28.01.2014 Seit Monaten sucht die Lufthansa einen neuen Vorstandschef. Der Druck steigt, denn die lange Wartezeit birgt Risiken für den neuen Chef wie auch für das Unternehmen insgesamt. Frankfurt/Main – Bei Lufthansa wächst der Druck, einen neuen Chef vorzustellen. Mehr als vier Monate sind vergangen, seit Christoph Franz im September seinen Weggang zum Schweizer Pharma-Riesen […]

28.01.2014

Seit Monaten sucht die Lufthansa einen neuen Vorstandschef. Der Druck steigt, denn die lange Wartezeit birgt Risiken für den neuen Chef wie auch für das Unternehmen insgesamt.

Frankfurt/Main – Bei Lufthansa wächst der Druck, einen neuen Chef vorzustellen. Mehr als vier Monate sind vergangen, seit Christoph Franz im September seinen Weggang zum Schweizer Pharma-Riesen Roche bekanntmachte und so Europas größtem Luftverkehrskonzern mitten in einer harten Sanierung eine schwierige Nachfolgediskussion bescherte. Der sofort als Favorit und «natürlicher Nachfolger» eingeschätzte Passage-Chef Carsten Spohr hat offenbar an Boden verloren. Nun wird mit dem früheren Telekom-Chef René Obermann erstmals ein Branchenfremder als möglicher Unternehmensführer gehandelt. Lufthansa beteuert allerdings, dass das Verfahren noch nicht abgeschlossen sei.

Ursprünglich war eine Vielzahl interner Kandidaten diskutiert worden, aus denen der umgängliche Spohr als eindeutiger Favorit herausragte. Seine Konkurrenten waren der Chef der erfolgreichen Tochter Swiss, Harry Hohmeister, Cargo-Chef Karl Ulrich Garnadt und Catering-Manager Walter Gehl.

Doch der frühere Lufthansa-Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber will bei der Suche seines Nach-Nachfolgers keine Fehler machen und sich daher nicht vorschnell festlegen. Er hat ein komplexes Auswahlverfahren installiert, das interne und externe Bewerber durchlaufen müssen. Misstrauisch verfolgen vor allem angelsächsische Investoren das vom langjährigen Lufthansa-Übervater Jürgen Weber installierte «Old-Boys»-Netzwerk bei dem Dax-Konzern. Schon die Bestellung Mayrhubers zum Aufsichtsratsvorsitzenden im Mai 2013 verlief äußerst holprig, weil sich einige Fonds an weiteren Aufsichtsmandaten und der aus ihrer Sicht zu kurzen Abkühlungszeit des früheren Chefs störten, der nun die Aufsicht über seine Nachfolger führt.

Aus Sicht des Analysten Jürgen Pieper von der Privatbank Metzler ist Spohr der «perfekte Kandidat». Der Wirtschaftsingenieur habe in allen bisherigen Funktionen beim Kranich schnell gute Ergebnisse gebracht und könne als Airbus-Pilot die Belegschaft nach den harten, von Franz verordneten Sparschnitten auf dem weiteren Weg mitnehmen.

Das ist wichtig: Wie kein anderes Unternehmen muss sich Lufthansa permanent mit mehreren untereinander konkurrierenden Gewerkschaften für verschiedene Beschäftigtengruppen auseinandersetzen. Unter Franzens harter Hand streikten das Bodenpersonal wie auch die bis dahin als brav geltenden Kabinen-Crews. Aktuell denken die rund 5000 Piloten der Gesellschaften Lufthansa und Germanwings über einen Arbeitskampf nach. Sie streiten sich seit zwei Jahren mit dem Unternehmen um einen neuen Gehaltstarif.

Hintergrund der Personalsuche ist das 2011 implantierte Sparprogramm «Score», das quer durch alle Bereiche zu schmerzhaften Einschnitten geführt hat und das Jahresergebnis 2015 um 1,5 Milliarden Euro erhöhen soll. Franz hat kaum einen Stein auf dem anderen gelassen, er hat die historische Konzernzentrale in Köln ebenso geschlossen wie Rechenzentren und Verwaltungseinheiten ausgelagert. 3500 Jobs in der Verwaltung werden gestrichen. Spohr musste als Chef des Kerngeschäfts Passage mit rund 900 Millionen Euro den Löwenanteil der Sparpotenzials bringen und hat das Programm voll mitgetragen.

Die Dauer der Chef-Suche hat Spohrs Ansehen bereits beschädigt. Sie nähre den Verdacht, dass seine Qualitäten intern angezweifelt werden könnten, meint etwa Commerzbank-Analyst Johannes Braun. Laut «Handelsblatt» sind einige Aufsichtsräte unzufrieden mit Spohrs Sparbemühungen. Sollte ein anderer Manager Chef des Kranich-Konzerns werden, müsste der 47-Jährige das Unternehmen eigentlich umgehend verlassen, um sein Gesicht zu wahren.

Der Job als Franz-Nachfolger ist ohnehin kein leichter. Die mageren operativen Ergebnisse von um die 650 Millionen Euro bei einem Umsatz jenseits der 30 Milliarden Euro sind zum Teil einer fast irrationalen Konkurrenzsituation geschuldet. Mit vielen Milliarden Petro-Dollars bauen die Emirate Katar, Abu Dhabi und Dubai die Kapazitäten ihrer Luftfahrtindustrie aus, die angesichts der bestellten Flugzeugkapazitäten auch Passagiere aus Europa locken muss. Auf dem kleinen Heimatmarkt muss sich Lufthansa weiter mit der Konkurrenz der Billigflieger auseinandersetzen. Der Nachfolger von Franz muss das Sparprogramm nicht zu Ende führen, sondern verstetigen.  (Christian Ebner, dpa)