iren folgen damit ihrem britischen Billig-Konkurrenten Easyjet, der dies bereits seit mehreren Monaten erfolgreich ausprobiert hat. Auch wer vergisst, seine Bordkarte am heimischen Computer auszudrucken, soll bei Ryanair künftig keine zusätzlichen Mondpreise mehr am Schalter bezahlen müssen.

O’Learys Strategie ist keineswegs neu. Schon vor drei Jahren hatte er angekündigt, er wolle mit Ryanair künftig mehr Service bieten und dafür auch höhere Preise verlangen – und warf gleichzeitig selbst die Frage auf, ob er als bekennender Lautsprecher dann noch der richtige Vorstandschef sei.

Es ist aus Sicht von Experten ein konsequenter Schritt. Die Billiganbieter wie Ryanair haben in den vergangenen Jahren ihren Marktanteil am europäischen Luftverkehr auf 45 Prozent geschraubt. Viele Marktinnovationen kämen aus dem Low-Cost-Sektor, resümiert etwa die Unternehmensberatung A.T. Kearney.

Nun kommt für Ryanair neben der strategischen Ausrichtung ein gewisser finanzieller Druck hinzu. Der Gewinn dürfte am Ende des Geschäftsjahres im März 2014 um 50 Millionen Euro niedriger als erwartet bei rund 520 Millionen Euro liegen, wie Ryanair am Montag bekanntgab. Im Branchenvergleich ist das allerdings noch immer eine ganz ordentliche Ausbeute.

Nach Auffassung von Kritikern hat es bisher mit dem zusätzlichen Service noch nicht so richtig geklappt. Und auch nicht mit den höheren Preisen. Ryanair hat Kunden verloren. Am Montag mussten die Iren ihre Prognose korrigieren, im Geschäftsjahr 2013/2014 auf mehr als 81,5 Millionen Kunden zu kommen. Der Preisdruck in der Billigflug-Branche ist hoch, auch durch Neuankömmlinge wie etwa Norwegian. „Wir haben eine Zeit schwacher Preise, deswegen haben wir eine Gewinnwarnung aussprechen müssen“, sagte O’Leary zur Begründung.

O’Leary wäre nicht O’Leary, wenn er nicht auch daraus das Positive für sich ziehen würde. In Zeiten großen Preisdrucks werde Ryanair als billigster Anbieter natürlich am meisten profitieren, rechnet er vor und kommt – den verfehlten Gewinnzielen zum Trotz – zu dem Schluss: „Das Geschäft lief nie besser als heute.“ Die Aktionäre sehen das offenbar ein bisschen differenzierter. Der Kurs der Ryanair-Aktie gab am Mittwoch vergangener Woche um bis zu elf Prozent nach.

Quelle: dpa